Handball

BHC: Ernüchterung nach der Euphorie

Am Donnerstag wollen die Löwen endlich wieder jubeln - wie hier am ersten Spieltag, als sie zum ersten Mal überhaupt beim SC Magdeburg gewannen.
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Am Donnerstag wollen die Löwen endlich wieder jubeln - wie hier am ersten Spieltag, als sie zum ersten Mal überhaupt beim SC Magdeburg gewannen.

Nach drei Siegen zum Saisonauftakt ist der Handball-Bundesligist aus dem Bergischen seit sechs Spielen ohne Sieg - über die Gründe und die Aussichten.

Von Thomas Rademacher und Günter Hiege

Mit 6:0-Punkten war der Bergische HC geradezu sensationell stark in die Saison der Handball-Bundesliga gestartet. Doch die anfängliche Euphorie ist inzwischen der Ernüchterung gewichen. Den drei Erfolgen zum Auftakt folgten 1:11-Zähler und zuletzt vier Niederlagen in Serie. An diesem Donnerstag (19 Uhr) soll gegen Schlusslicht HSC Coburg endlich wieder ein Erfolg her. Anders als zuletzt geht der BHC dann als klarer Favorit in die Partie.

Sind die bergischen Handballer auf dem Boden der Tatsachen angekommen?

Hintereinander unterlagen die Löwen der SG Flensburg-Handewitt, dem THW Kiel, den Füchsen Berlin und der MT Melsungen - womit es sich ausnahmslos um Mannschaften handelt, die der Bundesliga-Spitzengruppe zuzuordnen sind. Viele Teams hätten wohl ebenfalls keine Punkte aus diesen Duellen mitgenommen. Dennoch: Das Selbstvertrauen hat wohl einen Knacks bekommen, da das Team von Trainer Sebastian Hinze mindestens gegen Berlin und Melsungen kurz vor dem Punktgewinn stand und nicht nur an der Qualität der Gegner scheiterte. Von einem Rückschritt will Geschäftsführer Sport, Jörg Föste, aber nicht sprechen. Die Spiele hätten eben auch gezeigt, dass man näher an die Spitzenteams herangerückt sei. Es habe oft wenig gefehlt, um zu punkten.

Was war ausschlaggebend für die Niederlagen?

Technische Fehler hat sich der BHC zuletzt gehäuft geleistet. Gegen die Melsunger zählte Hinze zwölf Stück - im Schnitt begeht die Truppe sechs oder sieben. Solche Nachlässigkeiten schmerzen besonders, weil der Gegner oft zu Kontern und einfachen Toren kommt. Aus Löwen-Sicht noch dramatischer dürften allerdings die Probleme in der Deckung sein. Diese ist es schließlich, die die Mannschaft seit einigen Jahren auszeichnet - sozusagen Brot und Butter des Bergischen HC ist. Gegen Berlin kassierte das Team in der ersten Halbzeit 16 Gegentore und kam dabei kaum in die Zweikämpfe, gegen Melsungen funktionierte es vor allem in den letzten 15 Minuten nicht mehr. Die Gastgeber trafen in nahezu jedem Angriff. Hätte die Offensive in den genannten Phasen beider Partien nicht brilliert, wäre es wohl jeweils zu klaren Pleiten gekommen. So bleibt die Vermutung, dass eine stärkere Abwehr dem BHC zu Siegen gereicht hätte. „Tatsächlich gab es unterschiedliche Abwehrleistungen. Dort an mehr Konstanz zu arbeiten, ist unsere Aufgabe, denn die Abwehr bleibt die Basis für unser Spiel“, sagt Jörg Föste. 

Hat das in den ersten drei Saisonspielen besser funktioniert?

