Interview

Arnd Zeigler: „Jeder Fußballplatz kann das Zentrum der Welt sein“

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Arnd Zeigler ist vom Fußball infiziert.

Arnd Zeigler spricht über die Faszination und die Schattenseiten des Fußballs, sein neues Buch – und Union Solingen.

Von Gunnar Freudenberg 

Herr Zeigler, was kommt Ihnen als ausgewiesener Fußball-Experte zu Solingen in den Sinn?

Arnd Zeigler: Da denke ich natürlich an Union Solingen. Das war der erste Gegner mit Otto Rehhagel als Trainer im einzigen Zweitliga-Jahr von Werder Bremen. Ein 4:2-Sieg. Ich denke aber auch an Michael Schade, Christoph Kramer und Dirk Hupe.

Dirk Hupe ist für Ihre Sendung im WDR im Stadion am Hermann-Löns-Weg gewesen, kurz bevor es abgerissen wurde.

Zeigler: An das zugewachsene Stadion erinnere ich mich gut. Stadien alter Traditionsvereine faszinieren mich sehr und gehen mir ans Herz. Wenn ich in größere Städte komme, die ich noch nicht kenne, gibt es für mich immer zwei Fixpunkte: Wo ist das Stadion? Und wo gibt es einen guten Plattenladen? Auf meiner Tour nehme ich da auch gerne Umwege in Kauf.

Ihr neues Buch heißt „Traumfußball – Wie unser Lieblingsspiel uns allen noch mehr Spaß machen kann“. Haben Sie den Eindruck, dass der Spaß bei vielen weniger wird?

Zeigler: Ich glaube, dass wir gerade an einem sensiblen Punkt sind. Ich frage mich immer: Wenn der Fußball vor 40 Jahren schon genau wie heute gewesen wäre, wären wir dann alle auch so große Fußballfans geworden?

Was genau meinen Sie?

Zeigler: Von Sepp Herberger gibt es den Spruch „Die Leute gehen zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht.“ Das ist heute nicht mehr so. Gefühlt sind es immer nur noch dieselben Vereine, die in der Champions League weit kommen, und Bayern wird möglicherweise auch in den nächsten zehn Jahren noch Meister. Das ist schön für die Bayern, aber für alle anderen nicht so. Dazu gibt es immer noch den nicht restlos ausgereiften Videobeweis, der oft zu sehr in ein Spiel eingreift, und künstliche Stadionatmosphäre für die Stimmung im Wohnzimmer. Ich habe das Gefühl, dass alles ein bisschen vorhersehbarer und künstlicher geworden ist und wir aufpassen müssen, dass von der Fußballkultur nicht zu viel verloren geht.

Könnte die Corona-Krise in dieser Hinsicht vielleicht sogar hilfreich sein?

Zeigler: Ich hoffe einfach, dass die richtigen Schlüsse aus der Krise gezogen werden. Wenn durch Corona zwangsläufig so Dinge wie Gehaltsobergrenzen oder Financial Fairplay angestoßen werden, wäre das zumindest ein positiver Nebeneffekt.

„Fußball ist ein Versprechen auf Glücksmomente, die vielleicht niemals kommen.“

Wie sehen Sie die momentane Rolle der Deutschen Nationalmannschaft?

Zeigler: Ich glaube, die Distanz zu den Fans ist so groß wie noch nie. Da passt es ins Bild, dass die Mannschaft für 200 Kilometer ins Flugzeug steigt, um zum nächsten Spiel der Nations League zu fliegen. Einem Wettbewerb, auf den keiner so richtig Lust hat. Das geht komplett an den Interessen der Fans vorbei.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass das Internet den Fußball manchmal ganz schön versaut. Inwiefern?

Zeigler: Wenn ich mir die Kommentare auf den Social-Media-Kanälen der meisten Vereine ansehe, gleicht sich das Bild: Der Trainer ist ein Volltrottel, alle Spieler sind blind und jeder Transferflop war vorherzusehen. Kritik muss möglich sein, aber es wird fast nur noch gehetzt und vergessen, dass auch im Profifußball immer noch Menschen am Werk sind mit Höhen und Tiefen. Der sportliche Gedanke fehlt mir oft. Viele Fans definieren sich darüber, sich aufzuregen. Wenn mein Verein ein Spiel verliert, bin ich zuallererst traurig und mir steht nicht der Sinn danach, über alles und jeden im Internet zu hetzen. Und es müsste doch eigentlich jedem Fan eine Herzensangelegenheit sein, seine Spieler zu respektieren und nicht selbst immer austauschbarer zu machen.

Wir haben jetzt über die negativen Dinge gesprochen. Was macht für Sie die Faszination Fußball aus?

