Handball-Bundesliga

Umstrittene Entscheidung kostet die Punkte

Während Teamassistent Jan Artmann (r.) der Ärger über das Spielende ins Gesicht geschrieben stand, war der Frust bei den BHC-Profis enorm.
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Während Teamassistent Jan Artmann (r.) der Ärger über das Spielende ins Gesicht geschrieben stand, war der Frust bei den BHC-Profis enorm.

Beim TVB Stuttgart führt der Bergische HC deutlich, verliert aber wieder mit dem letzten Wurf 26:27.

Von Thomas Rademacher

Einen selbstbewussten Auftritt beim TVB Stuttgart hatte sich Trainer Jamal Naji von seinem Bergischen HC trotz der 26:27-Niederlage gegen die Rhein-Neckar Löwen gewünscht. Die Tatsache, dass die Mannschaft gegen das „heißeste Team der Bundesliga“ so kurz vor der Überraschung gestanden hatte, sollte als Katalysator dienen. Das gelang in der ersten Halbzeit. Doch nach Wiederanpfiff verloren die Gäste ihre Linie und hätten trotzdem noch gewinnen können. Die 26:27 (17:12)-Niederlage könnte die Folge einer krassen Fehlentscheidung der Schiedsrichter gewesen sein.

Was war passiert? Die Partie stand beim Stand von 26:26 auf des Messers Schneide, als Stuttgart zum letzten Angriff ansetzte. Die Unparteiischen entschieden etwa 15 Sekunden vor Schluss auf Stürmerfoul gegen die Schwaben, was den BHC eigentlich zurück in Ballbesitz brachte. Nach längerer Diskussion gewährten sie aber dem TVB eine Auszeit. Diese kann freilich nicht mehr nach dem Pfiff genommen werden, doch Stuttgarts Trainer Michael Schweikardt räumte im Interview auf Sky ein: „Ich dachte, es hätte Freiwurf für uns gegeben. Deshalb habe ich spät gebuzzert.“ Was bedeutet, dass er die Auszeit nicht rechtzeitig – seit dieser Saison drückt man auf einen Buzzer – genommen hatte.

Das Bittere aus BHC-Sicht: Sie hätten bei einem „Buzzern“ in den eigenen Angriff hinein sogar einen Siebenmeter zugesprochen bekommen, da sich das Ereignis in den letzten 30 Sekunden zutrug. So aber blieben die Schwaben in Ballbesitz und trafen durch Adam Lönn in letzter Sekunde zum Sieg. „Mein erster Impuls war, dass wir den Ball schon hatten“, sagte Jamal Naji. „Es wäre wirklich extrem bitter, wenn wir wegen dieses Schnitzers das Spiel verloren haben.“

„Mein erster Impuls war, dass wir den Ball schon hatten.“

Jamal Naji, BHC-Trainer

Aus sportlicher Sicht erlebten knapp 3500 Fans in der Porsche-Arena eine Partie, die in beiden Halbzeiten unterschiedlicher nicht hätte sein können. Naji wartete gleich zu Beginn mit einer Überraschung auf. Nicht Peter Johannesson, der am Donnerstag überragend gehalten hatte, begann zwischen den Pfosten, sondern Christopher Rudeck. Der Coach bewies damit ein gutes Händchen, denn Rudeck war in Kombination mit der Deckung von Anfang an ein entscheidender Faktor. Während sich der BHC offensiv zunächst noch an TVB-Keeper Silvio Heinevetter aufrieb, hielt die Defensivreihe den Erfolgsdruck in Grenzen.

Spätestens nach dem Stuttgarter 4:2 fanden die Gäste im Angriff aber nicht nur gute Lösungen, sondern nutzten sie auch. Die Rückraum-Achse mit Linus Arnesson, Lukas Stutzke und Simen Schönningsen funktionierte – Anspiele an den Kreis gelangen. Überragender Mann der ersten Hälfte war Frederik Ladefoged, der fünf Mal aus sechs Metern warf und traf. Selbstvertrauen holte sich auch Djibril M'Bengue mit einem Knaller-Tor über den Stuttgarter Block, als kein Pass mehr erlaubt war.

Das 17:12 zur Halbzeit genügte den Gästen aber nicht, um souverän dem Sieg entgegen zu steuern. Rudeck hielt zwar weiterhin stark, doch auf der anderen Seite nahm Heinevetter auch viel weg. Dazu leistete sich das Team auch immer mehr technische Fehler. Je länger die Partie dauerte, desto schlechter lief es im Positionsangriff. Der Trainer appellierte in seinen Auszeiten jeweils, kühlen Kopf zu bewahren. Doch wenn das Team einen guten Angriff vortrug, scheiterte es zu häufig – wie etwa durch Yannick Fraatz und Tim Nothdurft von den Außenpositionen.

