Am schlimmsten trifft es München

Bsirske zu Warnstreiks: "Hoffe, dass Signal verstanden wird"

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Am Flughafen München stehen am Mittwoch viele Flugzeuge still. 

Frankfurt/Main - Am Morgen pünktlich zur Frühschicht haben an sechs deutschen Flughäfen die Warnstreiks von Verdi begonnen. Zehntausende Reisende müssen sich auf Verzögerungen und Ausfälle einstellen. Verdi-Chef Bsirske verlangt jetzt Abschluss in anstehender Verhandlung.

  • Die Gewerkschaft Verdi hat zu massiven Warnstreiks aufgerufen: An sechs deutschen Flughäfen wird am Mittwoch gestreikt.
  • Betroffen sind: Frankfurt am Main, München, Köln/Bonn, Dortmund, Düsseldorf und Hannover.
  • Verdi-Chef Frank Bsirske verteidigte die Warnstreiks gegen aufkommende Kritik.

+++ Die

 Lufthansa findet den Streik nicht lustig, mit dem sie nichts zu tun hat und bei dem sie trotzdem einen millionenschweren Schaden davonträgt. In den vergangenen zwei Jahren sind die Fluggesellschaft und ihre Kunden 14 Mal Zielscheibe des eigenen streikfreudigen Personals geworden, doch zusätzlich kommen noch Arbeitskämpfe des Öffentlichen Dienstes, bei den privaten Fluggastkontrolleuren oder bei den Vorfeldlotsen hinzu.

„Damit schädigt Verdi im harten Wettbewerb insbesondere diejenige Fluggesellschaft, die ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die höchsten Sozialstandards bietet“, wettert Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens. „Deutschland kann mit solchen Streikaktionen auf Dauer keinen Spitzenplatz im Weltluftverkehr erringen“, meint Michael Hoppe vom Airline-Verband Barig.

Verdi zufrieden mit Streik-Bilanz vom Münchner Flughafen

+++ In einer ersten Bilanz zeigte sich Verdi sehr zufrieden mit den Streiks am Münchner Flughafen. 550 Angestellte aus allen betroffenen Abteilungen hätten ihre Arbeit niedergelegt. Die Nordbahn sei zwischenzeitlich sogar komplett gesperrt gewesen.

+++ Verdi hat ihren Warnstreik am Münchner Flughafen am Mittwoch deutlich früher als geplant beendet. Mit dem Ende der ersten Schicht um 13.00 Uhr seien die meisten bis dahin beteiligten Mitarbeiter nach Hause gegangen, die zweite Schicht habe die Arbeit entgegen der Planung angetreten, sagte ein Verdi-Sprecher. Ursprünglich hatte Verdi den Warnstreik am größten Airport in Bayern bis Mitternacht angesetzt.

Einzig die Mitarbeiter der Sicherheitsgesellschaft wollten erst in der Nacht ihre Arbeit wieder aufnehmen, teilten sowohl Verdi als auch die Flughafengesellschaft mit. Wie ein Flughafensprecher sagte, bleibe es wohl bei 740 von 1140 abgesagten Flügen für Mittwoch. Am Donnerstag stehe einem geregelten Flugbetrieb von Seiten des Flughafens nichts im Weg. 

+++ Während Regierung und Arbeitgeberverbände die noch laufenden Aktionen kritisieren, pocht Verdi-Chef Frank Bsirske bereits auf eine schnelle Einigung. Er verteidigt auch die Ausweitung der Warnstreiks. Der Sinn von Warnstreiks sei es, Tarifverhandlungen zu beschleunigen, sagte Bsirske. Er hoffe, "dass dieses Signal verstanden wird".

+++ Am Münchner Flughafen fielen nach Angaben eines Sprechers zwei Drittel der Flüge aus, 740 von rund 1100 geplanten Flügen. Die Lufthansa hatte bereits im Vorfeld der Streiks fast 900 Flüge mit 87.000 Passagieren gestrichen. In München fallen demnach knapp 550 Flüge aus, in Frankfurt 350. Air Berlin strich knapp 90 Flüge.

Dritte Runde beginnt am Donnerstag - Bsirske fordert befriedigende Ergebnisse

+++ Seit dem Morgen sorgt der Tarifstreit im öffentlichen Dienst vielfach für Stillstand. Wer auf die Bahn ausweicht, hat unter Umständen ebenfalls Pech.

+++ Vor tausenden Warnstreikenden hat Verdi-Chef Frank Bsirske einen schnellen Abschluss bei den anstehenden Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst verlangt. In der dritten Runde, die an diesem Donnerstag in Potsdam beginnen soll, müsse man zu befriedigenden Ergebnissen kommen, sagte der Gewerkschaftschef am Mittwoch bei einer Kundgebung am Frankfurter Flughafen. Dort wie auch anderen Flughäfen hatten streikenden Flugzeugabfertiger, Sicherheitskräfte und Feuerwehrleute mehrere hundert Flüge ausfallen lassen.

