Jahresrückblick

Das sind unsere Momente des Sport-Jahres 2021

Pure Erleichterung: Nach zwei Monaten der Tristesse durften die BHC-Profis über einen 27:26-Sieg in Hamburg jubeln. Foto: Mathias M. Lehmann
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Pure Erleichterung: Nach zwei Monaten der Tristesse durften die BHC-Profis im Dezember über einen 27:26-Sieg in Hamburg jubeln.

Die ST-Sportredaktion schaut auf die Szenen zurück, die sie in den vergangenen 365 Tagen am meisten bewegt haben.

03: Mit Leidenschaft und Selbstvertrauen

10. April: Resvanis kündigt Großes an

Peter Resvanis ist der Macher bei Wald 03.

Von Timo Lemmer

Es passt in dieses von Lockdowns, Kontakt- und Zuschauerbeschränkungen geprägte Jahr, dass mein Moment 2021 im Solinger Fußball neben, statt auf dem Platz stattfand: Am 10. April präsentierte Peter Resvanis dem Solinger Tageblatt seine Zukunftsvision von Wald 03 – und hinterließ nach dem samstagmorgendlichen Gespräch im Walder Vereinsheim einen verdutzten Reporter. Zwischen „ziemlich anmaßend“ bis „was ein wahnsinnig gutes Konzept“ kreisten die Gedanken im Nachgang. Selten meldeten sich so viele Vereinsvertreter anderer Fußballclubs oder Kollegen nach einem Artikel, um zu fragen: „Und? Was denkst du?“ Klar zu beantworten war das nicht. Einerseits war Resvanis beileibe nicht der Erste, der mir während meiner Zeit im ST-Sport „große Zukunftsvisionen für den Solinger Fußball“ präsentierte. Stand gehalten haben die zuvor der Realität noch nie. Andererseits präsentierte da jemand mit so viel Inbrunst, Leidenschaft, Selbstvertrauen und – vor allem davor hatten zuvor viele zurückgeschreckt – seinem Gesicht Ideen, dass es nur so beeindruckte.

timo.lemmer@solinger-tageblatt.de

Es wäre zu einfach, jetzt, wo Wald 03 in der Bezirksliga auf Rang eins überwintert, zu sagen: 03 unter Resvanis, das ist der Heilsbringer des bisweilen morbiden Solinger Fußballs. Aber: Die Hoffnung, dass ein Verein den Solinger Dornröschenschlaf beenden kann, hat Nahrung erhalten. Resvanis und 03 könnten den wichtigen Anschub meistern. Dass hinter dem „Gerede“, wie einige im April abschätzig urteilten, mehr steckt, unterstreicht auch diese Nachricht: Der VfB Solingen kann sich nun doch wieder Fusionsgespräche vorstellen. Das wäre dann wirklich eine große Leistung für den Solinger Fußball.

Die Fußballwelt blieb stehen

12. Juni: Die Rettung von Christian Eriksen

Der Moment des Schocks: Hier realisieren Christian Eriksens Mannschaftskameraden gerade, dass es sich um eine lebensbedrohliche Situation für den Dänen handelt.

Von Fabian Herzog

Beim Gedanken an den 12. Juni dieses Jahres läuft es mir heute noch eiskalt den Rücken herunter. Es war der Tag, als nicht nur die Fußballwelt, sondern eben auch Christian Eriksens Herz stehen blieb. Der dänische Nationalspieler kollabierte im Europameisterschaftsspiel in Kopenhagen gegen Finnland und musste auf dem Platz wiederbelebt werden. Für einige Minuten stand ich völlig unter Schock und wollte vom Fußball und dieser EM, dir gerade erst begonnen hatte, nichts mehr wissen. Zum Glück gab es das Happy End.