Die Deckung stand gegen Magdeburg, Erlangen und Nordhorn über weite Strecken sehr gut und war Grundstein der BHC-Erfolge. Die Dynamik dieser drei Partien ist aber auch nicht zu unterschätzen. In Magdeburg hatte der BHC noch nie gewonnen. Mit einer in allen Mannschaftsteilen grandiosen Vorstellung gelang ein Auftakt nach Maß, der das Selbstvertrauen stärkte. Der Erfolg gegen Erlangen sah aus wie Routine, bei der HSG Nordhorn-Lingen erweckte das Team trotz engen Verlaufs nie den Eindruck, dass es nervös werden könnte. „Man muss auch sehen, dass die jüngsten Gegner sich akribisch auf den BHC vorbereitet haben“, sagt Jörg Föste dazu, dass es ergebnistechnisch danach nicht mehr so gelaufen ist.

Ist das Vertrauen in die eigenen Stärken zuletzt verlorengegangen?

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Selbstverständlichkeit, mit der Rückraum-Ass Fabian Gutbrod zu Saisonbeginn den Ball aus neun Metern in die Maschen drosch, ist nicht mehr dieselbe. Zuletzt in Kassel hat der Kapitän zwar wieder gut getroffen, doch die kleinen Unterschiede lassen sich auf vielen Positionen finden. Auch im Tor: Tomas Mrkva überragte in den ersten beiden Spielen, kassierte dann aber einen Kopftreffer und konnte an die starke Frühform seitdem nicht mehr anknüpfen. Kurzum: Der BHC benötigt dringend ein Erfolgserlebnis, um neues Selbstvertrauen zu tanken.

Ist der HSC 2000 Coburg am Donnerstag der richtige Gegner dafür?

Möglicherweise. Die Gäste haben in der Klingenhalle nichts zu verlieren. Sie kommen ohne Punkte nach Solingen, und niemand erwartet von ihnen einen Sieg beim Bergischen HC. Für die Löwen ist das Chance und Risiko zugleich. Ein überzeugender, souveräner Erfolg würde zumindest die derzeit spürbare Ernüchterung ein wenig verdrängen, das Gefühl des Sieges zurückbringen und das Selbstvertrauen für kommende Aufgaben stärken. Spielt der BHC allerdings schlecht, gewinnt nur mit Ach und Krach oder lässt gar Punkte liegen, steht das Team vor einem Problem. Ob es schon eine sportliche Krise wäre, sei dahingestellt, doch sie wäre zumindest nah. Insofern ist die Partie gegen Coburg wenigstens richtungsweisend.

Welche Rolle spielte Corona bisher?

Die jüngsten BHC-Gegner Berlin und Melsungen kamen jeweils aus einer Corona-Quarantäne. Ob das ein Vorteil für den BHC war, ist schwer zu beurteilen. Zwar fehlte beiden etwas an Wettkampf und Trainingspraxis, andererseits waren sie gerade dadurch sehr fokussiert auf den BHC. Und der hing es nicht an die große Glocke, dass bei ihm wichtige Spieler verletzungsbedingt oder aus anderen Gründen fehlten. „Wir halten es grundsätzlich nicht für erstrebenswert, mit Lamentis an die Öffentlichkeit zu gehen. In diesen Tagen schon gar nicht. Wir müssen vielmehr festhalten, dass es ein Privileg ist, den Spielbetrieb aufrechterhalten zu können“, sagt Jörg Föste.

Wie ist die wirtschaftliche Lage? Hat der Verein inzwischen Bundeshilfen erhalten?

„Ja“, sagt Jörg Föste und bestätigt, dass Geld an den BHC aus dem Hilfspaket der Bundesregierung für die Profivereine geflossen ist. Zur Höhe der Summe will er nichts sagen. Allerdings decke das Geld nur einen Bruchteil der Einnahmeausfälle für die Monate März bis Dezember ab. „Wir müssen zurechtkommen und sind dabei auch auf die Treue unserer Fans und Sponsoren angewiesen“, erläutert Föste. Um auch mittelfristig Planungssicherheit zu haben, habe der BHC für die kaufmännische Bilanzierung einen breiteren Zeitraum gewählt. Man plane nun kaufmännisch bis Mitte 2023. Föste: „Entscheidend ist, dass wir Liquidität herstellen - und das ist gegeben.“

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