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Ohne Eltern aufwachsen

Ein ehemaliges Heimkind berichtet von seinen Erfahrungen.

Von Pascal Jährling, 10 e/f, Geschwister-Scholl-Gesamtschule

In den Köpfen vieler Menschen, die ich kenne, kursieren allerlei Vorurteile gegenüber Kindern, die im Heim groß werden. Ob sich Vorstellung und Realität decken, ist dabei vollkommen egal. Tatsächlich müssen Kinder, die im Heim aufgewachsen sind, von Beginn an lernen, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Um herauszufinden, wie sich der Alltag dieser Kinder gestaltet, sprach ich mit Steffan A., heute 50 Jahre alt. Er sagt, im Heim aufzuwachsen, bedeute nicht automatisch, später mit Problemen wie Sucht oder Obdachlosigkeit kämpfen zu müssen.

Wieso bist du damals ins Heim gezogen?

Steffan A.: Als ich zehn Jahre alt war, war meine Mutter mit der Erziehung von drei Kindern überfordert und entschloss sich dazu, mich im Heim groß werden zu lassen.

Und wie bist du zu deinem heutigen Beruf des Maschinenbautechnikers gelangt?

Steffan: Ich habe ganz regulär die Grundschule beendet und bin im Anschluss auf die weiterführende Schule gewechselt. Dann habe ich mich für eine Ausbildung zum Dreher entschieden. Die Lehre wurde direkt vom Heim angeboten und man wurde jederzeit unterstützt! Die Betreuung war wirklich gut.

Wie darf man sich das Zusammenleben unter den Kindern vorstellen?

Steffan: Wir sind als Gemeinschaft aufgezogen worden! Es gab immer jemanden, der zugehört hat. Zwischenmenschlich habe ich kaum etwas vermisst. Wir haben mit unseren Betreuern, oft etwas unternommen! Einmal sind wir zum Beispiel zum Campen in das ehemalige Jugoslawien gefahren.

Das klingt spannend! Musstet ihr euch an gewisse Regeln halten?

Steffan: Selbstverständlich, aber die gibt es auch im normalen Familien-Alltag! Es gehörte sich nicht zu klauen oder Alkohol zu trinken. Falls doch jemand über die Stränge schlug, wurde darüber geredet und derjenige übernahm einen Dienst im Sinne der Gemeinschaft, beispielweise das Putzen der Küche. Geld für Kleidung oder Freizeit wurde einem zugeteilt.

Hattest du das Gefühl, man würde dich manchmal in eine Schublade stecken?

Steffan: Leider zur Genüge. Als ich zum ersten Mal verliebt war, verboten uns die Eltern meiner Freundin unsere Beziehung. Ich sei kalt, habe nie wahre Liebe erfahren und könne sie nicht versorgen. Im Endeffekt waren wir dennoch vier Jahre zusammen und ich habe meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Dann würdest du nicht sagen, dass die allgemeinen Vorurteile über Heimkinder zutreffen?

Steffan: Natürlich gab es auch den ein oder anderen, der mal Mist gebaut hat. Aber sowas kommt vor! Es gehört einfach zum Erwachsenwerden dazu, dass man seine Grenzen austestet.

Dieses Interview zeigte mir, dass viele Vorurteile über Heimkinder, die ich gehört hatte, nicht gerechtfertigt und keineswegs auf alle Heimkinder zutreffend sind. Auch Menschen, die im Heim groß werden, haben eine Perspektive. Ein paar Fragen oder ein näheres persönliches kennenlernen, wie in unserem Falle könnte schon reichen, um seine Meinung zu ändern.

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