fabian.herzog@solinger-tageblatt.de

Niemals aber hätte ich gedacht, dass mich dieser schlimme Moment auch aus lokalsportlicher Sicht noch einmal tangieren würde. Doch wenige Tage später entdeckte ich beinahe zufällig, wer Eriksen das Leben gerettet hatte. Es war tatsächlich Jens Kleinefeld, den ich noch aus seiner langjährigen Tätigkeit als leitender Notarzt im Rettungsdienst der Stadt Solingen kannte. Schon zur WM 2006 hatten wir für einen Artikel Kontakt, weil er damals als Dopingkontrolleur für die Fifa tätig war. Ob seine E-Mail-Adresse noch dieselbe ist? Zum Glück hat Kleinefeld sie nicht verändert und reagierte prompt auf meine Interview-Anfrage. Wenige Tage später trafen wir uns in seiner Praxis in Köln, wohin er seinen Lebensmittelpunkt mittlerweile verlegt hat. Zugegeben: Ich habe schon eine Portion Adrenalin gespürt, als ich zu dem Termin fuhr. Schließlich hatte ich großen Respekt vor dem, was der Mediziner da geleistet hatte. Für Kleinefeld selbst, so stellte es sich während unseres etwa einstündigen Gesprächs heraus, war es gar nicht so etwas Außergewöhnliches. Er hat schon so vielen Menschen auf ähnliche Art das Leben gerettet und war froh, zeigen zu können, wie leicht es ist, jemanden zu reanimieren. Eine beeindruckende Persönlichkeit, dieser Jens Kleinefeld. Bodenständig, bescheiden und sehr sympathisch. Und für mich ganz klar der Star dieser Europameisterschaft.

Für den bergischen Profisport existenziell

6. Oktober: Kurzbach wirbt für die Arena

Pro bergische Arena: Die Oberbürgermeister von Solingen und Wuppertal, Tim Kurzbach (r.) und Uwe Schneidewind (Grüne).

Von Jürgen König

Ende März 2014 war ich diesen Weg aus gleichem Anlass schon einmal gegangen – entlang der Wupper hin zum Haus Müngsten. Damals ging es um eine Markt- und Bedarfsanalyse zur Vision einer Arena Bergisch Land. Jetzt, in aller Frühe des 6. Oktober 2021, spricht sich Solingens Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) konkret für den Bau einer Arena am Weyersberg aus. Für mich als jemanden, der das Sportgeschehen seit Mitte der 80er-Jahre beruflich verfolgt, ist es ein besonderer Termin. Der Abriss des Union-Stadions als Wahrzeichen für großen Fußball; untaugliche Versuche, Golf als wichtigen Faktor zu etablieren; die Reduzierung des Angebots bei Hallen- und Freibädern; das ständige Bangen um die Eissporthalle – dies und mehr könnte endlich mal von einer positiven Nachricht, dem Bau der Arena im Herzen der Klingenstadt, abgelöst werden. Wenn Finanzen, Verkehrsanbindung, Nutzungen, Nachfrage sowie vieles weitere auch über den Sport hinaus zufriedenstellend geklärt sind.

juergen.koenig@solinger-tageblatt.de

Für den bergischen Spitzensport in Person der BHC-Bundesliga-Handballer ist es fernab von Luxus eine Existenzfrage. Wer weiß, wie immens viel Jörg Föste und Co. bei den Löwen für die dazu noch unwirtschaftlichen Heimspiele in der extrem sanierungsbedürftigen Klingenhalle an Kraft investieren, kann sich leicht ausrechnen, was ein Scheitern der Arena-Pläne mit sich brächte. Die nächste große Pressekonferenz würde dann eher am Rhein als an der Wupper stattfinden . . .

27:25 beim Favoriten ist zugleich Meilenstein und Aufgalopp

6. November: Der HSV gewinnt bei Frisch Auf Göppingen

Vanessa Brandt ist eine großartige Konstante im HSV-Spiel. Sie verteidigt exzellent – und wirft jede Menge Tore. In Göppingen erzielte sie zehn ihrer bis jetzt 115. Nur Kerstin Foth (117) aus Nürtingen liegt vor ihr.

Von Lutz Clauberg

Die Heimspiele des HSV Solingen-Gräfrath sind fast immer ein Erlebnis. Die Zweitliga-Handballerinnen haben viel zu bieten. Kampfgeist. Wille. Emotionen. Leistung. Und reichlich Siege. 32:22 hieß es gegen Herrenberg gleich beim ersten Heimauftritt der so erfolgreichen Spielzeit 2021/22. Inzwischen stehen in der Klingenhalle sechs Siege (und eine ärgerliche Punkteteilung gegen den TSV Nord Harrislee) zu Buche – zuletzt gewann das Team von Kerstin Reckenthäler vor 500 Zuschauern 33:24 gegen die Kurpfalz Bären aus Ketsch und behauptete eindrucksvoll den Platz an der Sonne.

