Handball

Die verrücktesten 79 Sekunden dieser Handballsaison

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Leere im Gesicht von Csaba Szücs (r.), Nachdenklichkeit bei Fabian Gutbrod. Der BHC hat beim Stand von 27:30 eigentlich schon verloren (oben). Keine zwei Minuten später liegen sich die Löwen in den Armen. Es ist das glückliche Ende eines verrückten Handballabends.

Handball-Bundesliga: Der Bergische HC demonstriert beim 30:30 in Hannover, was diesen Sport so faszinierend macht.

Von Thomas Rademacher

Sebastian Hinze fand beim Stand von 17:17 in der Auszeit klare Worte, als der Bergische HC einen Fünf-Tore-Vorsprung bei der TSV Hannover-Burgdorf aus der Hand gegeben hatte. „Es ist völlig egal, was gerade passiert ist“, leitete der Bundesliga-Trainer ein. Es folgten taktische Anweisungen, kein Rückblick, kein Grübeln über die vergebene Chance davonzuziehen – diese vom 41-Jährigen in dieser Situation gelebte Stärke, sich immer nur auf die nächste Aktion zu konzentrieren, hat sein Team verinnerlicht. Der Bergische HC spielte die Partie in der Handball-Bundesliga fokussiert bis zum Ende. Dass diese Eigenschaft in den verrücktesten 79 Sekunden der gesamten Spielzeit gipfelte, zeigt den gesamten positiven Wahnsinn dieses Sports. Wir blicken zurück auf die spektakuläre Endphase des 30:30-Krimis.

Noch 79 Sekunden: TSV-Coach Carlos Ortega nimmt beim 29:27-Vorsprung seines Teams eine Auszeit. Der Spanier spricht recht gebrochenes Englisch und ist in der Hektik anscheinend nicht von allen Spielern zu verstehen. Zumindest lässt die Reaktion der Handballer darauf schließen. Vier Sekunden nach dem Wiederanpfiff scheint dies aber völlig egal zu sein. Ex-BHCer Fabian Böhm erzielt mit seinem neunten Treffer das 30:27. Die 1635 Fans in der Zag-Arena feiern bereits den Sieg ihres Teams.

Noch 69 Sekunden: Mental haben wohl auch die TSV-Spieler bereits mit der Partie abgeschlossen. Sie traben freudig zurück, während BHC-Torhüter Tomas Mrkva den Ball schnell Richtung Mittelkreis zum Anwurf feuert, und der überragende Spielmacher Tomas Babak ungestört im Vollsprint durchläuft und aus sechs Metern das 28:30 markiert.

Noch 54 Sekunden: Die Löwen haben nur noch eine Minimalchance. Sie müssen durch ihre offene Manndeckung ganz schnell die Kugel bekommen oder Hannover einfach werfen lassen, um auf eine Parade von Mrkva zu hoffen. „Irgendwann mussten wir sie schießen lassen, sonst wäre uns die Zeit davon gelaufen“, wird Tomas Babak später sagen. Und tatsächlich: Fabian Böhm tut dem BHC den Gefallen, indem er sehr schnell den Weg zum Tor sucht. Doch Tomas Mrkva ist zur Stelle und pariert.

Noch 36 Sekunden: David Schmidt wirft in den Block, wird dabei aber gefoult. Freiwurf – Babak hat den Ball, dribbelt, wackelt und tankt sich zum 29:30 durch. Eine sensationelle Einzelaktion. Beim Zurücklaufen zeigt der Tscheche hektisch an, dass Hannover doch bitte schnell anwerfen soll. Dem 26-Jährigen ist anzumerken, dass er noch ganz fest an eine überraschende Wende glaubt.

Noch 19 Sekunden: Die Löwen haben nur noch eine Chance. Sie müssen den Hannoveranern die nächste Wurffalle stellen. Die Hausherren wirken in diesen Momenten völlig überfordert. Sie scheinen überhaupt nicht darüber nachzudenken, wie sie das Tempo verschleppen können, um irgendwie wichtige Zeit von der Uhr zu nehmen. Die tickt schließlich nach wie vor für sie. Alfred Jönsson sieht die freie Bahn Richtung Tor und nutzt sie. Die Endstation heißt aber wieder Mrkva. Der BHC hat den Ball.

Noch neun Sekunden: David Schmidt beweist ein Mal mehr sein Selbstvertrauen und will es wissen. Er sucht den Zweikampf, geht an den Kreis und wird gefoult. Die Unparteiischen entscheiden auf Siebenmeter und stoppen die Zeit sechs Sekunden später. Schmidt knallt voller Freude den Ball auf den Boden.

Noch drei Sekunden: Arnor Gunnarsson schreitet zur Tat. Genau der, der in nahezu identischer Situation gegen die HSG Wetzlar vergeben hatte. Der Isländer bleibt cool und sichert dem BHC diesen – eigentlich unmöglichen – Punktgewinn. David Schmidt trifft nachher den Nagel auf den Kopf: „Es tut mir leid, wenn jemand zwei Minuten vor Schluss den Fernseher ausgeschaltet hat. Man darf uns niemals aufgeben.“ Den Beweis hat die Truppe eindrucksvoll erbracht.

Ausblick

Bundesliga: Aktuell steht der BHC sensationell auf dem zweiten Platz. Am Wochenende haben aber gleich acht Teams die theoretische Chance, sich vor die Löwen zu setzen - natürlich nicht alle gleichzeitig.

Das nächste Spiel: Am Samstag, 31. Oktober, empfangen die Bergischen die SG Flensburg-Handewitt in der Klingenhalle. Noch hofft der Verein auf die Zulassung von Zuschauern, der Inzidenzwert müsste nach Lage der Dinge aber auf 35 sinken.

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