"Whistleblower" packt aus

FIFA: Bestechung vor WM-Vergaben 1998 und 2010

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Chuck Blazer hat ausgepackt.

Zürich - Die Schlinge zieht sich zu. In den USA hat „Whistleblower“ Chuck Blazer die Annahme von Bestechungsgeldern bei der Vergabe der WM 2010 gestanden, auch vor der Endrunde 1998 wurde betrogen.

Der FIFA-Skandal ist ein Fass ohne Boden. Bei den WM-Vergaben 1998 und 2010 sind offenbar Schmiergelder geflossen, im amerikanischen Kontinentalverband regierten die Korrupten - der angekündigte Rücktritt von Noch-Präsident Joseph S. Blatter erscheint mehr denn je als Flucht. Da jetzt noch ein verbitterter alter Weggefährte brisante Beweise liefern will und muss, droht dem Weltverband in seiner jetzigen Form auch ohne Blatter das Ende.

"Nicht einmal der Tod kann die Lawine noch aufhalten"

„Blatter weiß, warum er zurückgetreten ist. Und ich weiß es auch“, sagte der von den US-Behörden angeklagte Jack Warner, von 1997 bis 2011 als FIFA-Vizepräsident einer der Stellvertreter des Schweizers: „Ich fürchte um mein Leben. Aber nicht einmal der Tod kann die Lawine jetzt noch aufhalten.“

Englands Verbandsboss Greg Dyke wittert nach Blatters völlig überraschendem Rücktritt nur 100 Stunden nach dessen Wiederwahl ebenfalls eine „smoking gun“ (einen eindeutigen Beweis, d. Red.). „Warum ist er nicht letzte Woche zurückgetreten?“, fragte er. Offiziell wird Blatter zwar noch auf keiner Verdächtigen-Liste geführt, laut US-Medien soll sich das aber bald ändern - möglicherweise wegen Warner.

Zwar haben sich ähnliche Aussagen des 72-Jährigen, der sich schon vor Jahren mit Blatter überworfen hatte, bislang als leere Drohungen erwiesen, doch noch nie war der frühere Präsident des Verbandes für Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik (CONCACAF) dermaßen in die Ecke gedrängt worden. Interpol fahndet per „Red Notice“ nach Warner. Die US-Behörden, die den Weltverband als eine „vom organisierten Verbrechen und Korruption beeinflusste“ Organisation einordnen, ermitteln gegen 14 Personen - Warner ist eine der Schlüsselfiguren.

Zehn Millionen Dollar für die WM 2010 in Südafrika?

In den jetzt erst veröffentlichten Protokollen der 2013 geführten Vernehmung von „Whistleblower“ Chuck Blazer ist der Geschäftsmann und Politiker vermeintlich der „Mitverschwörer Nummer eins“. Dieser wickelte zusammen mit Blazer, früher CONCACAF-Generalsekretär und Warners rechte Hand, in den vergangenen 20 Jahren die schmutzigen Geschäfte ab, die den Vergabeprozess der Endrunden 1998 und 2010 massiv infrage stellen.

In den frühen 90er Jahren reisten Blazer und der Mitverschwörer laut Anklageschrift nach Marokko, wo Schmiergeld angeboten und akzeptiert wurde. Dennoch siegte bei der Vergabe-Abstimmung des FIFA-Exekutivkomitees, in dem zumindest Warner an jenem 2. Juli 1992 saß, am Ende Frankreich. Blazer, gesundheitlich schwer angeschlagen, packte jetzt in den USA aus, weil ihm wegen Steuervergehen dort eine harte (Haft-)Strafe drohte. Auch für die Übertragungsrechte des Gold Cups in den Jahren 1996, 1998, 2000, 2002 und 2003 seien Schmiergelder geflossen.

Für die Endrunde 2010 habe er „zusammen mit anderen Exko-Mitgliedern in Verbindung mit der Vergabe der WM an Südafrika Bestechungsgelder angenommen“, sagte Blazer laut Protokoll. Es geht um die dubiose Zahlung von zehn Millionen Dollar, mit der FIFA-Generalsekretär Jerome Valcke in Verbindung gebracht wird.