Die Stuttgarter freute es. Sie kamen heran, erzielten vier Tore in Serie bis zur 24:22-Führung. Mit dem siebten Feldspieler erzwang der BHC nun Tore, glich beim 26:26 durch Noah Beyer wieder aus. Dass es dann nicht zumindest zu einem Punkt genügte, war aus Löwensicht maximal bitter. Es war das zweite 26:27 mit dem letzten Wurf in Folge und bereits die dritte Ein-Tor-Niederlage der noch jungen Saison.

Rudeck: „Wir wurden verschaukelt“

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Christopher Rudeck war nach Spielschluss angefressen. Nicht nur, weil der Bergische HC trotz seiner 17 Paraden (Fangquote 42,5 Prozent) mit 26:27 (17:12) verloren hatte. Sondern vor allem aufgrund der Ereignisse in den letzten Minuten. Der Torhüter haderte mit zahlreichen Konzessionsentscheidungen des Schiedsrichtergespanns. „Ich erwarte, dass am Ende das gepfiffen, was gesehen wird – und es keine Rolle spielt, ob vorher eine vergleichbare Entscheidung zugunsten der anderen Seite ausfiel.“

Christopher Rudeck parierte 42,5 Prozent der Bälle auf sein Tor, verließ aber extrem verärgert das Feld.

Konkret entschieden die Julian Köppl und Denis Regner bei einem Wurf an den Kehlkopf von Silvio Heinevetter „korrekterweise“ nicht auf zwei Minuten. „Denn das ist nach Regel kein Kopftreffer. Am Ende bekomme ich aber von Patrick Zieker den Ball an den Kopf – und sie geben wieder nichts.“ Bereits das hatte für Rudeck einen Beigeschmack. „Und am Ende wurden wir verschaukelt.“ So habe der Technische Delegierte der Handball-Bundesliga – eingeteilt war Bernd Andler – ihm bestätigt, dass er den Schiedsrichtern bei der umstrittenen Stuttgarter Auszeit mitgeteilt habe, dass diese erst nach dem Stürmerfoul-Pfiff genommen worden sei. „Warum die Schiedsrichter das dann anders auslegen, kann ich mir nicht erklären.“ Fakt ist aber, es hat bereits zuvor eine Diskussion um eine Stuttgarter Auszeit gegeben.

„Unabhängig davon hätten wir es nie zu dieser Situation kommen lassen dürfen. In der zweiten Halbzeit waren wir nicht da, und dann kam auch noch der Kopf im Abschluss hinzu“, fand Rudeck. Trainer Jamal Naji beschränkte sich in seiner Analyse aufs Sportliche: „Wir müssen nach den Aspekten suchen, warum am Ende eine Szene entscheidet. In der zweiten Halbzeit lassen wir sieben freie Chancen liegen. Das ist wahnsinnig viel.“

Geschäftsführer Jörg Föste sprach von einem Schluss, der so unglücklich lief, „wie es nur laufen kann“, betonte aber auch, dass die Mannschaft ihre zunächst gute Linie verloren habe. „Die dritte Niederlage mit einem Tor ist für den Augenblick extrem ernüchternd.“ -trd-

Lukas Stutzke

Da Deutschland als Gastgeber der Handball-Europameisterschaft 2024 bereits qualifiziert ist, bestreitet die Mannschaft von Bundestrainer Alfred Gislason den EHF Euro Cup, während andere Nationen die Quali absolvieren. Mit dabei: Lukas Stutzke vom Bergischen HC. Der Rückraumspieler erhielt die Einladung, fährt am 10. Oktober zum Lehrgang und wird drei Tage später in Mannheim gegen Schweden im Aufgebot stehen. Am 15. Oktober geht es nach Spanien.

Kommentar von Thomas Rademacher: Technik versagt

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

Stolz war man in der Handball-Bundesliga auf die Einführung der Buzzer-Technik. So würde das Spiel mit dem Drücken des Knopfes unmittelbar für eine Auszeit unterbrochen und nicht – wie zuvor – erst mit Verzögerung. Die Idee ist gut, die Umsetzung hapert gewaltig. Warum ist es nicht möglich, im Match zwischen dem TVB Stuttgart und Bergischen HC 15 Sekunden vor Schluss beim Stand von 26:26 herauszufinden, wann auf den Buzzer gedrückt wurde? Dieser Umstand entschied – unabhängig von der schwachen BHC-Leistung in Halbzeit zwei – über Sieg und Niederlage. Das ist mit Verlaub einfach nur schwach.

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