Handball

Ohne Anführer, ohne Biss: BHC zum Wegschauen

Fabian Gutbrod (l.), Lukas Stutzke (M.) und Linus Arnesson waren zum Zuschauen verdammt. Es war für das verletzte Trio offenbar schwierig auszuhalten. Foto: Mathias M. Lehmann
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Fabian Gutbrod (l.), Lukas Stutzke (M.) und Linus Arnesson waren zum Zuschauen verdammt. Es war für das verletzte Trio offenbar schwierig auszuhalten.

Analyse: Die 21:25-Niederlage bei Bundesliga-Schlusslicht GWD Minden ist ein Tiefpunkt.

Von Thomas Rademacher

Der Bergische HC hatte sich viel vorgenommen für die Partie bei GWD Minden. Ein Sieg hätte wie ein Befreiungsschlag gewirkt. Sogar der Sprung auf den zwölften Rang in der Handball-Bundesliga wäre möglich gewesen. Stattdessen aber gewann der bis dahin zu Hause sieglose Tabellenletzte mit 25:21, bekommt damit Rückenwind für den Abstiegskampf, und die Blicke bei den Bergischen müssen sich nach unten richten. Rang 15 steht zu Buche – Tendenz fallend. Denn wo, wenn nicht in Minden, soll der BHC in diesen Tagen gewinnen? Die Partie in der Kampa-Halle hatte Zweitliga-Niveau, die Löwen waren zum Schluss völlig von der Rolle. Wie konnte es dazu kommen?

Die Ausfälle

Yannick Fraatz und Maciej Majdzinski haben in dieser Saison noch keine Partie absolviert. Dass die beiden fehlen, kann nicht als Erklärung dienen. Wohl aber die Abstinenz von drei Rückraumspielern: Lukas Stutzke (Muskelbündelriss), Linus Arnesson (Sprunggelenk) und Kapitän Fabian Gutbrod (Schulter) fehlen bis auf weiteres verletzungsbedingt. Am ehesten könnte Stutzke noch in diesem Jahr in den Kader zurückkehren, doch auch das ist fraglich. Damit sind Alexander Weck und Tomas Babak auf den Rechtshänder-Positionen des Rückraums auf sich alleine gestellt. Babak war in Minden bester BHCer, Weck hat Fehler gemacht, doch ihm einen Vorwurf zu machen, wäre falsch. Mit 21 Jahren ist er jüngster Spieler des Kaders und stand auf Bundesliga-Level noch nie alleine über einen längeren Zeitraum in der Verantwortung. Keine Frage, die Ausfälle wiegen schwer. In Minden hätte die Mannschaft trotzdem gewinnen können, wenn nicht sogar müssen.

Die Leistung der Etablierten

Csaba Szücs erreichte in der Deckung nicht sein übliches Niveau, David Schmidt ist im rechten Rückraum ein Schatten seiner selbst. Der Linkshänder war nach der Pause so abgeschrieben, dass sich die Mindener Abwehr darauf verlegen konnte, gegen Weck und Babak zu verteidigen – was ihr über weite Strecken auch gut gelang. Rechtsaußen Arnor Gunnarsson war unverschuldet abgemeldet auf seiner Position, weil sich das Spielgeschehen komplett auf die linke Seite verlagert hatte. Linksaußen Jeffrey Boomhouwer ließ erneut glasklare Chancen aus, und von beiden Torhütern kam insgesamt relativ wenig Hilfe. Zudem ist Max Darj nach seiner Verletzung noch nicht wieder so stark wie vorher. Eigentlich gehört er zu den besten Abwehrspielern der Liga. Bei ihm war aber zumindest erstens das Feuer spürbar, und zweitens war er es eben erst sein zweites Spiel seit knapp zwei Monaten.

