Unser Film der Woche

Zum Start von "Snowden": Eine Helden-Geschichte

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Die Waffe des modernen Helden: Joseph Gordon-Levitt füttert als Edward Snowden seinen Rechner mit Daten.

München - Regisseur Oliver Stone stellt sich mit seinem spannenden Thriller geschickt in den Dienst Edward Snowdens. 

Diesen Film erzählt ein Mann, der noch an Helden glaubt. Jene irgendwie aus der Zeit gefallenen Typen, die ihre besonderen Begabungen nicht für das eigene Fortkommen nutzen, sondern in den Dienst einer guten Sache stellen. Soll’s ja auch heute noch geben. Edward Snowden ist für Regisseur Oliver Stone ein solcher Edelmann. Und so ist es völlig klar, dass er „Snowden“ als Helden-Geschichte inszeniert.

Tatsächlich hat dieser blasse, schmale Typ, in den sich Josef Gordon-Levitt nicht nur dem Aussehen nach erstaunlich überzeugend verwandelt, alles, was es für eine moderne Superhelden-Story braucht: im normalen Leben unscheinbar brav wie Peter Parker. Aber ausgestattet mit Superkräften. Die offensichtlichste: ein ungeheures technisches Talent.

Stone überspitzt schamlos. Snowden wird zum Super-Hacker stilisiert. Doch das ist legitim. Der Zweck heiligt die kreativen Mittel. Stone, der Rockstar unter den politischen Filmemachern Hollywoods, nutzt Snowden nicht als Vorlage, um einen Thriller mit Realitätsbezug – für den besonderen Kitzel – zu erzählen. Es ist genau andersherum: Er stellt sich in den Dienst des Whistleblowers, übertreibt, überhöht, überzeichnet, nutzt alle ihm zur Verfügung stehenden Thriller-Elemente, um Snowdens Leistung zu würdigen. Um dessen Kampf weiterzukämpfen – und den der Dokumentarfilmerin Laura Poitras. Sie hat in „Citizenfour“ über die mutigen Taten des US-Exilanten bereits hinreichend berichtet. Stone liefert die massentauglichere Spielfilmvariante. Er weiß, wie man ein Publikum, das nicht nur aus Computer-Nerds besteht, fast zweieinhalb Stunden bei der Stange hält und nebenbei das krude Überwachungssystem, von dem wir alle erfasst werden, „Sendung mit der Maus“-gerecht erklärt.

Snowdens Superkraft

Es ist die Geschichte einer Wandlung, in deren Verlauf eine zweite, nicht gleich ersichtliche Superkraft Snowdens zum Vorschein kommt. Stone nimmt sich viel Zeit, uns zunächst mit einem überdurchschnittlich intelligenten jungen Mann bekannt zu machen. Einem überzeugten Patrioten, der bereit ist, alles für sein Land zu tun. In Szenen, die nicht zufällig an die höllenartige Atmosphäre von „Platoon“ erinnern, sehen wir, wie sich Rekrut Snowden im Militär-Trainingslager körperlich schinden lässt. Bis seine Knochen nicht mehr mitmachen. Da die Physis streikt, will er mit seinem Intellekt für seine Heimat kämpfen. Das ist sinnbildhaft. Stone nimmt über die Biografie seines Titelhelden eine Tatsache vorweg, die später dessen CIA-Ausbilder in Worte fassen wird: Die Kriegsschauplätze haben sich verschoben. Die entscheidenden Schlachten werden schon lange nicht mehr auf dem Feld Mann gegen Mann ausgetragen. 

Der wahre Krieg läuft auf anderen Kanälen. Es ist ein Kampf um Informationen, Einfluss, Daten. Als dem jungen Milchgesicht das klar wird, kommt seine zweite Superkraft zum tragen: die unbändige Willensstärke, sich für Ideale einzusetzen. Man muss sich das mal klar machen: Dieser Mann hat sein Leben aufs Spiel gesetzt, hat seinen gut dotierten Job, seine Heimat, all das, woran er einmal geglaubt hat, hinter sich gelassen, um die Welt zu verändern. Geschickt gelingt es Stone, die totale Überwachung durch die zunehmende Paranoia seiner Hauptfigur spürbar zu machen. Wie im realen Leben sind in jeder Szene des Films Kameras zu sehen. Die im Laptop überklebt Snowden eilig, und auch von der Spiegelreflex, mit der seine Freundin Lindsay Mills (Shailene Woodley) versucht, ihn in spontanen Momenten abzulichten, wendet er sich scheu ab.

Die Liebesgeschichte dient nicht nur zur romantischen Untermalung. Mills ist Stichwortgeberin für eine sich entzündende Diskussion der beiden um die gern gestellte Frage, was denn gegen Datenspeicherung auszusetzen sei, wenn man doch nichts zu verheimlichen habe. Hier erlaubt sich Stone eine Anspielung, die den Film auch für den US-amerikanischen Wahlkampf relevant werden lässt. Was nämlich, wenn ein anderer ins Amt kommt, „der den Schalter umlegt“? Wie sicher sind die Daten noch, wenn sie in die falschen Hände geraten?

Am Ende gibt Stone in seiner Verfilmung des Realität gewordenen Orwell’schen Horrorszenarios seinem Helden durch einen besonderen Clou die Möglichkeit, noch einmal seine Botschaft zu verbreiten – und der Welt, ihm zuzuhören. Was sie daraus macht, kann der nicht mehr beeinflussen. Auch Superkräfte sind irgendwann ausgeschöpft.

„Snowden“

mit Joseph Gordon-Levitt

Regie: Oliver Stone

Laufzeit: 139 Minuten

Hervorragend

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Citizenfour“ mochten.

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