Handball-Bundesliga

BHC stellt Weichen für Wochen der Wahrheit

Tim Nothdurft traf vor der Pause zwar drei Mal, biss sich aber dennoch an Füchse-Torhüter Dejan Milosavljev die Zähne aus. Der Linksaußen vergab vier gute Gelegenheiten und damit auch die Chance zur Halbzeitführung des BHC.
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Tim Nothdurft traf vor der Pause zwar drei Mal, biss sich aber dennoch an Füchse-Torhüter Dejan Milosavljev die Zähne aus. Der Linksaußen vergab vier gute Gelegenheiten und damit auch die Chance zur Halbzeitführung des BHC.

Die Löwen unterliegen bei Spitzenreiter Füchse Berlin knapp mit 27:29 (14:14).

Von Thomas Rademacher

Knapp sechs Minuten vor Schluss hat der Bergische HC bei den Füchsen Berlin seine letzte große Chance. Die Gastgeber in der Max-Schmeling-Halle führen 26:25, als Mijajlo Marsenic frei vom Kreis zum Abschluss kommt. Der gerade erst für den soliden, aber eben auch nicht überragend haltenden Peter Johannesson eingewechselte Christopher Rudeck hält den Versuch und sorgt damit kurz für Stille beim ansonsten sehr lauten Publikum. Immer wieder sind die Bergischen auch zuvor schon dran gewesen, doch nun sind sie kurz davor, sich von einem Drei-Tore-Rückstand zu erholen. Es klappt nicht. Ein einfacher Pass von Tomas Babak zu Djibril M'Bengue misslingt – der Gegenstoß von Jacob Holm sitzt. Dies ist ein Rückschlag zu viel für die Bergischen, die sich beim 27:29 (14:14) aber sehr achtbar geschlagen haben.

Jacob Holm war von der BHC-Deckung vor allem in der Schlussphase kaum noch zu halten.

„Ich habe gemischte Gefühle“, sagte Trainer Jamal Naji nach der Niederlage gegen den Tabellenführer der Handball-Bundesliga, die trotz der klaren Rollenverteilung wie der nächste Stich ins Löwenherz wirkte. „Ich ärgere mich, dass wir uns für die gute Leistung nicht belohnen konnten. Wir hatten die Füchse in einem Hexenkessel am Rande einer Niederlage“, meinte der 36-Jährige. „Auf der anderen Seite habe ich aber auch ein gutes Gefühl, weil wir gesehen haben, wie wir es mit taktischer Disziplin geschafft haben, dieses Spiel so lange offen zu halten.“

In der Schlussphase war es vor allem Jacob Holm, der die Entscheidung zugunsten der Berliner herbeiführte. Der zweikampfstarke Rückraumspieler wurde immer wieder in Szene gesetzt und konnte in der Crunchtime von der BHC-Deckung nicht mehr gehalten werden. Über 60 Minuten jedoch funktionierte die 6:0-Abwehr der Löwen in Kombination mit Johannesson, der diesmal lediglich die spektakulären Paraden vermissen ließ. Wenn die Hauptstädter aus sechs Metern zum Abschluss kamen, war der Ball eben drin.

„Die Anzahl unserer ausgelassenen 1:0-Schüsse belegt eindrucksvoll unsere Spielkultur.“

Jörg Föste, BHC-Geschäftsführer

Das wäre kein großes Problem, würden die BHC-Profis eine ähnliche Kaltschnäuzigkeit bei den hochprozentigen Gelegenheiten an den Tag legen. Hier jedoch war Dejan Milosavljev vor allem in der ersten Halbzeit klar im Vorteil. Der Füchse-Schlussmann hatte bis zur Pause bereits zwölf Paraden gesammelt – alleine vier davon gegen Tim Nothdurft, der zwar drei Mal traf, aber im Gegenstoß sowie von Außen aus sehr gutem Winkel an ihm scheiterte. Nothdurfts Hadern mit Milosavljev war am auffälligsten, doch auch der sehr stark gestartete Frederik Ladefoged scheiterte bei Chancen aus sechs Metern – zum Beispiel beim Stand von 20:20.

„Gerade wenn wir auf Remis gestellt hatten, gab es einige solcher Szenen“, räumte Naji ein. So betonte auch Geschäftsführer Jörg Föste: „Die Anzahl unserer ausgelassenen 1:0-Schüsse belegt eindrucksvoll unsere Spielkultur – aber ist eben auch ein Ausdruck mangelnder Konsequenz im Abschluss.“

Dass es zur Pause trotz deutlich mehr gehaltener Bälle auf Berliner Seite 14:14 stand, sprach demnach umso mehr für eine starke Teamleistung. Der BHC wirkte wach, holte sich dadurch auch viele Abpraller, die die Füchse wohl schon bei sich gesehen hatten, und traf noch per Nachwurf. Der Rückraum mit Tomas Babak, Linus Arnesson und Djibril M'Bengue kam phasenweise gut in Schwung. Nur Alexander Weck lief auf Halblinks nicht wirklich heiß und saß nach vier Fehlwürfen weitgehend auf der Bank. Positionskollege Fabian Gutbrod war bei zwei Würfen ebenfalls nicht erfolgreich, „aber man sieht schon, was er uns gibt. Er generiert gute Chancen für den Kreis oder die Außen, weil die Deckung auf ihn weiter herauskommt als unsere anderen Spieler“, urteilte Naji.

