Glaube, Mut, Hoffnung

Sigurdsson lässt Handballer träumen

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Dagur Sigurdsson.

Doha - Dagur Sigurdsson ist der Architekt des deutschen Höhenflugs bei der Handball-WM in Katar. Der isländische Taktik-Fuchs hat seiner Mannschaft mit ungewöhnlichen Methoden das Sieger-Gen eingeimpft.

Dagur Sigurdsson hielt kurz inne, legte den Kopf zur Seite - dann lächelte er. „Ich habe ein gutes Gefühl“, sagte der Isländer auf die Frage, bei welchem möglichen Achtelfinal-Gegner er das beste Gefühl habe: „Ich habe ein gutes Gefühl bei meiner Mannschaft.“

Die Szene, die sich am Freitag in Raum 1 des Hilton-Hotels in Doha abspielte, steht sinnbildlich für den neuen Geist, den der Bundestrainer rund um die deutsche Handball-Nationalmannschaft geschaffen hat. Sigurdsson hält große Stücke auf seine Spieler. Mit isländischer Akribie und einem Schuss Gelassenheit gelang es ihm innerhalb weniger Monate, ein Klima des Vertrauens entstehen zu lassen. Untereinander - und in die eigene Stärke.

„Er vermittelt der Mannschaft eine gewisse Lockerheit, dass sie ihr Spiel machen soll, egal wie es steht, egal wer der Gegner ist“, sagte Teammanager Oliver Roggisch.

In Rekordzeit impfte Sigurdsson seinem Team das Sieger-Gen ein und hauchte der in Deutschland schwer angeschlagenen Sportart neues Leben ein. Aus einem Haufen durchaus talentierter Handballer formte er seit seinem Amtsantritt am 1. September eine verschworene Einheit.

Sigurdsson ist der komplette Gegenentwurf zu seinen Vorgängern, strahlt an der Seitenlinie stets Ruhe aus, wirkt distanzierter und ein Stück weit professioneller. Seine unaufgeregte Art kommt bei den Spielern an. „Man sieht, dass er sehr genau und sehr präzise arbeitet. Er gibt uns eine gewisse Ruhe, auch in brenzligen Situationen“, sagte Linkshänder Steffen Weinhold: „Allein mit seiner Ausstrahlung gibt er uns eine gewisse Sicherheit.“

Nicht nur bei den Spielern genießt Sigurdsson einen ausgezeichneten Ruf. Der 41-Jährige gilt in der Szene vor allem als gewiefter Taktiker. Mit seiner offensiven 4:2-Abwehrformation überrumpelte er Vize-Weltmeister Dänemark und legte damit den Grundstein für die beachtliche Vorrunde. „Diese Maßnahme zeigt sein großes Vertrauen in die Mannschaft und wie mutig er ist“, sagte Roggisch. DHB-Präsident Bernhard Bauer adelte Sigurdsson gar als „genialen Handwerker“ seines Fachs.

Neue Wege beschritt der Coach, der die Füchse Berlin im vergangenen Jahr zum historischen DHB-Pokalsieg geführt hatte, schon in der Turnier-Vorbereitung. Bei den Testspielen zu Jahresbeginn in seinem Heimatland hatte er seine Spieler in einem Hostel untergebracht, das er mit Freunden betreibt. Bad auf dem Flur, Gemeinschaftsküche und Mehrbettzimmer in einer alten Keksfabrik statt Luxusleben im Prunkhotel - das Herbergswesen schweißte die Spieler offenbar zusammen. „Die Island-Reise hat uns sehr gut getan“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer.

Sigurdsson weiß, was er will. Mit seinen kurzen und präzisen Anweisungen trifft er den Nerv. Die verbeulte, blaue Taktiktafel, mit der er Gensheimer und Co. in den Auszeiten der Spiele instruiert, ist auf dem besten Weg, Kult zu werden. „Dagur braucht nicht so viele Worte, um etwas zu verklickern“, sagte Roggisch: „Aber auch wenn es manchmal so wirkt, als wenn er introvertiert wäre: Ich habe ihn auch schon ganz anders kennenlernen dürfen.“ Sigurdsson sei einfach ein „richtig guter Typ“.

Seine Akkus lädt der frühere Weltklasse-Spielmacher, der in seiner Jugend einige Nachwuchs-Länderspiele im Fußball bestritten hat, in der katarischen Wüste beim Joggen auf. Jeden Morgen läuft er mit Roggisch, seinem Trainer- und Betreuerteam und Verbandschef Bauer die Corniche, die Uferpromenade Dohas, entlang. Elf Kilometer in etwas unter einer Stunde.

„Normalerweise bin ich kein großer Läufer, aber die Truppe hat mich mitgenommen“, sagte Sigurdsson, der die tägliche Runde nicht mehr missen möchte: „Man nimmt ab und isst gesund. Das ist gut für Kopf und Seele.“

SID

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