Handball

Hinze hinterlässt beim BHC seine Spuren

Mit einem Lächeln wollte Sebastian HInze gehen und stets genauso an seine BHC-Zeit zurückdenken. Es ist ihm gelungen.
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Mit einem Lächeln wollte Sebastian HInze gehen und stets genauso an seine BHC-Zeit zurückdenken. Es ist ihm gelungen.

In zehn Jahren als Cheftrainer ging es dem Wuppertaler vor allem um eines: Entwicklung auf allen Ebenen.

Von Thomas Rademacher und Jürgen König

Solingen. Am Sonntagnachmittag ist der Vorhang für Sebastian Hinze gefallen. Nach zehn Jahren als Cheftrainer des Bergischen HC und zuvor neun weiteren als Spieler beziehungsweise Jugendkoordinator hat sich der 43-Jährige aus seiner Heimat verabschiedet. Ab 1. Juli widmet sich der Wuppertaler einer neuen Herausforderung bei den Rhein-Neckar Löwen. Warum hat er sich zu diesem Schritt entschieden? Und wie blickt Hinze auf die BHC-Ära, die er mitgeprägt hat? Das ST schaut mit dem Trainer auf zehn überwiegend erfolgreiche Jahre.

Der Fanclub Bergische Handball Löwen fertigte dem Trainer zu Ehren ein Banner an. Es war eine von vielen Überraschungen nach dem letzten Spiel für den 43-Jährigen.

Dienstältester Bundesliga-Coach

Überraschend kam 2012 das Angebot, den BHC als Cheftrainer zu übernehmen. „Ich hatte damals gerade die A-Lizenz gemacht, das Frühtraining an der Friedrich-Albert-Lange-Schule geleitet und auch darüber nachgedacht, Lehrer zu werden.“ Hinze brauchte eine Zeit, um die Entscheidung zu treffen. „Ich bin überzeugt, dass es sich beim Nachwuchs- und Profitrainer eigentlich um denselben Job handelt, wenn man ihn seriös macht. Daher ging es nie darum, ob ich mir das zutraue.“ Letztlich sagte er zu und war zuletzt dienstältester Trainer in der Handball-Bundesliga. In seiner Einschätzung sieht sich der 43-Jährige bis heute bestätigt. „Natürlich wurde ich von Jahr zu Jahr sicherer in dem, was ich tue. Aber ich habe gemerkt, dass mein Weg, Dinge vorzuleben und natürlich auch einzufordern, auch im Profibereich funktioniert.“

Die Evolution

„Handball war vor zehn Jahren eigentlich noch kein professioneller Sport.“ Was Hinze etwas ketzerisch formuliert, erklärt er: „Im Eishockey und Basketball war die Datenlage durch das Profitum in den USA immer schon gut. Bei uns im Handball wissen wir eigentlich erst seit der Einführung des Chipsystems, was im Wettkampf genau passiert.“ Dabei geht es nicht um Pulswerte, sondern spezielle Werte, wie die Anzahl an Sprüngen, bevor ein Spieler ermüdet. „Das sind Dinge, die wir erst seit etwa zwei Jahren wissen und in der Trainingssteuerung berücksichtigen können. Das ist für mich Profisport.“ Grundsätzlich sei die Entwicklung im Handball innerhalb der vergangenen zehn Jahre rasant gewesen. „Beim BHC gehörten wir zu den Ersten, die einen Athletiktrainer eingestellt haben, aber auch im taktischen Bereich hat sich unheimlich viel entwickelt. Deshalb ist es zwingend erforderlich, auch selbst immer wieder für Neues offen zu sein.“

Die Highlights

Das Erreichen des Final Four im DHB-Pokal kann Hinze plakativ nennen. „Weil es für den Verein der Höhepunkt war und bis auf Viktor Szilagyi kein Spieler unseres Kaders je dabei war. Aber in Erinnerung bleiben eigentlich andere Dinge.“ So nennt der Coach auch nicht den sensationellen 31:27-Sieg in Magdeburg im Oktober 2020. „Das war toll, ja, aber für mich waren es die Spiele, mit denen wir uns aus sportlichen Krisen befreit haben – zum Beispiel vor Weihnachten 2022 in Lemgo. Von solchen Spielen gibt es in jeder Saison zwei, drei Stück. Und es sind letztlich genau diese, die rückblickend haften bleiben.“

Viktor Szilagyi (r.) spielte mehr als vier Jahre unter Sebastian Hinze, wechselte dann in die Administration und ist seit 2018 in verantwortlicher Position beim THW Kiel. Die beiden pflegen noch heute den Austausch.