Bsirske verlangte von Bund und Kommunen ein Gesamtpaket mit einem deutlichen Reallohnzuwachs und einer sicheren Altersversorgung. Verdi werde eine Verschlechterung der betrieblichen Altersversorgung auf keinen Fall hinnehmen. Zudem müsse die Zahl befristeter Arbeitsverhältnisse gesenkt werden, die in den vergangenen zehn Jahren um 36 Prozent auf 400 000 angewachsen sei. „Das ist Missbrauch.“

Bsirske verteidigte die Streikstrategie, bereits vor einer Urabstimmung die Flughäfen und zahlreiche weitere öffentliche Einrichtungen massiv zu bestreiken. Alle hätten ausreichend Zeit gehabt, sich vorzubereiten. Für den Fall eines Arbeitskampfes könne man die Aktionen noch ausweiten, meinte Bsirske. „Hier wird ein Signal gebremsten Schaums gesetzt."

"Diese sogenannten „Warnstreiks“ sind unverhältnismäßig"

+++ Was genau steckt hinter den Flughafenstreiks? Die wichtigsten Fragen und Antworten gibt's hier.

+++ Angesichts des massiven Ausfalls von Passagierflügen hat Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer die Gewerkschaft Verdi zur sofortigen Beendigung der Warnstreiks an den Flughäfen aufgerufen. „Diese sogenannten „Warnstreiks“ sind unverhältnismäßig“, sagte er in einer am Mittwoch verbreiteten Mitteilung. Eine auf zwei Drittel des Tages ausgelegte Arbeitsniederlegung, die große Teile des gesamten Flugverkehrs behindere, sei kein Warnstreik, sondern „ein Streik, der mit wirtschaftlichen Millionenschäden verbunden ist und nicht mehr als „Warnung“ verstanden werden kann“.

Der Streik richte sich formal gegen die öffentliche Hand als Tarifverhandlungspartner, treffe aber im Wesentlichen die Fluggesellschaften. „Die wirtschaftlichen Folgen des Streiks zielen auf deren Schädigung“, sagte Kramer.

Die Streiks an den Flughäfen haben begonnen

+++ Mit dem Beginn der Frühschicht haben am Mittwoch an sechs deutschen Flughäfen die angekündigten Warnstreiks der Gewerkschaft Verdi begonnen. In Frankfurt am Main ruht beim Bodenpersonal seit dem frühen Morgen die Arbeit, wie ein Verdi-Sprecher sagte. Ab 8.00 Uhr werde auch die Flughafen-Feuerwehr streiken.

Die Gewerkschaft hat im Rahmen der Tarifrunde Öffentlicher Dienst zu den Streiks an Flughäfen aufgerufen. Bundesweit müssen sich Zehntausende Reisende auf Verzögerungen und Ausfälle im Flugverkehr einstellen.

Am Flughafen Köln/Bonn hat die Feuerwehr bereits die Arbeit niedergelegt, wie eine Sprecherin der Gewerkschaft mitteilte. Dort sind keine Starts und Landungen mehr möglich. Auch das Bodenpersonal am Münchner Flughafen streikt. Am Morgen wurden dort nach Verdi-Angaben die Sicherheitskontrollen eingestellt. An den Flughäfen in Dortmund, Düsseldorf und Hannover wird ebenfalls gestreikt.

+++ Verdi-Chef Frank Bsirske verteidigte die Warnstreiks gegen Kritik. Sinn solcher Arbeitsniederlegungen sei es, Tarifverhandlungen zu beschleunigen, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich hoffe, dass dieses Signal verstanden wird und wir bei der dritten Runde am Donnerstag und Freitag zu einer Einigung kommen.“

+++ An den Flughäfen sollen etwa Werkstätten, Luftsicherheitskontrollen sowie Bodenverkehrsdienste bestreikt werden, sofern dort noch öffentlich Bedienstete tätig sind. Noch gravierender sind die geplanten Arbeitsniederlegungen bei den Flughafenfeuerwehren.

Mit dem Streik reagiere Verdi „auf ein Angebot, das den Beschäftigten einen Reallohn-Verlust zumuten will“, sagte Bsirske. Er bestritt die Darstellung der Arbeitgeber, dass dieses Angebot drei Prozent für zwei Jahre betrage. Da die drei Prozent in zwei Stufen angeboten würden und jede der beiden Erhöhungen erst jeweils im Juni wirksam werden solle, betrage es auf zwei Jahre gerechnet nur 1,8 Prozent. Die Inflation werde jedoch in diesem und im nächsten Jahr zusammengenommen zwei Prozent betragen.

+++ Die Lufthansa hat wegen des Verdi-Streiks an deutschen Flughäfen für Mittwoch 895 Flüge gestrichen. Betroffen sind davon 87.000 Passagiere, wie die Fluggesellschaft am Dienstag mitteilte. Der Großteil der Streichungen entfällt auf die Flughäfen in München und Frankfurt am Main.

Drehkreuze München und Frankfurt am stärksten betroffen

So wurden alle Interkontinentalflüge von und nach München gestrichen. Aber auch innerdeutsche und europäische Strecken seien betroffen, so dass es am Mittwoch nur rund 90 von normalerweise über 600 Flügen von und nach München geben werde.

