Handball-Bundesliga

„Klingenhölle“ erlebt ein Handball-Drama

Christopher Rudeck durchlebte wie der gesamte BHC ein Wechselbad der Gefühle – das bergische Derby endete zum ersten Mal unentschieden.
+
Christopher Rudeck durchlebte wie der gesamte BHC ein Wechselbad der Gefühle – das bergische Derby endete zum ersten Mal unentschieden.

Bundesligist BHC erkämpft im bergischen Derby gegen den VfL Gummersbach ein 30:30 (14:15).

Von Thomas Rademacher

Die Stimmung in der Klingenhalle ist immer gut. Was aber am Sonntagnachmittag 2683 Fans in der ausverkauften Spielstätte für eine Atmosphäre schafften, war zuletzt vor der Corona-Pandemie zu erleben. Das bergische Derby hielt, was es versprochen hatte. Es war dramatisch, umkämpft und glich zum Schluss mehr einer Handballschlacht als einem Spiel. Der Bergische HC kam kurz vor Schluss noch für einen Sieg gegen den VfL Gummersbach infrage, musste sich nach zwei Zeitstrafen wegen Meckerns aber mit einem 30:30 (14:15) zufriedengeben.

„Ich trauere der Chance hinterher, zu gewinnen.“

Jamal Naji, BHC-Trainer

Zerfahren ging es ein Mal mehr von Anfang an zu. Beide Teams leisteten sich Fehler im Angriffsspiel, und der BHC nutzte Ballgewinne nicht konsequent aus. Gleich zwei Mal landete ein Gegenstoß-Pass von Christopher Rudeck in den Händen des Gegners, dazu landeten erneut auch hochprozentige Abschlüsse der Löwen oft nicht im Netz. Die Gastgeber offenbarten damit in etwa dieselben Schwächen wie schon in den vorigen Partien. Sogar zwei Siebenmeter ließ Linus Arnesson ungenutzt.

Im Spiel blieben die Gastgeber zunächst, weil Djibril M'Bengue und Fabian Gutbrod aus dem Rückraum trafen. Doch als Erstgenannter eine Pause brauchte, gelang es dem VfL, auf 14:10 davonzuziehen. Gerade als sich ein aus BHC-Sicht ernüchternder Pausenstand angedeutete, zündeten die Wechsel. Peter Johannesson kam für Rudeck zwischen die Pfosten, hielt gleich den ersten Ball. Und der eingewechselte Tomas Babak belebte mit seiner Zweikampfstärke den Angriff.

Tom Kare Nikolaisen, Frederik Ladefoged und mit der letzten Offensivaktion der ersten Hälfte Noah Beyer sorgten für einen Halbzeitstand, der dem Großteil des Publikums gut gefiel. Das 14:15 eröffnete den Bergischen eine ordentliche Perspektive gegen Gummersbacher, denen ihr Selbstvertrauen anzumerken war.

Tomas Babak belebte das Angriffsspiel des Bergischen HC, erntete für eine Zeitstrafe aber auch Kritik.

Mit Babak lief es im Angriff eigentlich hervorragend. Der Tscheche stellte selbst auf 15:15, bis zum 17:17 durch Beyer blieb es eng, dann zogen die Gäste – inzwischen angeführt von Dominik Mappes – wieder auf drei Tore davon. Kritisch war erneut die mangelhafte Chancenverwertung. Beyer vergab auch den dritten Siebenmeter der Partie, Ladefoged scheiterte aus sechs Metern.

BHC-Coach Jamal Naji reagierte mit einer Auszeit, die alles veränderte. Johannesson drehte im Tor nun völlig auf, die Gäste wurden hektischer, und der BHC nutzte – viele werden sagen endlich – seine Chancen. Nikolaisen, Gutbrod, wieder Nikolaisen, Arnesson und M'Bengue stellten das Spiel mit einem 5:0-Lauf auf den Kopf. Die Zuschauer liebten es. Für eine solch unfassbare Stimmung hatten sie lange nicht mehr in der Klingenhalle gesorgt.

Eine Viertelstunde vor Schluss hatten die Hausherren alle Trümpfe in der Hand, eine doppelte Unterzahl verhalf den Oberbergischen aber zurück ins Match. Ausgerechnet der starke Babak war dabei wegen Meckerns runtergeschickt worden. Jede Aktion war nun umkämpft, das Derby war zur Schlacht geworden. Babak ging nach seiner Rückkehr dahin, wo es weh tut, holte Strafwürfe heraus, die Arnesson verwandelte. Auf der anderen Seite kam für den nachlassenden Johannesson Rudeck zurück.

Der hielt gleich den ersten Wurf, Arnesson stellte auf 27:27. Es folgte die umstrittenste Szene der Partie: Mappes' Wurf schien die Linie nicht überquert zu haben, die Unparteiischen entschieden aber auf ein Tor. Ein wütender Rudeck verfolgte die Schiedsrichter bis zur Mittellinie und flog für zwei Minuten vom Feld. Auch das half freilich den Gästen. Nach Noah Beyers 30:30 war trotzdem wieder alles drin, und dazu gehörte der letzte Angriff den Löwen. Das erlösende Tor fiel nicht mehr. „Ich trauere der Chance hinterher, zu gewinnen“, haderte Naji. „Dass es nicht geklappt hat, lag an zwei, drei schlechten Aktionen unsererseits.“ Er meinte damit wohl auch die Zeitstrafen.