Valcke fühlt sich unschuldig

Während die FIFA und der südafrikanische Verband (SAFA) sowie die Regierung des Landes jede Beteiligung an einer Bestechung dementieren - das Geld sei für ein Entwicklungsprogramm in der Karibik geflossen - verstand Blazer die Zahlung als Gegenleistung für die Stimmen von ihm und den „Mitverschwörern eins und drei“. Vom marokkanischen WM-Komitee sei ebenfalls ein Angebot gekommen - allerdings nur über eine Million Dollar. Südafrika holte sich die WM bei der Exko-Abstimmung mit 14:10 Stimmen.

„Wir sind bereit zu erklären, warum es kein Bestechungsgeld war“, sagte der südafrikanische Sportminister Fikile Mbalula am Donnerstag. Die Behörden des Landes kündigten eigene Ermittlungen an. „Uns wurden Dokumente ausgehändigt, laut denen Personen in dieses Desaster involviert sind“, sagte ein Polizeisprecher der Nachrichtenagentur AFP. Noch sei keine Anklage erhoben worden. Die FIFA gibt sich gelassen.

„Ich habe mir nichts vorzuwerfen, ich fühle mich nicht schuldig, deshalb muss ich noch nicht einmal meine Unschuld beweisen“, sagte Valcke, der laut einem Schreiben aus Südafrika zumindest von den zehn Millionen Euro wusste. Einen ähnlichen Schritt wie Blatter schloss er aus.

Nicht aufgetaucht in den Dokumenten ist die WM 2006 in Deutschland. „Ich halte es für ausgeschlossen, dass von den für die Bewerbung verantwortlichen Vertretern des Deutschen Fußball-Bundes versucht worden sein sollte, die Mitglieder des Exekutivkomitees durch unlautere Mittel zu beeinflussen“, sagte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily der Bild.

Blatter fordert "umfassendes Reformprogramm"

Derweil hat Blatter am Donnerstag in Zusammenarbeit mit dem neuen starken Mann Domenico Scala einen Handlungsrahmen und einen Zeitplan für den Reformprozess im Fußball-Weltverband festgelegt. „Ich möchte ein umfassendes Reformprogramm. Ich bin mir dabei sehr wohl bewusst, dass nur der FIFA-Kongress diese Reformen verabschieden kann“, wird der 79-Jährige in seinem ersten durchaus vagen Statement seit seiner Rücktritts-Ankündigung zitiert.

Die potenziellen Nachfolger stehen in den Startlöchern. Prinz Ali bin Al Hussein (39/Jordanien), am Freitag noch der klare Verlierer gegen Blatter, will erneut antreten, dazu kamen Brasiliens Idol Zico (62) und der südkoreanische Auto-Milliardär Chung Mong-Joon (63). Weitere Namen werden folgen. Die erwarteten „Big Player“ für die Wahl der 209 Verbände, UEFA-Präsident Michel Platini (59/Frankreich) und der kuwaitische Scheich Ahmad al Sabah (51), hielten sich noch bedeckt, auch Jerome Champagne ließ seine Kandidatur offen.

Dafür wurde am Donnerstag eine weitere FIFA-Zahlung bekannt. Der Weltverband hat sich im Vorfeld der WM 2010 in Südafrika im „Handball“-Fall um den Franzosen Thierry Henry ein juristisches Verfahren mit dem irischen Verband FAI durch die Zahlung von fünf Millionen US-Dollar erspart. Die FIFA bestätigte das in einem Statement.

Man habe der FAI zunächst ein Darlehen über fünf Millionen Dollar gewährt, um ein Stadion in Irland zu bauen. Hätte sich Irland für die WM 2014 in Brasilien qualifiziert, wäre die Rückzahlung dieses Darlehens fällig geworden. „Irland hat sich nicht qualifiziert. Deshalb und angesichts der finanziellen Situation der FAI hat die FIFA beschlossen, das Darlehen zum 31. Dezember 2014 abzuschreiben“, heißt es in dem Statement weiter.

Irland scheiterte im November 2009 in den Play-offs der WM-Qualifikation 2010 an Frankreich, weil Stürmerstar Henry im Rückspiel in Paris vor seinem Zuspiel zum entscheidenden 1:1 durch William Gallas den Ball mit der Hand angenommen hatte, was von den Schiedsrichtern nicht geahndet wurde. Das Hinspiel hatte die Equipe tricolore 1:0 gewonnen.

sid

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