Verkehrte Zinswelt

Was das EZB-Feuerwerk bedeutet

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Das Hochhaus der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.

Frankfurt - „Risiken und Nebenwirkungen“, „Ziel verfehlt“, „Überdosis“ - nach den beispiellosen Beschlüssen des EZB-Rates wächst die Kritik am Kurs der Europäischen Zentralbank. Welche Folgen hat die Geldflut?

„Whatever it takes“ - Mario Draghi kämpft mit allen Mitteln gegen den Preisverfall und für mehr Wachstum im Euroraum. Führt das Europas Währungshüter zum Ziel oder steckt die Notenbank in einer Sackgasse?

Was hat die EZB alles beschlossen?

„„Money for nothing“, lautet das neue Motto der EZB“ - auf diesen Punkt bringen die Analysten der Liechtensteiner VP Bank das drastische Paket der Europäischen Zentralbank (EZB) vom Donnerstag. Der Leitzins sinkt auf null Prozent - erstmals in der Geschichte der Währungsunion. Heißt: Banken bekommen frisches Zentralbankgeld künftig umsonst. Zudem bietet die EZB den Geldhäusern neue extrem günstige Langfristkredite an. Banken, die eine bestimmte Menge Kredite ausgeben, bekommen das Geld sogar zu negativen Zinsen. Heißt: Sie werden für die Kreditvergabe bezahlt. Und damit die Institute gar nicht erst auf die Idee kommen, Geld zu horten, anstatt das Wachstum zu fördern, brummt die EZB ihnen nun 0,4 Prozent Strafzinsen auf, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Darüber hinaus flutet die EZB über den Kauf von Staatsanleihen und nun auch Unternehmensanleihen mit guter Bewertung die Märkte mit Geld: Ab April nimmt sie statt 60 Milliarden Euro monatlich 80 Milliarden Euro in die Hand. Damit schwillt das Kaufprogramm bis März 2017 auf 1,74 Billionen Euro an.

Warum erhöht die EZB die Dosis so drastisch?

Die Konjunktur im Euroraum erholt sich nur schleppend, die Inflation ist im Keller. Im Februar ging die jährliche Teuerungsrate wegen des erneuten Absturzes der Ölpreise auf minus 0,2 Prozent zurück. Für das Gesamtjahr rechnet die EZB inzwischen mit einer Mini-Inflation von 0,1 Prozent. Das ist meilenweit entfernt vom Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank. Dauerhaft niedrige Preise gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es bald noch billiger wird. „Die EZB hat eine desaströse Deflation verhindert“, meint Draghi.

Hilft die Geldflut Konjunktur und Inflation auf die Beine?

Viele Ökonomen sind skeptisch. „Mehr Wasser hilft nicht, wenn die Pferde nicht saufen wollen“, sagt der scheidende Ifo-Chef Hans-Werner Sinn. Nach Einschätzung von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer schwächen die Nebenwirkungen der EZB-Politik - Risiko von Blasen, Reformstau, Probleme bei der Altersvorsorge - die Rahmenbedingungen für Unternehmen. Die Firmen hielten sich deswegen bereits heute mit Investitionen zurück. Die Versicherungswirtschaft fürchtet gar, dass die Geldpolitik das Gegenteil von dem bewirken könnte, was sie eigentlich beabsichtigt. „Die Notenbank läuft zunehmend Gefahr, von den Risiken und Nebenwirkungen ihres Tuns eingeholt zu werden“, warnt der Präsident der Branchenverbandes GDV, Alexander Erdland.

Wer profitiert von der Geldschwemme?

Vor allem die Staaten, sie können sich günstig am Markt mit frischem Geld eindecken. Teils verdienen sie an der Schuldenaufnahme sogar, wie Deutschland. Das jüngste Paket wurde in Draghis Heimat Italien gelobt. Der Mailänder „Corriere della Sera“ wertete es als „Beweis, dass sich die EZB auch dann nicht beeinflussen lässt, wenn ihre Kritiker so mächtig sind wie die Welt der deutschen Wirtschaft“. Die Gewerkschaften in Italien lobten Draghis „mutige Schritte“. Auch in Spanien wurden die EZB-Beschlüsse grundsätzlich gelobt. Auch Häuslebauer und andere Kreditnehmer profitieren von dem Billiggeld - noch. Bankenverbände warnen bereits: Kredite könnten teurer werden, weil Institute gezwungen sind, fehlende Erträge auszugleichen.

Wer leidet schon jetzt unter der EZB-Geldpolitik?

„Die Beschlüsse der EZB werden für immer mehr Menschen in der Eurozone zu einer Belastung“, kritisiert Sparkassen-Präsident Georg Fahrenschon. Tagesgeld und Co. werfen kaum noch etwas ab. Auch die Altersvorsorge leidet. Die Verzinsung privater Lebens- und Rentenversicherungen sinkt seit geraumer Zeit. „Die Zinsentscheidung der EZB verstärkt den Abwärtsstrudel für die Sparer“, bemängelt die Hauptgeschäftsführerin des Bankenverbandes VÖB Liane Buchholz. Banken wiederum brechen Zinserträge weg. Strafzinsen geben die Finanzhäuser zum Teil an Unternehmen und institutionelle Investoren wie Fonds und Versicherungen weiter. Privatkunden bleiben bisher verschont.

Hat die EZB ihr Pulver jetzt verschossen?

„Wir haben keine Sorge, dass uns die Munition ausgeht“, betont Draghi. Statt an den diversen Zinsschrauben zu drehen, müsse man künftig eben noch mehr über unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen nachdenken. Seinen Erfindungsreichtum hat Draghi in der Schuldenkrise wiederholt bewiesen. Im Sommer 2012 beruhigte er fast im Alleingang die kriselnden Märkte mit seinem Versprechen, die EZB werde alles tun, um den Euro zu retten. Doch Zweifel am „Magier Mario“ wachsen. Nach der EZB-Entscheidung am Donnerstag schoss der Dax zunächst nach oben, schloss dann aber im Minus. Auch der Euro-Kurs schwankte stark. Der Goldpreis stieg dagegen und erreichte am Freitag den höchsten Stand seit einem Jahr. Das Edelmetall gilt vielen Anlegern als sicherer Hafen in turbulenten Zeiten. „EZB-Präsident Mario Draghi hat mit seiner „Bazooka“ das Ziel verfehlt“, meint Analyst Michael Hewson vom Broker CMC Markets UK. Draghis Auftritt habe letztlich Sorgen geweckt, dass die Währungshüter mit ihrem Latein am Ende seien.

dpa

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