Das Umdenken

In der Saison 2016/17 stand der BHC in der Winterpause abgeschlagen am Tabellenende und stieg letztlich trotz furioser Rückrunde ab. „Damals entstand die Idee, den BHC anders auszurichten. Da bin ich Jörg Föste unfassbar dankbar, dass wir diesen Weg gemeinsam gegangen sind und er mir und meinen Stärken vertraut hat.“ Nicht nur wurde der Kader etwas breiter aufgestellt, sondern bei den Verpflichtungen ging es weniger darum, erfahrene Bundesligaspieler zu holen, als welche, die perfekt ins System passen und möglichst hohes Potenzial mitbringen. „Da fallen mir so viele ein: Max Darj, Linus Arnesson, Tomas Babak, Tom Kare Nikolaisen, Yannick Fraatz, Lukas Stutzke. Für mich ist es dann eher ein Highlight, die Entwicklung dieser Spieler zu sehen, als bestimmte Siege während der vielen Jahre.“
Max Darj verlässt den BHC zum Saisonende

Der Abstieg

„Ich war stinksauer, dass es uns 2017 erwischt hat. In der Nachbetrachtung war es allerdings gut, nur konnte ich das damals überhaupt nicht einschätzen.“ So war es möglich, einen auf vielen Positionen neuen Kader in der 2. Liga, die im Wochenrhythmus spielt, in aller Ruhe zu entwickeln. „Wir haben dem BHC die Handschrift gegeben, die ihn noch heute ausmacht.“ Es folgte der Wiederaufstieg mit 70:6-Punkten und eine von Euphorie geprägte Bundesliga-Saison, die auf Rang sieben endete.

Der Ärger

Enttäuscht, ja regelrecht verärgert zeigt sich Hinze zumindest manchmal angesichts der Bewertung von außen. „Ich finde es schade, dass die Entwicklung oft nicht gesehen wird, sondern es nur um 'höher, schneller, weiter' geht. Wenn man gewinnt, ist alles gut, wenn man verliert, alles schlecht. Meine Vision war es, hier etwas zu schaffen, auf das man stolz ist. Aber es ist am Ende doch so, dass es nur darum geht, nach einem zehnten Platz im nächsten Jahr mindestens Neunter zu werden. Es wird nicht gesehen, mit welchen Spielern hier gearbeitet wird. Das nervt mich immer noch, weil ich überzeugt bin, dass es die Entwicklung hemmt und die Spieler auch belastet.“

Der Ausbau des Clubs

„Ich bin stolz darauf, dass wir in den vergangenen Jahren alle Dinge umgesetzt haben, die wir niedergeschrieben hatten.“ So verfügt der BHC inzwischen über einen eigenen Physiotherapeuten, der ausschließlich für die Profis zuständig ist. Das von Michael Kölker (Forst) gebaute Leistungszentrum bietet Trainingsmöglichkeiten, von denen der Verein früher nicht zu träumen gewagt hätte. „Teilweise war es nicht möglich, sonntags eine Halle für uns aufzuschließen, wenn wir unbedingt noch eine Trainingseinheit benötigt haben. Das hatte mit Profisport nichts zu tun und hat sich durch die verbesserte Infrastruktur zum Glück komplett verändert.“

Das Arena-Thema

„Ich bin ja auch ein Romantiker. Ich mag die Klingenhalle, aber wenn man an ihr festhalten will, muss man gleichzeitig akzeptieren, dass der BHC in der 2. Liga agieren würde. Langfristig braucht es in der Bundesliga eine große Halle, und ich bin froh, dass das langsam, aber sicher auch allgemein erkannt wird.“ Zwischendurch hatte Sebastian Hinze sogar das Gefühl, dass er sich entschuldigen müsse, wenn er die Klingenhalle kritisiert. „Schon vor fünf Jahren war jede andere Spielstätte in der Bundesliga besser, so dass ich hoffe, dass der Neubau jetzt gelingt.“ Als Sportler und Trainer sei das Arena-Thema aber gar kein so großes. „Wenn man jeden Spieler ehrlich fragt, gefällt dem einen die Unihalle am besten, der andere mag das Gefühl in der Klingenhalle mit der Zuschauerwand und andere favorisieren den Dome in Düsseldorf, weil dort die Kabinen die höchste Qualität haben. Ich zum Beispiel fühle mich überall wohl, nur hat das nichts mit der Notwendigkeit einer modernen Sportstätte zu tun.“
Alles zur Bergischen Arena

Leidenschaftlich agiert Sebastian Hinze nicht nur als Trainer an der Seitenlinie. Auch als Spieler zeigte er Emotionen.

