Handball

Jamal Naji geht mit maximaler Freude in den Umbruch

Jamal Naji gibt künftig beim Bergischen HC an der Seitenlinie die Kommandos. Der Coach erwartet in den kommenden Monaten einen Findungsprozess.
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Jamal Naji gibt künftig beim Bergischen HC an der Seitenlinie die Kommandos. Der Coach erwartet in den kommenden Monaten einen Findungsprozess.

Handball-Bundesliga: Der 36-Jährige ist seit dem 1. Juli offiziell Trainer des Bergischen HC – er möchte seine eigene Handschrift erkennbar machen.

Von Thomas Rademacher

Seit diesem Freitag sind die Tage von Sebastian Hinze als Trainer des Bergischen HC endgültig gezählt. Nach zehn Jahren unter der Leitung des Wuppertalers tritt Jamal Naji (gesprochen jeweils mit englischem J – wie in Jenny – und langem A im Nachnamen) in seine Fußstapfen. Der 36-Jährige bringt seine eigenen Ideen mit und blickt beim Handball-Bundesligisten auf einen Umbruch, den er mit Spannung erwartet.

Die Entscheidung

Im Leistungszentrum des Bergischen HC möchte Jamal Naji neue Ideen im Spielsystem implementieren.

Vor mehr als einem Jahr hat sich BHC-Geschäftsführer Jörg Föste mit Jamal Naji getroffen. „Da war mir schon nach einer Dreiviertelstunde klar, dass das passen könnte“, blickt der Trainer zurück. „Für mich war die Frage, ob ich beim TuSEM Essen verlängere oder eine neue Herausforderung annehme. Nachdem ich ein paar Nächte darüber geschlafen hatte, war mir klar, dass der BHC genau das hat, was ich mir wünsche.“ Damit meint Naji vor allem den Führungsstil. „Es ist ein bodenständiger Verein mit langfristigen Zielen, der nicht in Aktionismus verfällt, wenn Dinge mal nicht funktionieren.“ Da dem 36-Jährigen auch die Kader- und Infrastruktur inklusive Leistungszentrum gefielen, hat er zugesagt. Naji: „Wichtig war auch, dass ich mit Jörg Föste sofort eine gute Verbindung hatte. Ich bin kein Freund davon, eine 08/15-Geschäftsbeziehung zu pflegen, sondern auch gerne mit dem Menschen umzugehen.“

Ich bin kein Typ, der Entscheidungen aus monetären Gründen trifft.

Jamal Naji, BHC-Trainer

Die Perspektive

Nachdem der aus dem Siebengebirge stammende Coach als Nachwuchskoordinator und A-Jugend-Trainer in der Bundesliga bei Bayer Dormagen gearbeitet hatte, war der TuSEM Essen seine erste Station im Profibereich. In der 1. und 2. Bundesliga trainierte er den Traditionsclub zwei Jahre. Der BHC lässt sich als nächster Schritt in seiner Karriere bezeichnen. „Ich mag diesen Begriff gar nicht“, erklärt er. „Er ist mit Kalkül verbunden. Dabei geht es darum nicht. Ich mache den Trainerjob unheimlich gerne. Mir war wichtig, dass meine nächste Station in der näheren Zukunft mein Lebensmittelpunkt sein wird. Deshalb hätte ich auch keinen Einjahresvertrag unterschrieben.“ Jörg Föste und der BHC sind bekannt dafür, langfristig zu planen. „Deshalb passte auch dies sehr gut.“

Die Fußstapfen

Jamal Naji ist sich darüber bewusst, dass er in die großen Fußstapfen von Sebastian Hinze tritt, der den Verein zehn Jahre erfolgreich trainiert hat. „Ich habe maximalen Respekt vor ihm“, erläutert der Coach. „Es war auch kein Zufall, dass ich bei ihm hospitiert habe, als ich meine A-Lizenz gemacht habe.“ Trotzdem geht es Naji nicht um eine bloße Fortführung der Arbeit. „Ich habe in gewissen Dingen auch andere Vorstellungen, die ich implementieren möchte. Welche sich umsetzen lassen, wird sich in unseren Trainingseinheiten zeigen.“

Die Ideen

Grundsätzlich setzt der neue Trainer auf zwei verschiedene 6:0-Abwehrsysteme und eine noch nicht exakter definierte offensivere Variante. „Der BHC ist aktuell recht fernwurforientiert. Ich möchte die Wurfauswahl etwas mehr streuen“, erläutert Naji. „Grundsätzlich will ich aber selbstverständlich das Abwehr-Tempospiel weiter stärken. Alle Tore, die man sich im Positionsangriff nicht erarbeiten muss, sind ein riesiger Vorteil. Die Deckung ist das Prunkstück des BHC – das zeigen auch alle Statistiken. Damit das so bleibt, müssen wir eine tragende Säule wie Max Darj ersetzen. Ein solcher Vorgang kostet Zeit.“

Der Umbruch

Sieben Zugänge begrüßt der BHC im Kader. Ein Kern von elf Spielern bleibt erhalten. Eine Übergabe hat Naji mit Hinze allerdings nicht gemacht. „Mir ist es sehr wichtig, dass ich mir ein eigenes Bild von jedem Spieler mache. Dazu werde ich in der Vorbereitung viel Zeit haben. Mit den Zugängen habe ich bereits im Vorfeld Gespräche geführt“, sagt der Coach, der in die Entscheidungsprozesse, wer geholt wird, mit eingebunden war.

