Das FIFA-Beben und die Folgen

Valcke fühlt sich "nicht schuldig"

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Jerome Valcke.

Zürich - FIFA-Präsident Joseph S. Blatter hat durch seinen angekündigten Rücktritt ein Beben ausgelöst. Es wird viel über die Hintergründe spekuliert. Jerome Valcke schließt einen Rücktritt aus.

Joseph S. Blatter tat so, als wäre nichts gewesen, als hätte er nicht am Vorabend die Fußball-Welt komplett aus den Angeln gehoben. Wie immer erschien der 79-Jährige am Morgen nach seiner Rücktrittsankündigung als Erster im Büro auf dem Zürichberg - während um ihn herum die wildesten Gerüchte brodelten. Ob er freiwillig abtritt oder nur nicht vom FBI in Handschellen vom Thron gezerrt werden wollte, wird die US-Behörde bald beantworten. Die Suche nach dem besten Nachfolger wird deutlich länger dauern.

„Warum ist er nicht letzte Woche zurückgetreten?“, sagte der englische Verbandsboss Greg Dyke: „Offensichtlich gibt es eine “smoking gun' (einen eindeutigen Beweis, d. Red.) oder Ähnliches.„ Offiziell wird Blatter zwar noch auf keiner Liste von Verdächtigen der US-Bundesbehörden, die seit Monaten wegen des Verdachts auf Geldwäsche und der Bildung krimineller Vereinigungen ermitteln, geführt. Laut US-Medien wird sich das aber bald ändern - weil zu viele seiner ehemaligen engsten Vertrauten schon ins Netz gegangen sind.

In der Schweiz sitzen die ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay) in Auslieferungshaft, Interpol lässt seit Mittwoch per `Red Notice“ (dringender geht es nicht) nach dem Ex-Vize Jack Warner (Trinidad und Tobago) und Ex-Exko-Mitglied Nicolas Leoz (Paraguay) fahnden. Dazu kommt der gesundheitlich angeschlagene „Whistleblower“ Chuck Blazer, früher auch Mitglied im Exekutivkomitee. Sitzen diese bald alle in den Verhörzimmern des FBI und der US-Staatsanwaltschaft, könnte es extrem eng werden für Blatter.

„Jetzt, wo die Leute sich selbst retten wollen, gibt es möglicherweise ein Rennen, wer zuerst gegen Blatter auspackt“, zitiert der US-Fernsehsender ABC News eine Quelle aus Ermittlerkreisen. In seinen 40 Jahren bei der FIFA ist Blatter, der am Dienstag gut 100 Stunden nach seiner Wiederwahl in einer knappen Erklärung seinen Rücktritt angekündigt hatte, allerdings noch nie belangt worden. Nie konnte ihm eine direkte Verbindung zu all den Skandalen nachgewiesen werden.

„Mit dieser Entscheidung wollte er in erster Linie auch uns, seine Familie, schützen“, sagte seine Tochter Corinne Blatter-Andenmatten (54) dem Schweizer Blick: „Seine Entscheidung hat nichts, aber auch gar nichts, mit den kursierenden Anschuldigungen zu tun. Mein Vater ist ein ehrlicher Mensch, der sein Leben dem Fußball gewidmet hat.“ Dieses Vermächtnis ist aber in höchster Gefahr, zumal völlig offen ist, wer es übernimmt.

Zwischen Dezember 2015 und März 2016 soll der außerordentliche Wahl-Kongress der FIFA angesetzt werden, er findet in in Zürich statt. Die Nachfolge-Regelung ist dringend, nur Stunden nach der Blatter-Erklärung kreisten bereits die möglichen Kandidaten wie die Geier über dem bald verwaisten Fußball-Thron.

Prinz Ali bin Al Hussein (39/Jordanien), am Freitag noch der klare Verlierer gegen Blatter, will nochmal antreten, dazu kamen Brasiliens Idol Zico (62) und der südkoreanische Auto-Milliardär Chung Mong-Joon (63). Weitere Namen werden folgen. Die erwarteten „Big Player“ für die Wahl der 209 Verbände, UEFA-Präsident Michel Platini (59/Frankreich) und der kuwaitische Scheich Ahmad al Sabah (51), hielten sich noch bedeckt, auch Jerome Champagne ließ seine Kandidatur offen.

Gerade die Europäische Fußball-Union (UEFA) muss nach ihrer äußerst schwachen Vorstellung vor Blatters inzwischen sinnloser Wiederwahl schnell Lösungen finden. Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sieht sich noch nicht am Zug. „Ich drücke mich nicht vor den internationalen Verpflichtungen und weiß auch, dass mit Michel Platini an der Spitze dort eine klare Richtung vorgegeben werden muss“, sagte der 64-Jährige am Mittwoch.

Niersbach nannte Platini aber nicht als seinen Wunschkandidaten, sondern stattdessen Michael von Praag (67). Der niederländische Verbandschef, der kurz vor der Wahl seine Kandidatur zurückgezogen hatte, verfüge über ausreichend Seriosität und Erfahrung. „Ich weiß aber nicht, ob er es machen würde“, sagte Niersbach. Der Krisen-Gipfel der UEFA am Wochenende vor dem Champions-League-Finale in Berlin wurde von Platini zunächst abgesagt.

Wer es am Ende auch wird, der Blatter-Nachfolger beginnt bei null. „Wir mussten feststellen, dass die FIFA bis in die höchsten Ebenen korrupt ist“, sagte US-Justizministerin Loretta Lynch, die in den vergangen Jahren als Oberstaatsanwältin im New Yorker Ost-Distrikt tief im FIFA-Schmutz gegraben hat, der FAZ: „Jedes Mal, wenn die FIFA nach internen Untersuchungen korrupte Funktionäre abgesetzt hat, wurden sie durch andere ersetzt, die genau in derselben Art und Weise weitermachten.“

Generalsekretär Jerome Valcke fühlt sich derweil nach den medialen Anschuldigungen im Korruptionsskandal „nicht schuldig“ und schloss einen Rücktritt aus. Blatters „rechte Hand“ soll eine bedeutende Rolle bei der Überweisung jener zehn Millionen Dollar gespielt haben, mit denen in der Karibik für die Vergabe der WM 2010 nach Südafrika angeblich bestochen und betrogen wurde.

Die Hoffnungen der vielen Blatter-Kritiker weltweit, dass mit dem Abgang des Regenten auch die scharf kritisierten WM-Vergaben nach Russland (2018) und Katar (2022) auf den Prüfstand kommen, sind aber - vorläufig zumindest - auf Sand gebaut. In Russland, das teilte der Kreml mit, gehe natürlich alles so weiter wie geplant. Katars Verband wies alle Entzugs-Forderungen als Diskriminierung zurück.

Echte Erkenntnisse wird vorläufig nur die Schweizer Bundesanwaltschaft liefern können, die „Unregelmäßigkeiten“ bei der doppelten Vergabe untersucht. Blatter, so teilte die Behörde mit, sei dabei „kein Beschuldigter“. Der 79-Jährige konnte so ganz normal seiner Arbeit nachgehen und wurde am Mittwoch von rund 400 Mitarbeitern nach einer emotionalen Abschiedsrede gar mit minutenlangem Applaus bedacht - als wäre nichts gewesen. So sieht es auch das Organisationskomitee Katars für die WM 2022, das die Vorbereitung in keinster Weise beeinflusst sieht.

sid

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