Weltkrebstag am 4. Februar

Neue Waffen im Kampf gegen Krebs

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„In der Krebstherapie hat sich ein neues Tor geöffnet“, sagt Prof. Angela Krackhardt. Sie ist Expertin auf dem Gebiet der Immuntherapie.

Seit langem sprechen Krebsforscher erstmals wieder von einem Durchbruch: Die Erfolge der Immuntherapie machen Hoffnung. Sie kann auch dann noch helfen...

...wenn der Krebs bereits fortgeschritten ist und wirkt teils sogar langfristig. Ob die Immuntherapie wirklich heilen kann, ist aber noch unklar.

Als Anna K. (Name geändert) vor vier Jahren die Diagnose erhielt, kam diese fast einem Todesurteil gleich: schwarzer Hautkrebs der Schleimhaut, bereits fortgeschritten. Der Krebs hatte schon das Gehirn, die Leber und die Milz befallen, Metastasen in den Knochen und im Fettgewebe gebildet. Früher lebten Patienten in diesem Stadium im Schnitt noch weniger als ein Jahr. Doch Anna K. geht es heute gut. Der Krebs ist zurückgedrängt – die Tumore wachsen nicht mehr.

Ein medizinisches Wunder? Das freilich nicht. Dennoch hatten selbst Experten von solchen Erfolgen bis vor kurzem höchstens geträumt. „Am Anfang meiner Forschungstätigkeit hätte ich das selbst kaum für möglich gehalten“, sagt Prof. Angela Krackhardt, bei der Anna K. in Behandlung ist. Die Krebsmedizinerin ist im Münchner Klinikum rechts der Isar Expertin auf einem innovativen Gebiet der Krebsbehandlung: der Immuntherapie. Ende vergangenen Jahres kürte das renommierte Wissenschaftsjournal „Science“ diese zum wissenschaftlichen „Durchbruch des Jahres 2013“. „In der Krebstherapie hat sich ein neues Tor geöffnet“, sagt Krackhardt.

Science kürte die Immuntherapie zum „Durchbruch 2013“

Dabei hatten selbst viele Experten lange nicht an den durchschlagenden Erfolg der Immuntherapie geglaubt. Trotz intensiver Forschung waren die Waffen gegen Krebs im Grunde dieselben geblieben: Operation, Chemotherapie und Bestrahlung. Zwar gab es auf jedem Gebiet ständig Fortschritte. Hinzu kamen zudem neue zielgerichtete Therapien, die molekulare Wirkstoffe und Antikörper einsetzen. Doch wirken diese oft nur bei einigen Tumoren, etwa wenn diese bestimmte Genveränderungen zeigen. Zudem wird der Tumor oft mit der Zeit resistent, reagiert also nicht mehr auf die Therapie.

Jetzt ist eine neue Säule in der Krebstherapie hinzugekommen. Die Mediziner haben sich im Kampf gegen den Krebs dabei einen mächtigen Verbündeten gesucht: das Immunsystem. Das ist auf die Abwehr von Feinden spezialisiert. Ständig dringen Viren und Bakterien, Pilze und Parasiten in den Körper ein – und treffen dort auf die Abwehrtruppe der Immunzellen.

Doch Gefahren drohen nicht nur von außen: Auch die Zellen des eigenen Körpers können zur tödlichen Gefahr werden – wenn sie sich zu Krebszellen entwickeln. Körperzellen erneuern sich ständig, indem sie sich teilen. Doch dabei geht nicht selten etwas schief. