Keine Spur von Krise

Deutscher Arbeitsmarkt auf Rekordkurs

Berlin - Der deutsche Arbeitsmarkt trotzt allen Krisen: Die Zahl der Erwerbstätigen steigt auf den zweithöchsten Stand seit der Wiedervereinigung - nur auf die Arbeitslosenzahlen schlägt sie sich nicht nieder.

Deutschland steuert inmitten aller Krisen auf einen Rekord auf dem Arbeitsmarkt zu: Entwickelt sich die Zahl der Erwerbstätigen ähnlich wie in den Vorjahren, dürfte im dritten Quartal 2014 ein neuer Höchststand erreicht werden. Der Beginn des neuen Ausbildungsjahres lässt die Zahlen im Herbst traditionell ansteigen. Noch entscheidender ist aus Sicht von Experten, dass sich der deutsche Arbeitsmarkt derzeit zumindest auf kurze Sicht wenig anfällig für konjunkturelle Störfeuer aller Art zeigt.

„Die Zahlen bestätigen, dass der Arbeitsmarkt äußerst robust ist, obwohl das konjunkturelle und das politische Umfeld unsicherer geworden sind“, sagt Arbeitsmarktexperte Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Forschungsinstitut IMK.

Denn obwohl die Erwerbstätigenzahlen dank des milden Winters schon zum Jahresauftakt kräftiger als üblich gestiegen waren, ging es auch im zweiten Quartal noch einmal deutlich nach oben. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hatten von April bis Ende Juni 42,538 Millionen Menschen ihren Arbeitsort in Deutschland. Das ist der zweithöchste Stand seit der Wiedervereinigung und zugleich der höchste Wert für ein zweites Vierteljahr seit Anfang der 90er Jahre.

73.000 Erwerbstätige fehlen zum neuen Rekord

Mehr Erwerbstätige zählten die Wiesbadener Statistiker nur im Schlussquartal 2013 mit 42,611 Millionen. Gerade einmal 73 000 Erwerbstätige fehlen also noch, um diesen Rekord einzustellen. „Da die Wachstumsraten stabil sind, wäre es nicht überraschend, wenn es bald einen neuen Rekord geben würde“, meint ein Statistiker.

IMK-Experte Herzog-Stein gibt jedoch zu bedenken: „Nicht alles, was wir an Beschäftigungsaufbau sehen, sehen wir gleichzeitig als Abbau bei der Arbeitslosigkeit.“ Die Statistik, in der auch Teilzeit- und geringfügige Beschäftigung enthalten ist, werde auch durch hohe Zuwandererzahlen und steigende Erwerbstätigkeit von Frauen getrieben.

Insgesamt jedoch sind die aktuellen Zahlen ein weiterer Beleg für den seit Monaten positiven Trend auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Trotz Sommerflaute und wachsender Sorgen über den Ukraine-Konflikt gab es im Juli so wenige Arbeitslose in Deutschland wie zuletzt Anfang der 1990er Jahre. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zählte 2,871 Millionen Arbeitslose und eine Quote von 6,6 Prozent.

BA-Chef Frank-Jürgen Weise hatte sich zuversichtlich gezeigt, dass die robuste Entwicklung zunächst anhalten wird: Er rechne trotz Zuspitzung der Lage in der Ukraine zunächst weiterhin mit steigender Beschäftigung und leicht sinkender Arbeitslosigkeit in Deutschland. „Wir sehen zwar die Risiken, aber wir spüren auf dem Arbeitsmarkt noch nichts“, sagte der Bundesagentur-Chef vor zwei Wochen. „Wir haben Unternehmen, die haben hervorragende Produkte. Viele davon werden auf dem Weltmarkt nachgefragt.“

Allerdings kann sich die Exportnation Deutschland den weltweiten Krisen nicht völlig entziehen. Im zweiten Quartal schrumpfte das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) zum Vorquartal um 0,2 Prozent - das erste Minus seit Anfang 2013. Viele Unternehmen planen angesichts steigender Konjunkturrisiken inzwischen vorsichtiger. „In nächster Zeit ist mit einer vorsichtigeren Einstellungspraxis der Unternehmen zu rechnen“, schreibt die Bundesbank in ihrem Monatsbericht August.

Jörn Bender (dpa)

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