Die Herangehensweise

Sebastian Hinze ist dafür bekannt, Handballer entwickeln zu wollen. Über die Jahre hat er auch als Trainer einen Prozess durchlaufen. „Früher gab es schon Spieler, in denen ich mehr gesehen habe und drei Mal enttäuscht wurde. Heute würde ich sie wohl früher austauschen. Das ist ein bisschen härter, aber auch fairer für beide Seiten.“ Die Ursache für das Problem sieht der Coach nicht unbedingt beim Spieler. „Vor sieben Jahren hätte ich noch von mir gewiesen, dass ich die Ursache sein könnte. Aber es gibt sicher Konstellationen, in denen Spieler genauso nicht aus ihrer Haut können wie ich. Dann ist es besser, sich zu trennen. Früher hätte ich das als persönlichen Misserfolg gewertet, heute denke ich, dass es manchmal dazu gehört.“

Die erfreulichsten Entwicklungen

Max Darj habe sich beim BHC zum Weltklasse-Spieler entwickelt, aber „das hat er zu einem großen Teil seinem eigene Ehrgeiz zu verdanken“. Hinze freut es viel mehr, dass es gelungen ist, den Nachfolger aufzubauen. „Tom Kare Nikolaisen hat einen enormen Sprung gemacht.“ Davon abgesehen ist der Coach stolz auf Entwicklungen, die nicht viele vorhergesehen haben. „Es gab Spieler, da wurde ich gefragt, ob sie – etwas überspitzt formuliert – das Training nicht eher behindern. Klar ist das auch mal schief gegangen, aber es lief einige Male auch richtig gut.“ Ein Beispiel dafür: Christopher Rudeck. „Ich war auf einem A-Lizenz-Lehrgang und habe ihn im Training mit der Jugend-Nationalmannschaft beobachtet. Er stand da im Tor und hatte eine Ausstrahlung an sich, dass ich geahnt habe: Das wird ein guter Torwart. Er hat zwar keinen Ball gehalten, hatte aber tolle Bewegungen.“ Hinze schrieb also seinen Namen auf, verfolgte den weiteren Werdegang und holte ihn schließlich zum BHC. „Auch bei uns hat er am Anfang keinen Ball gehalten, aber man sieht, was daraus geworden ist.“

Die Entscheidung

Weit bevor feststand, dass Hinze neuer Trainer der Rhein-Neckar Löwen wird, hatte er sich dazu entschieden, im Sommer 2022 nach zehn Jahren im Amt beim Bergischen HC aufzuhören. „Während der Corona-Krise waren die Entwicklungsmöglichkeiten durch Einschränkungen und ständige Ausfälle deutlich gehemmt. Ich denke, das hat zur Entscheidung beigetragen. Mein Gefühl ist und war, dass ich einen neuen Impuls brauche. Auch für den BHC kann das ein richtiger Schritt sein.“ Die exakten Gründe möchte der 43-Jährige für sich behalten, „aber das Thema Rhein-Neckar Löwen spielt eine deutlich geringere Rolle, als man vielleicht denkt“.

Die neue Aufgabe

Auch bei den seit einiger Zeit etwas strauchelnden Mannheimern geht es um Entwicklung. „Nur auf einer anderen Ebene. Dort ist auch die Idee, etwas aufzubauen, was sehr gut zu meiner Vorstellung des Trainerberufes passt. Es reizt mich, bestimmte Dinge bei den Rhein-Neckar Löwen mit den dortigen Mitteln schneller zu ermöglichen.“ Ein Ziel ist, den Verein wieder in die Top Vier der Bundesliga zu führen. „Ich denke, dass dies mittelfristig möglich sein wird.“

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