Zeigler: Fußball füttert uns mit Sehnsüchten, die niemals vergehen, weil der Fußball wie die Natur funktioniert und selbst die beschissenste Saison im nächsten August wieder ausradiert werden kann. Es geht alles immer wieder von vorne los. Fußball ist ein Versprechen auf Glücksmomente, die vielleicht niemals kommen, und neben Popmusik die einzige Leidenschaft, die uns von der Kindheit bis ins hohe Alter begleitet. Obwohl der Fußball für mich noch höher anzusiedeln ist: Ein tolles Popkonzert ist irgendwann vergessen, manch ein Fußballspiel trägt man bis an sein Lebensende unausradierbar im Herzen.

Geht von der Faszination denn nicht viel verloren, wenn die letzten Erfolge der Lieblingsmannschaft schon eine Zeit zurückliegen?

Zeigler: Nein. Es liegt ja auch an einem selbst, ob man sich runterziehen lässt. Ich empfinde es zum Beispiel als großen Glücksfall, dass ich mit Werder den Double-Gewinn und viele Jahre in der Champions League erlebt habe. Aber genauso, dass ich ein Jahr in der 2. Liga oder zuletzt die Relegationsspiele mitgemacht habe. Das lehrt Demut. Wird Werder in dieser Saison Achter, freue ich mir ein Loch in den Bauch. Wenn man nicht gerade Bayern-Fan ist, gibt es für die meisten ja nicht viel zu feiern. Trotzdem hat auch eine Mannschaft wie Mainz 05 leidenschaftliche Fans, obwohl der Verein nie Titel gewonnen hat und es nicht danach aussieht, dass sich das bald ändern wird. Hoffen und Bangen sind sehr viel tiefere Gefühle als das Abnicken erwartbarer Erfolge. Ich nenne auch gerne das Beispiel Kaiserslautern. Die waren Meister, haben in der Champions League gegen Barcelona gespielt und stehen jetzt vielleicht ohne Kohle vor dem Gang in die Regionalliga.

Und trotzdem würden die Fans alles dafür geben, wieder ins Stadion zu dürfen wie vor der Corona-Krise . . .

Zeigler: Genau. Auf meiner Tour hab ich beim Bier danach bei vielen Gesprächen vor Augen geführt bekommen, wie felsenfest wir als Fußballfans einer Schicksalsgemeinschaft angehören – egal, ob wir mit Schalke, Köln oder einem Verein in Solingen zittern, hoffen und leiden. Der Fußball ist überall immer mal wieder das Wichtigste überhaupt, und jeder örtliche Fußballplatz kann in besonderen Momenten das Zentrum der Welt sein. Jeder von uns ist irgendwann einmal vom Fußball infiziert worden – jeder auf seine eigene Art und Weise. Das verbindet uns alle, die wir den Fußball lieben. Und weil das für jeden von uns etwas so Besonderes ist, wollte ich ein Buch schreiben, um genau dieses Gefühl festzuhalten und jeden Leser dazu zu bringen, sich über seine eigene Fangeschichte vielleicht etwas klarer zu werden.

Zur Person

Arnd Zeigler, 1965 in Bremen geboren, ist Autor, Kolumnist, Moderator und Stadionsprecher bei seinem Lieblingsverein Werder Bremen. Deutschlands Fußballfans kennen ihn aus seiner wöchentlichen Fernseh- und Radioshow „Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“, folgen ihm auf Social Media oder hören seinen Podcast „Ball you need is love“. Außerdem ist er deutschlandweit mit einem erfolgreichen Live-Programm unterwegs.

Buchkritik: Ein sinnlicher Blick auf das Lieblingsspiel

Arnd Zeigler hat ein untrügliches Gespür für skurrile Geschichten, traurige Helden, abwegige Entwicklungen und besondere Momente. Das beweist er auch in seinem Buch „Traumfußball – Wie unser Lieblingsspiel uns allen noch mehr Spaß machen kann“. Sein Blick auf die Fußballwelt ist darin nicht abfällig oder zynisch, sondern vielmehr getragen von Herzenswärme und Empathie.

Aus seinen Betrachtungen entwickelt Zeigler beachtenswerte – wenn auch bisweilen sehr unpopuläre – Fußballwahrheiten, wie zum Beispiel: „Neueinkäufe aus Brasilien spielen nicht automatisch besser als Neueinkäufe aus Lettland“.

„Traumfußball“ ist im Verlag Edel Books erschienen.

Oder: „Nach jedem gescheiterten Trainer und dem damit verbundenen Trainerwechsel holt dein Verein in nahezu allen Fällen einen Trainer, der anderswo bereits ebenfalls gescheitert ist – oft sogar mehrmals.“ Er nimmt Siegesfeiern unter die Lupe und fragt, ob die Eventisierung des Sports eine Bereicherung für den Fußball und seine Fans darstellt. Und er geht dem Mysterium nach, dass in den gesamten 60er-Jahren bis weit hinein in die zweite Hälfte der 70er in der Bundesliga kein Fall von Adduktorenzerrung bekannt ist.

Traumfußball ist ein höchst sinnlicher Blick auf den Fußball – nicht von der Kanzel, sondern direkt aus der Kurve. -gf-

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