Auch Air Berlin wies darauf hin, dass es durch den Streik zu Verzögerungen und Flugausfällen kommen könne.

Verdi hat zu Warnstreiks an den Flughäfen Frankfurt, München, Düsseldorf, Köln/Bonn, Dortmund und Hannover aufgerufen. Mit den Ausständen will die Gewerkschaft den Druck im Tarifstreit über den öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen erhöhen. Sie verlangt sechs Prozent mehr Geld. Auch in vielen anderen Bereichen wie Kitas, Krankenhäusern, Rathäusern und dem Nahverkehr sind die Beschäftigten derzeit immer wieder im Ausstand.

Wie die Airline weiter mitteilte, ist der größte Teil der internationalen Flüge von und nach Frankfurt nicht betroffen. Am wichtigsten Drehkreuz des Landes müssten allerdings die meisten innerdeutschen Verbindungen und zahlreiche Europaflüge annulliert werden. In Frankfurt werden 350 vor allem innerdeutsche und europäische Flüge gestrichen, während die Interkontinentalverbindungen weitgehend aufrechterhalten werden.

Nach dem Ende des Streiks in Frankfurt sollen ab 15 Uhr die Lufthansa-Flüge wieder normal verkehren. Auch an den anderen betroffenen Flughäfen wird es nach Unternehmensangaben Annullierungen geben.

Der Flughafenverband ADV wie auch der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) hatten die Warnstreiks als völlig unangemessen kritisiert und schärfere Regeln für Arbeitskämpfe im Luftverkehr verlangt. Die Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens beklagte den Schaden für die Kunden: „Wieder einmal sind unsere Fluggäste von einem Arbeitskampf betroffen, bei dem Lufthansa selbst gar nicht Partei der Tarifverhandlungen ist.“

Verdi-Chef Frank Bsirske verteidigt Maßnahmen

Bestreikt werden sollen etwa Werkstätten, Luftsicherheitskontrollen sowie Bodenverkehrsdienste wie Vorfeld, Fracht, Gepäck und Verwaltung. Noch einschneidender sind Arbeitsniederlegungen bei den Flughafenfeuerwehren, die für Frankfurt, München und Köln/Bonn angekündigt sind. Ohne Feuerwehr ist ein Flugbetrieb aus Sicherheitsgründen nicht möglich. Der Flughafenverband ADV hatte die Warnstreiks als „völlig unangemessen“ kritisiert. Die Lufthansa veröffentlichte am Montagabend einen Sonderflugplan.

Verdi-Chef Frank Bsirske verteidigte die Maßnahmen. „Wir haben die Aktionen bereits am Freitag angekündigt, um betroffenen Passagieren entgegenzukommen“, sagte Bsirske den „Ruhr Nachrichten“ (Dienstag). „Die Arbeitgeber sollten ihre Haltung und ihr Angebot überprüfen, damit in der dritten Verhandlungsrunde am Donnerstag und Freitag eine Lösung gefunden werden kann.“

Lufthansa-Personalvorstand Bettina Volkens sagte laut Mitteilung, der Streik zeige erneut, „dass wir dringend Regeln für Arbeitskämpfe im Luftverkehr benötigen“. Ihr Unternehmen fordere verbindliche Mediations- oder Schlichtungsverfahren vor Arbeitskämpfen.

Für innerdeutsche Flüge, die streikbedingt ausfallen, können Passagiere der Lufthansa zufolge Züge der Deutschen Bahn nutzen. Reisende, die für den 27. April einen Flug mit einer Airline der Lufthansa Group von und nach oder über Frankfurt, München, Düsseldorf, Köln/Bonn, Dortmund und Hannover gebucht haben, können ihr Ticket kostenfrei umbuchen - unabhängig davon, ob ihr Flug von dem Verdi-Streik betroffen ist.

Das können Fluggäste von Air Berlin machen

Fluggäste von Air Berlin, die aufgrund des Streiks von einer Flugstreichung betroffen sind, können kostenfrei auf einen Flug mit der gleichen Strecke im Reisezeitraum vom 28. April bis einschließlich 4. Mai 2016 umbuchen. Bei Flügen, die als Teil einer Pauschalreise gebucht wurden, sollten Kunden ihren jeweiligen Reiseveranstalter kontaktieren.

Im November hatten die Flugbegleiter der Muttergesellschaft Lufthansa den bislang heftigsten und mit sieben Tagen längsten Streik in der Geschichte des 60 Jahre alten Unternehmens organisiert. Die Kosten allein dafür schätzte Lufthansa auf rund 140 Millionen Euro, die sich zu den bereits aufgelaufenen 130 Millionen Euro aus drei Streikrunden der Piloten addierten. Deren Tarifkonflikt ist nach wie vor ungelöst, während für die Flugbegleiter der Schlichter Matthias Platzeck bis zum Sommer ohne Streikdruck nach einer Lösung sucht.

dpa/AFP

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