Handball-Bundesliga

BHC: Medizinischer Notfall sorgt für Spielabbruch

Es fehlten die Worte. Hallensprecher Jens Scheffler konnte nur noch den Abbruch des Spiels verkünden. Foto: Kurt Kosler
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Es fehlten die Worte. Hallensprecher Jens Scheffler konnte nur noch den Abbruch des Spiels verkünden.

Der Sport rückt im Duell des Bergischen HC gegen die HSG Wetzlar komplett in den Hintergrund.

Von Thomas Rademacher

Das „Endresultat“: Die Bundesliga-Begegnung zwischen dem BHC und Wetzlar wurde beim Stand von 19:21 knapp neun Minuten vor Schluss gestoppt.

19:21 liegt der Bergische HC im Bundesligaspiel gegen die HSG Wetzlar hinten. Gerade kommt Filip Mirkulovski für die Gäste zum Wurf, da wird es hektisch. Auf der Tribüne ist ein Zuschauer zusammengebrochen. Die Unparteiischen unterbrechen die Partie, BHC-Physiotherapeut Severin Feldmann läuft über das Feld, ihm folgen weitere Ersthelfer und Ärzte. Schnell ist klar, dass die Lage ernst ist. Als die Mannschaften das Feld verlassen, herrscht in der Wuppertaler Unihalle bereits eine bedrückende Stille. Wenig später ist nur noch das Piepen der medizinischen Geräte zu hören. Ganz offensichtlich muss der Zuschauer wiederbelebt werden.

Die nächsten Minuten fühlen sich quälend lang an. Während Ärzte – unter anderem BHC-Mannschaftsarzt Oliver Riemann – um das Leben des über 80-Jährigen kämpfen, kümmern sich die Helfer in der Halle um die notwendige Pietät. Mit einer Fanclub-Fahne verdecken sie den Ort des Geschehens und schützen den Mann damit vor neugierigen Blicken. Wobei es in keiner Weise zu Gafferszenen oder ähnlichem kommt. Die 1573 Fans in der Unihalle verhalten sich sehr rücksichtsvoll.

In der Kabine sind sich alle Beteiligten schnell im Klaren darüber, dass an Handball spielen nicht mehr zu denken ist. Eine solche Situation, in der aus einem sportlichen Wettbewerb plötzlich ein Kampf um Leben und Tod wird, haben die meisten Handballer noch nicht erlebt. In der Unihalle geht das Geschehen an niemandem spurlos vorbei. Die Sportler entscheiden schnell, dass sie nicht mehr auf das Feld zurückkehren werden. Hallensprecher Jens Scheffler verkündet die mit dem Gegner einvernehmliche Lösung, die vom Publikum mit Applaus quittiert wird – anschließend verlassen alle nach und nach ruhig die Halle.

„Die Rettungsmaßnahmen wurden zügig eingeleitet. Das hat gut geklappt“, lobt Gunther Weck, Hygienebeauftragter des Bergischen HC, der auch selbst Arzt ist. Es dauert lange, bis der Zuschauer – lebend – aus der Halle ins Wuppertaler Helios-Klinikum gebracht wird. Wenig später endet der düstere Abend aber noch mit einem weiteren Schrecken. Es kommt zu noch einem medizinischen Notfall in der Unihalle. Hier gelingt die Rettung sehr zügig.

Wie es den beiden Patienten geht, bleibt unbeantwortet. „Wir schützen die Privatsphäre“, sagt BHC-Geschäftsführer Jörg Föste. „Das machen wir immer – und ganz besonders in einem solch sensiblen Fall.“ In einer offiziellen Stellungnahme bedankt sich der Verein bei allen Ärzten und Helfern für die umfassende Erstversorgung. Aus Respekt vor der Privatsphäre der Patienten und ihren Familien werde der Club keine weiteren Stellungnahmen abgeben.

Wie es nun sportlich weitergeht, bleibt abzuwarten. Vergleichbare Fälle gibt es kaum. Kurioserweise kam es vor mehr als 24 Jahren zu einem ähnlichen Szenario zwischen denselben Clubs: Im Februar 1997 brach im Zweitliga-Spiel des Sportring Höhscheid, einem Vorgängerverein des Bergischen HC, gegen die HSG Dutenhofen/Münchholzhausen, die inzwischen als HSG Wetzlar firmiert, Rainer Dotzhauer hinter der Gästebank zusammen. Der damalige Sportliche Leiter der HSG kam mit dem Verdacht eines Schlaganfalls ins Krankenhaus – dieser bestätigte sich später. Die Begegnung allerdings wurde fortgeführt, die Gäste gewannen 28:25.

In jüngerer Vergangenheit kam es in der Deutschen Eishockey Liga zu einem Abbruch, als im Dezember 2019 ein Fan auf der Tribüne der Lanxess-Arena einen Herzinfarkt erlitt und gerettet werden musste. Die Partie zwischen den Kölner Haien und den Nürnberg Ice Tigers wurde abgebrochen und neu angesetzt.

„In erster Instanz wird die spielleitende Stelle der Handball-Bundesliga entscheiden. Ich gehe von einer Wiederholung aus.“

Jürgen Scharoff, Regelexperte
Die Rettungsdienste waren in der Unihalle zügig zur Stelle.

Zum Zeitpunkt des Abbruchs zwischen dem BHC und Wetzlar waren in einem engen Match noch knapp neun Minuten zu absolvieren. Daher ist es wahrscheinlich, dass es auch in diesem Fall zu einer Neuansetzung kommt. Zu dieser Einschätzung kommt auch Jürgen Scharoff, Regelexperte der Internationalen Handballföderation, der dieses Amt lange auch beim Deutschen Handball-Bund innehatte. Grundsätzlich bestehe bei einem Abbruch immer die Gefahr der Wertung, aber „in diesem Fall haben sich beide Seiten auf die Lösung verständigt. In erster Instanz wird die spielleitende Stelle der Handball-Bundesliga entscheiden. Ich gehe von einer Wiederholung aus.“ Scharoff kennt aus anderen Verbänden auch die Lösung, dass nur die letzten Minuten noch absolviert werden. „Aber ich denke, das gibt die Rechtsordnung in Deutschland nicht her.“

Die sportlichen Aspekte des traurigen Bundesliga-Spiels.

Meinung: Das Gute im Schlimmen

Von Jürgen König

juergen.koenig@solinger-tageblatt.de

Es war ein Albtraum, der sich am Samstagabend abspielte. Und bei dem es einzig um die Gesundheit des Mannes ging, der zusammengebrochen war. Der Bergische HC als Gastgeber der Veranstaltung darf für sich positiv verbuchen, mit seinen medizinischen Kräften schnell und effektiv Hilfe geleistet zu haben. Über den Verein hinaus hätten die Maßnahmen etwas besser koordiniert sein können, aber kann man verlangen, dass in solch einer belastenden Ausnahmesituation mit Akteuren aus verschiedenen Bereichen ein Rädchen ins andere greift? Eher nicht. Großartig hat sich das Publikum verhalten, das lautstark auf den Zwischenfall aufmerksam machte und später Zurückhaltung walten ließ. Von Gafferei oder gar Behinderung der auf Rettung ausgerichteten Tätigkeiten keine Spur. Dann waren da noch die eigentlichen Protagonisten. Profis aus dem Bergischen und Wetzlar entschieden sich mit anderen Verantwortlichen rasch, den Vergleich zu beenden. Der Sport war im Millionengeschäft Handball zur Nebensache geworden. Und das absolut zu Recht.

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