Die Ziele

Der frühzeitige Klassenerhalt steht in der kommenden Saison über allem. „Ich formuliere gerne weitere Ziele und hätte großen Spaß daran, nach oben zu korrigieren, aber es muss organisch aus der Mannschaft kommen“, sagt Naji. „Es geht mir insgesamt aber weniger um Tabellenplätze oder Punkte, als die Entwicklung einer Mannschaft, die auch bei Misserfolgen mehr ist als eine Ansammlung von Menschen, die sich täglich im Leistungszentrum trifft. Einzelschicksale sind nicht so wichtig wie Teamerfolge.“ Der BHC hat seit einigen Jahren augenscheinlich ein gutes Händchen dafür, Handballer zu verpflichten, die nicht nur behaupten, so zu denken, sondern es tatsächlich tun. Naji: „Bei 18 Spielern im Kader können zwei Individualisten dabei sein – wenn sie Leistung bringen. Zum Problem würde es, wenn es 18 wären.“

Die Erwartungshaltung

Zu hoch möchte Naji die Trauben nach dem Umbruch nicht hängen. „Ich gehe nicht nervös, sondern mit maximaler Freude in die Saison. Die hitzige Klingenhalle kenne ich als Zuschauer. Da habe ich genauso Lust drauf wie auf Spiele im großen Düsseldorfer Dome“, sagt der 36-Jährige. „Es ist aber wichtig, die Dinge realistisch zu sehen. Es wird Findungsprozesse geben, und wahrscheinlich haben wir auch mal eine schlechtere Phase.“ In solchen Momenten sei Besonnenheit gefragt. „Aus Gründen des Selbstschutzes sollte man auf Social Media grundsätzlich nicht seinem eigenen Verein folgen. Es ist nun mal so: Man liest 80 Prozent gute Dinge, aber die anderen 20 Prozent nimmt man mit ins Bett. Die beschäftigen einen, obwohl sie das nicht sollten.“

Die Zukunft

Ob Jamal Naji wie Hinze zehn Jahre im Amt bleibt, ist natürlich ungewiss. „Ich habe Träume“, sagt der Coach. „Aber dabei geht es nicht darum, ins Champions-League-Finale oder Final Four des DHB-Pokals einzuziehen. Ich möchte dem BHC dabei helfen, seine Strukturen im Rahmen der Möglichkeiten zu verbessern. Wenn das gelingt, kommt der sportliche Erfolg automatisch.“

Die Philosophie

Um zu erklären, wie Jamal Naji tickt, lohnt ein Blick in seine Vergangenheit. Als Drittliga-Handballer hat er sein Studium in Politikwissenschaften und Geschichte finanziert. „Ich bin kein Typ, der Entscheidungen aus monetären Gründen trifft. Dann hätte ich Betriebswirtschaftslehre oder Informatik studiert“, betont der Coach. „Das ist aber nicht mein Antrieb. Ich möchte das machen, was mir Spaß macht. Im Moment ist das die Arbeit als Handballtrainer. Noch nicht ein einziges Mal bin ich morgens aufgewacht und hatte keine Lust, zur Arbeit zu gehen. Aber ob das in zehn Jahren noch immer so ist, kann ich gar nicht sagen.“

Hier finden Sie alle Informationen zum großen Umbruch beim BHC.

Jamal Naji

Anfänge: Erst als 13-Jähriger begann Jamal Naji in seiner Heimat bei der HSG Siebengebirge mit dem Handball, nachdem er vorher als Leichtathlet aktiv gewesen war. Er entwickelte sich schnell, spielte später beim TuS Niederpleis und der HSG Mülheim-Kärlich/Bassenheim in der 3. Liga. Eine Verletzung zwang ihn zum Aufhören mit 26 Jahren.

Trainer: Nach seinem Studium begann er beim VfL Gummersbach als Nachwuchstrainer zu arbeiten, während er zeitgleich in der Automobilindustrie Fuß fasste. Mit dem Wechsel zu Bayer Dormagen war er hauptberuflich im Sport tätig. Dort sowie beim Verband Mittelrhein arbeitete er bereits mit Peer Pütz, seinem neuen Assistenztrainer beim BHC, zusammen. 2020 ging es zum TuSEM Essen.

Privat: Naji ist verheiratet und zuletzt von Essen nach Leverkusen gezogen.

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