Sinn: Probleme der Eurozone nur übertüncht

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Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet nächstes Jahr ein kräftiges Wachstum der deutschen Wirtschaft. Foto: Michael Kappeler

Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro lassen die deutsche Wirtschaft nächstes Jahr weiter wachsen. Ifo-Präsident Sinn ist noch optimistischer als viele andere Volkswirte. Aber Südeuropa macht ihm Sorgen.

München (dpa) - Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn erwartet nächstes Jahr ein kräftiges Wachstum der deutschen Wirtschaft, sieht aber zwei große Risiken: Einen stärkeren Einbruch der chinesischen Wirtschaft und eine neue Krise in der Eurozone, "wo die Probleme nur übertüncht wurden", sagte Sinn.

Frankreich und die südeuropäischen Länder verschleppten überfällige Strukturreformen, mit Rückendeckung durch die Europäische Zentralbank. "Die politischen Unwägbarkeiten sind groß in Europa. Da liegt das eigentliche Risiko", sagte Sinn der Deutschen Presse-Agentur in München. "Europa funktioniert unter dem Euro nicht. Frankreich und Südeuropa stecken in einer chronischen Krise, die Massenarbeitslosigkeit führt zu politischer Radikalisierung, und das gefährdet den Zusammenhalt Europas."

In Deutschland verschafften auch die zusätzlichen Staatsausgaben von 21 Milliarden Euro für die Flüchtlinge der Konjunktur nächstes Jahr Rückenwind. Aber die Steuern werde die Bundesregierung vor den nächsten Wahlen kaum erhöhen. Und "irgendwann muss der Staat die Schulden dann zurückzahlen, und dann tritt genau der umgekehrte Effekt ein", sagte der Wirtschaftsforscher.

Eine Schuldenpolitik wie in einigen anderen Staaten wäre für Deutschland sehr gefährlich, "denn niemand wird Deutschland retten, niemand wird uns die Schulden erlassen", sagte der Ifo-Präsident. Der Schuldenberg sei mit gut 70 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung viel zu hoch, "und dazu kommt das demografische Problem: Die Babyboomer wollen in 15 Jahren Rente haben von Kindern, die sie nicht haben", sagte Sinn. "Es wäre verantwortungslos, sich in einer solchen Situation weiter verschulden zu wollen. Den wenigen Kindern werden sowieso zu viele Lasten überlassen."

Politiker achteten zu sehr auf Stimmungen und die nächste Wahl und zu wenig auf zwangsläufige wirtschaftlichen Konsequenzen. Deshalb müssten sich die Volkswirte von Instituten und Universitäten "öffentlich zu Wort melden und die Leute aufklären über die langfristigen Folgen von Politikentscheidungen", sagte der streitbare Professor.

Das Ifo-Institut rechnet mit einem Anstieg des deutschen Wirtschaftswachstums auf 1,9 Prozent im Jahr 2016 und ist damit noch optimistischer als andere Institute oder die Bundesbank. Der niedrige Ölpreis und der schwache Euro seien die beiden wichtigsten Treiber, sagte Sinn. Beides kurble die Nachfrage nach heimischen Gütern an, "und die geringe Arbeitslosigkeit und die höheren Löhne tragen weiter zum guten Konsumklima in Deutschland bei".

Die Exportindustrie erwarte mehr Aufträge zum Beispiel aus den USA, wo die Wirtschaft boomt. "Und ein Treiber ist auch der seit 2010 andauernde Bauboom in Deutschland: Wegen der niedrigen Zinsen geht die Flucht in das Betongold weiter."

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