Die Joker stechen nicht

Trainer Sebastian Hinze nutzte die Optionen, die er hatte. Simen Schönningsen kam für Schmidt, doch der Norweger strahlte überhaupt keine Torgefahr aus. Der für Boomhouwer eingewechselte Sebastian Damm vergab ebenfalls und leistete sich zudem zwei technische Fehler.

Chancentod BHC

Die Abschlusseffektivität des Bergischen HC ist in den vergangenen Spielen auf einem rekordverdächtig niedrigen Level. Die Löwen verhelfen den gegnerischen Torhütern inzwischen in Regelmäßigkeit zu Fabelquoten. So hielt Malte Semisch gestern 38,24 Prozent der Bälle – was sein Saison-Höchstwert über ein komplettes Spiel ist. Auch Berlins Dejan Milosavljev und Wetzlars Till Klimpke gelangen gegen den BHC mit 60,71 beziehungsweise 52,94 Prozent persönliche Bestleistungen. Zweifelsohne sind die Torhüter alle gut, doch die Abschlussquote war beim BHC wohl noch nie so schlecht über einen längeren Zeitraum wie derzeit.

Die Einstellung

Die Gründe dafür sind sicher vielfältig. Aber es liegt kaum daran, dass das System nicht funktioniert. Es gelang der Mannschaft in Minden immer wieder, gute Wurfchancen zu kreieren. Als aber zwei, drei Bälle nicht das Ziel fanden, brachen die Löwen mental auseinander. Mit jeder missglückten Aktion gingen die Köpfe ein bisschen mehr runter. Natürlich will sich kein Spieler aufgeben, doch von einer leidenschaftlichen Gegenwehr war wenig bis nichts zu spüren. Stattdessen entwickelte GWD immer mehr Biss, sich für seinen Kampf zu belohnen, und schien die Gäste damit zu beeindrucken. Prägendste Szene: Mindens Mohamed Darmoul sprintete über das gesamte Feld, um einen Abpraller vom Pfosten zu bekommen und überholte dabei den kompletten BHC.

Fehlende Führung

Die Mannschaft befindet sich in einer schwierigen Lage, aus der sie sich offensichtlich nicht über die eigene Qualität befreien kann. Bei allem Respekt vor GWD Minden: Die Ostwestfalen waren extrem fehlerbehaftet und schlagbar, aber der BHC erinnerte mehr an Katzen als an Löwen. In dieser Situation fehlt dem Team ein Spieler, der klare Ansagen macht und das Heft in die Hand nimmt. Babak ist ein exzellenter Spielmacher, doch er ist auch ein Ruhepol. Seit Viktor Szilagyi weg ist, wurde er noch nie so vermisst wie jetzt. Max Darj kann diese Aufgabe übernehmen, doch er ist wohl noch zu sehr mit seiner eigenen Frustration beschäftigt.

Und der Trainer? Es ist nicht der Stil von Sebastian Hinze, die Mannschaft in einer Auszeit emotional anzusprechen, um sie aufzuwecken. Er pflegt den analytischen Stil, der oft funktioniert. Ohne Führungsspieler allerdings sind seine Ansagen in Minden verpufft. Er forderte zum Beispiel, dass der Rückzug im Vollsprint zu erledigen sei. Im Ergebnis spurteten alle nach dem nächsten Angriff zurück. Danach immer weniger. Es fehlte die Emotion, die Leidenschaft, der unbedingte Wille: Ja, es war ein BHC zum Wegschauen.

Rund um den BHC

Restprogramm: In der Bundesliga sind die Löwen noch gegen den SC Magdeburg (18. Dezember), beim TBV Lemgo (23.) und HSV Hamburg (27.) gefordert. Es folgt die EM-Pause bis Anfang Februar.

Absteiger: Zwei Mannschaften müssen in dieser Saison aus der Bundesliga absteigen. Der BHC hat noch ein Polster von vier Punkten.

Podcast: GWD Minden vs. Bergischer HC - Stimmen zum Spiel mit Csaba Szücs

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