Doping-Debatte

Olympia 2016: Wie sauber sind die Spiele in Rio?

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Alles heiter Sonnenschein? Von wegen, einige Experten glauben, dass in Rio mehr gedopt wird als bei Olympischen Spielen in der Vergangenheit.

Rio de Janeiro - Dem Doping-Thema werden die Athleten in Rio nicht entkommen. Es dürfte fleißig spekuliert, verdächtigt und debattiert werden. 5000 Kontrollen sollen die sauberen Sportler schützen. Reicht das?

Die große Frage nach dem Doping-Chaos um Russland ist: Wie sauber werden die Athleten bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bis zum 21. August miteinander wetteifern? Ob mit oder ohne die im staatlich organisierten Betrugssystem verstrickten russischen Sportlern: Der Mainzer Experte Perikles Simon behauptet, dass es die Spiele mit dem meisten Doping seit der Gründung werden. Der Grund: Veränderte Steroide oder Designer-Substanzen könnten durch begrenzte Analyse- und Testmöglichkeiten nicht aufgespürt werden - für ihn ist das „der Tiefpunkt“ in der Doping-Bekämpfung.

Abgesehen vom ungleichen pharmakologischen Wettlauf zwischen Dopern und Fahndern ist bei den immer perfider und subtiler werdenden Methoden der Leistungsmanipulation auch das Kontrollsystem kein wirksamer Schutz für saubere Athleten. 217.762 Doping-Test sind laut Welt-Anti-Doping-Agentur 2014 in den akkreditierten Labors analysiert worden: 2287 waren positiv - das waren 1,05 Prozent. Sanktioniert wurden davon nur 1462 Fälle.

Nachtests zeigen hohe Dunkelziffer auf

Dass die Dunkelziffer der tatsächlichen Doper viel größer sein muss, dokumentiert sich in den Nachtests der Proben der Olympischen Spiele in Peking 2008 und London 2012. Dabei wurden nachträglich 98 positive Befunde festgestellt - und noch sind weitere Untersuchungen nicht abgeschlossen.

Für den Schutz der integren Athleten bei den Rio-Spielen glaubt das Internationale Olympische Komitee viel getan zu haben. Rund 5000 Doping-Tests werden während der 16 Wettkampftage gemacht. Zudem sind vor dem großen Sportspektakel 2200 Athleten aus 96 Ländern bei Zielkontrollen ins Visier genommen worden; insbesondere die aus Russland und Kenia. Analysiert werden können alle Proben der Spiele im Kontrolllabor in Rio, das nach einer Suspendierung durch die WADA, erst 15 Tage vor Olympia-Beginn wieder zugelassen wurde.

"1000 effektive Test sind besser als 5000"

Um die Erfolgschancen zu erhöhen, Betrüger zu schnappen, wurde von der WADA auf Initiative des IOC eine Taskforce mit einem Dutzend Experten aus Nationalen Anti-Doping-Agenturen für die Spiele am Zuckerhut gegründet. Sie suchen intelligentere Wege, um Doper zu stellen. „1000 effektive Test sind besser als 5000, für die Sportler zufällig ausgesucht wurden“, erklärte Richard Budgett, Direktor der Medizinischen Kommission des IOC.

Die Sportler des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hatten in einem offenen Brief im Juni darauf hingewiesen, dass verstärkte Kontrollen vor Olympia nur in den intensiven Trainingsphasen im Winter und in den ersten Monaten des Jahres sinnvoll seien. IOC-Präsident Thomas Bach verteidigte die im April gestarteten Zielkontrollen und betonte, dass „der Schutz aller sauberen Athleten im Vordergrund“ stehe.

Kenia steht am Pranger

Russland und Kenia, das bei der Leichtathletik-WM 2015 erstmals die Nummer eins im Medaillenspiegel war, standen und stehen am Doping-Pranger. „Ich glaube, dass Kenia eines der Länder ist, welches in den Fokus von weiteren Untersuchungen geraten muss“, sagte Dagmar Freitag, die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestages. „Ich warne aber davor, das auf Kenia zu beschränken. Es gibt sicher viele weitere Länder auf der Welt, wo man genauer hinschauen muss.“

Mit Ausnahme der Weitspringerin Darja Klischina darf nach dem Komplett-Bann durch den Weltverband IAAF kein russischer Leichtathlet an den Rio-Spielen teilnehmen. „Die Spiele werden dadurch nicht ehrlicher sein“, meinte Thomas Kurschilgen, Sportdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. Es gebe in der Leichtathletik zahlreiche Indizien dafür, dass es weitere dopingbelastete Länder mit unzureichender Doping-Bekämpfung und einer nicht zu übersehenden Anzahl von positiv getesteten Athleten gebe.

„Immer noch gibt es Länder, die in ihrem Verständnis den Sport als alleiniges Mittel der nationalen Repräsentanz sehen“, erklärte Kurschilgen. „Wir konkurrieren weiterhin mit Ländern, wo Spitzenleistungen den einzelnen Individuen großen sozialen, finanziellen Aufstieg ermöglichen und damit - wie in Kenia - ganze Großfamilien ernährt werden können.“ Die eigentlichen Opfer seien die „ehrlichen Hochbegabten, denen immer weniger glauben, dass sie ihre Leistungen manipulationsfrei erbringen“.

dpa

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