Buhrufe bei Olympia

Publikums-Pfiffe in Rio: Unfair oder Mentalität?

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Nicht viel für den Gegner übrig: Eine Brasilianerin während des Beach-Volleyball-Finales.

Rio de Janeiro - Buhrufe, Pfiffe, Schmähgesänge: Die brasilianischen Fans bei den Olympischen Spielen gewinnen keinen Fairplay-Preis - aber ihr lautstarkes Auftreten war zu erwarten. Es gehört zur Mentalität.

Als Rafael Nadal am Ende des dritten Satzes zum Aufschlag ausholt, ruft eine Zuschauerin „Fora Temer“, raus mit Temer. Nadal verliert die Konzentration, wenige Minuten später das Halbfinalmatch gegen den Argentinier Juan Martín del Potro.

Das Tennisstadion als Bühne des Protests gegen Interimspräsident Michel Temer, der nach Meinung der Anhänger der suspendierten linken Präsidentin Dilma Rousseff ihren Sturz orchestriert hat. Eines von vielen Beispielen für zwei Dinge: Brasilien ist polarisiert - und sucht zweitens in Zeiten der Krise nach Erfolgserlebnissen. Und das führt mitunter zu so bei Olympia lange nicht gesehenen Attacken.

Mal gegen Argentinien, mal gegen Deutschland

Bis hin zu Rufen wie „Du wirst sterben“. Aber vielleicht sind psychologische Erklärungsversuche fehl am Platze, mal geht es gegen den Rivalen Argentinien, mal gegen Deutschland, aber sicher nicht wegen des 1:7 bei der Fußball-WM. Man bewundert die Deutschen, auch für ihre damalige Fairness. Ein klares Muster ist nicht auszumachen, vieles entsteht spontan. Einzig die „Zika, Olé, ole, ole“-Rufe gegen die US-Torhüterin Hope Solo wiederholten sich kontinuierlich, weil sie aus Sicht der Brasilianer unnötig Panik vor Zika geschürt habe.

In Peking 2008 dominierte eine gewisse sportliche Ahnungslosigkeit, in London 2012 gab es von Fairness geprägte Feierstimmung. Letztlich überträgt sich nun in Rio die Stimmung aus Fußballstadien auf die Olympia-Arenen. Viele Sportler, natürlich gerade die Brasilianer, sind begeistert von der Woge, von der sie getragen werden. Aber für Fechter oder Tennisspieler ist das Neuland. Olympia in Argentinien würde ähnlich aussehen. Es gehört zur südamerikanischen Mentalität, egal bei welchem Sport, sehr parteiisch und laut mitzufiebern.

Vergleich mit 1936 in Berlin geht schief

Doch entgleist ist die Stimmung vor allem beim Stabhochsprung, als der Brasilianer Thiago Braz da Silva mit 6,03 Metern gewann - der französische Weltrekordhalter Renaud Lavillenie verglich die feindselige Stimmung gegen ihn mit der 1936 in Berlin gegen US-Sprinter Jesse Owens. Ein recht schiefer Vergleich, zumal der schwarze Owens zum Ärger der Nazis von vielen Fans gefeiert wurde.

Sicher spielte bei Lavillenie auch Enttäuschung über die Pleite mit. Als die brasilianische Nationalhymne erklang, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Er selbst nahm mit versteinerter Miene seine Silbermedaille in Empfang. Von den Rängen gab es Buhrufe. IOC-Präsident Thomas Bach verurteilte das bei Twitter: „Schockierendes Verhalten der Zuschauer, Renaud Lavillenie auf dem Medaillenpodest auszubuhen. Inakzeptabel bei Olympia.“ So richtig austoben werden sich die Brasilianer sicher am Samstag beim Fußball-Endspiel gegen Deutschland. Anders als so manche Olympia-Arena ist das Maracanã das seit Jahrzehnten gewohnt.

dpa

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