Rund um den Bergischen HC

Ausfall: Tim Nothdurft hat sich im Training eine schwere Handverletzung zugezogen. Der Linksaußen wird voraussichtlich für einen längeren Zeitraum fehlen. Tobias Schmitz aus der Reserve rückte daher in den Kader. Nothdurft ist neben Lukas Stutzke (Muskelfaserriss) und Simen Schönningsen (Verletzung des Wurfarms) der dritte BHC-Spieler, der nicht kurzfristig zurückkehrt.

Vertragsverlängerung: Alexander Weck hat seinen Kontrakt beim Bergischen HC gleich um vier Jahre verlängert. Bis Sommer 2027 bleibt der Rückraum-Rechtshänder, der bereits in der Jugend bei den Löwen gespielt hat und aus Solingen stammt, dem Verein mindestens erhalten. Die frohe Kunde erfuhren die knapp 2500 Fans unmittelbar vor dem Anpfiff des bergischen Derbys.

Stimmen zum Derby

Der Stimmung nach dem 30:30 gegen den VfL Gummersbach war beim Bergischen HC außergewöhnlich. Trainer und Mannschaft wirkten trotz des Punktgewinnes durch die Bank niedergeschlagen. „Komplett unzufrieden“, antwortete dann auch Geschäftsführer Jörg Föste auf die Frage nach seiner Gemütslage. „Wir haben heute dem Gast einen Punkt geschenkt.“ Ähnlich klangen Trainer Jamal Naji und Kapitän Linus Arnesson. Der Schwede betonte: „Direkt nach dem Spiel fühlt sich das wie ein verlorener Punkt an.“

Dabei war es nicht so, dass der VfL Gummersbach den Ausgleich in den Schlusssekunden erzielt hätte. Das würde die negativen Emotionen erklären. Stattdessen waren die letzten Angriffe beider Teams verpufft. Föste wurde am konkretesten auf der Suche nach den Gründen: „Wir haben drei Dinge schlecht gemacht“, holte der 61-Jährige aus. „Der Rückzug in der ersten Halbzeit war ungeordnet, was zu acht Kontertoren für Gummersbach geführt hat. Dazu haben wir fünf Bälle aus sechs beziehungsweise sieben Metern vergeben.“ Der dritte Punkt nahm schließlich Bezug auf die vermeidbaren Zeitstrafen von Christopher Rudeck und Tomas Babak. „In der spielentscheidenden Phase sind wir zwei Mal wegen Meckerns runtergeflogen.“ All dies zusammen ließ Föste von einem „Geschenk für Gummersbach sprechen“.

Die Strafen wegen Meckerns fand auch Linus Arnesson nicht gut. „Aber es war eben auch ein sehr emotionales Spiel, auch ich war aufgeregt“, sagte der Mannschaftskapitän. „Wir möchten eben gewinnen. Wenn wir das geschafft hätten, wäre für den Moment alles andere egal gewesen. Dann hätten wir in der Videoanalyse darüber geredet.“

Naji sprach indes davon, „für heute enttäuscht zu sein“, räumte aber ein, dass mit ein wenig Distanz auch etwas Zufriedenheit angesichts des Punktgewinns aufkommen könnte. „Wir haben zwei Mal ein super Comeback hingelegt – gerade, wenn man bedenkt, was uns für ein Personal fehlt.“ 2683 Zuschauer dürften angesichts der Dramatik zufrieden gewesen sein. „Die Stimmung in der Halle war beeindruckend – echte Gänsehaut-Atmosphäre“, meinte Föste. Naji sagte sogar, dass die Fans ihren Anteil an den Aufholjagden gehabt hätten.

Kommentar von Thomas Rademacher: Emotion gehört dazu

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

In den vergangenen Jahren waren die Handball-Profis des Bergischen HC oft zu lieb. Teilweise wirkten sie gerade in Spielen, in denen es nicht wie gewünscht lief, als würden sie sich in die Niederlage ergeben. Da fehlten dann eben auch die Emotionen. Diese wurden im Derby gegen den VfL Gummersbach nicht vermisst.

Keine Frage, Christopher Rudeck darf die Schiedsrichter nicht bis zur Mittellinie verfolgen – auch wenn die Fehlentscheidung noch so krass war. Auch Tomas Babak sollte nicht meckern.

Aber: Das Spiel war ein Drama. Beide haben unheimlich gekämpft. Da ist es eben mit ihnen durchgegangen. Auch das gehört im Handball dazu.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

BHC punktet erstmals bei der MT Melsungen
BHC punktet erstmals bei der MT Melsungen
BHC punktet erstmals bei der MT Melsungen
Nikolaisens Block besiegelt die BHC-Premiere
Nikolaisens Block besiegelt die BHC-Premiere
Nikolaisens Block besiegelt die BHC-Premiere
BHC nimmt zum elften Mal Anlauf
BHC nimmt zum elften Mal Anlauf
BHC nimmt zum elften Mal Anlauf

Kommentare