Als die Gäste bei drei Toren in Folge von Noah Beyer, Arnor Gunnarsson und Linus Arnesson gewaltiges Glück in der zweiten Hälfte hatten, weil Block oder Torhüter jeweils dran waren, deutete vieles auf eine Überraschung hin. Es langte nicht, doch „analytisch muss man festhalten, dass die Mechanismen immer besser funktionieren“, meinte Naji, der den November als „ganz wichtigen Monat“ bezeichnete. Kann der BHC die Berlin-Leistung konservieren, sind die Weichen für die Wochen der Wahrheit mit Spielen gegen Wetzlar, Gummersbach, Hamm und Göppingen gestellt. In diesen Partien ist der Punkte-Druck hoch.

Hintergrund: Stefan Kretzschmar erkennt Leistung des Bergischen HC an

Während Jaron Siewert angesichts der Vorstellung seiner Füchse Berlin eher unzufrieden wirkte, sah es Sportvorstand Stefan Kretzschmar etwas anders als sein Trainer. „Man muss anerkennen, wie stark der Bergische HC bei uns aufgetreten ist“, sagte die Handball-Ikone im Anschluss an den 29:27-Heimsieg der Hauptstädter. „Man darf als Fan oder Verantwortlicher der Füchse nicht nur enttäuscht von seiner Mannschaft sein. Dafür gibt es gar nicht so viele Gründe. Man muss auch die Leistung des Gegners bewerten, der einen sehr guten Rückzug hatte. Trotzdem hat sich unsere Mannschaft durchgesetzt – das hat sie gut gemacht.“

Die anerkennenden Worte von Deutschlands bekanntestem Handball-Fachmann bringen den Löwen vorläufig keine Punkte, aber ein Stück mehr Gewissheit, sich auf dem richtigen Weg dorthin zu befinden. „In den entscheidenden Momenten sind wir noch nicht kalt genug vor dem Tor. Das liegt sicher auch daran, dass wir in dieser Saison noch nicht so viele Spiele gewonnen haben“, meinte Torhüter Christopher Rudeck, der mit bisher 4:14-Punkten nicht zufrieden ist. „Das sind unter dem Strich einfach zu wenige. Bis auf das Resultat können wir mit unserem Auftritt in Berlin aber leben.“

Dass es nicht zur Überraschung gereicht hat, schrieb der Schlussmann auch der Tatsache zu, dass es in der zweiten Halbzeit trotz diverser Gelegenheiten nie gelang, in Führung zu gehen. „Wir müssen Berlin die Gelegenheit geben, auch mal selbst Quatsch zu machen. Aber sie konnten eben immer vorlegen und mussten nie richtig nachdenken“, fand der 28-Jährige, der einräumt, dass der November ein unheimlicher wichtiger Monat für den BHC wird. „In den nächsten Spielen brauchen wir die Killermentalität vor dem Tor.“ Wetzlar, Gummersbach, Hamm und Göppingen seien allesamt auf Augenhöhe. Zählbares sei in diesen Partien obligatorisch. -trd-

Meinung: Es geht an die Substanz

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

Auch wenn der Bergische HC mit 14 Handballern bei den Füchsen Berlin antrat und dabei einen sehr guten Eindruck hinterließ, bleibt die Besetzung im Rückraum dünn. Djibril M'Bengue ist durch die Verletzung von Simen Schönningsen als einziger Linkshänder nahezu durchgehend gefordert. Mit Lukas Stutzke und Csaba Szücs fehlen zudem Innenblock-Optionen, die vielleicht in der Schlussphase geholfen hätten.

Denn je länger die Partie dauerte, desto schwerer fiel es der Mannschaft, die zweikampfstarken Hauptstädter aufzuhalten. Das liegt natürlich an der Berliner Qualität, aber auch daran, dass beim BHC die Wechselmöglichkeiten fehlen und eine Partie daher stark an die Substanz geht. Der BHC ist für Nachverpflichtungen nicht bekannt – was gut nachvollziehbar ist. Denn es gibt ja einen Grund dafür, dass die Spieler, die zum jetzigen Zeitpunkt verfügbar sind, verfügbar sind. Trotzdem bleibt der Eindruck: Eine präzise Ergänzung könnte dem Team kurzfristig weiterhelfen.

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