lutz.clauberg@solinger-tageblatt.de

Das Salz in der Suppe waren indes diverse Auswärts-Coups. Der selbstbewusste und zielstrebige HSV legte mit dem 37:18 einen Rekordsieg in Mainz hin, das 37:21 in Regensburg war ebenfalls zum Zunge schnalzen. Grundlage für diese Demonstrationen der Stärke war jedoch ein knappes 27:25 am 6. November in Runde acht. Der HSV war mit einem Mini-Negativ-Lauf (Remis gegen Harrislee, Niederlage in Berlin) nach Göppingen gereist. Erstliga-Absteiger und Titelfavorit Frisch Auf, stark besetzt und auch wirtschaftlich sehr potent, hatte sechs Mal hintereinander nicht verloren – bis der total fokussierte HSV kam. Toptorjägerin Vanessa Brandt und Rechtsaußen Merit Müller, die vier ihrer fünf Treffer in den letzten zehn Minuten erzielte, ermöglichten ihrem Team gemeinsam mit der wie so häufig bombenstarken Torhüterin Natascha Krückemeier den Sprung auf Platz zwei. Für mich der Sportmoment 2021. Der noch mehr Appetit auf Erlebnisse mit dem aktuellen Spitzenreiter macht. In der Klingenhalle stehen noch acht Partien auf dem Programm, auswärts derer neun. 17 hoffentlich tolle Sportmomente. Vielleicht wird ja sogar der Bundesliga-Aufstieg zum Abschluss am 21. Mai 2022 beim MTV Heide im Kreis Dithmarschen gefeiert.

Als die Löwen ihr Herz auf dem Feld ließen

27. Dezember: Der Bergische HC befreit sich in Hamburg aus seiner sportlichen Krise

Von Thomas Rademacher

Am 9. Dezember waren die Bundesliga-Handballer am Tiefpunkt angekommen. Die 21:25-Niederlage bei Schlusslicht GWD Minden, das bis dahin noch kein einziges Saisonspiel zu Hause gewonnen hatte, war am Ende ein Offenbarungseid – vor allem, weil sich die Löwen in ihr Schicksal ergaben, statt sich trotz aller zweifellos vorhandenen Widrigkeiten gegen die Niederlage zu stemmen. Und tatsächlich musste man sich plötzlich beim BHC mit dem Thema Abstieg beschäftigen – ein Szenario, das angesichts des gut besetzten Kaders noch wenige Wochen zuvor unrealistisch zu sein schien.

Als Lokalsport-Redakteur ist es bei aller gebotenen Objektivität normal und menschlich, dass man mit „seinen“ Teams leidet, wenn es ihnen schlecht geht. Und sich mit ihnen freut, wenn es gut läuft. Im Englischen gibt es den Begriff „Beat-Reporting“, der sich auf Journalisten bezieht, die spezialisiert auf ein Thema, ein Unternehmen oder einen Club sind. Es lässt sich sagen, dass ich mich am Herzschlag des Bergischen HC bewege. Als die Löwen am 27. Dezember beim HSV Hamburg antraten, hatten sie zehn Pflichtspiele in Serie nicht gewonnen. Nur zwei Punkte trennten sie von den Abstiegsplätzen, und diese letzte Partie bis zum 9. Februar 2022 sollte schon so etwas wie ein Schicksalsspiel darstellen. Bei einer Niederlage würde vieles in Frage gestellt, ein Sieg wäre der vielleicht wichtigste Schritt aus der sportlichen Krise.

thomas.rademacher@solinger-tageblatt.de

Es kam zum Drama. Einen 17:21-Rückstand verwandelte der BHC innerhalb von elf Minuten in einen 25:22-Vorsprung. In der Schlussminute musste das Team gleich zwei Mal den 27:26-Sieg verteidigen. Es gelang – irgendwie. Mit Glück, aber vor allem Leidenschaft und Wille. Die Löwen haben in diesem Spiel ihr Herz auf dem Feld gelassen. Als der Schlusspfiff ertönte, entfuhr sogar dem „Beat-Reporter“ ein lautes „Ja“ der Erleichterung, bevor er seinen Artikel zum gefühlt fünften Mal an diesem Abend umschrieb.

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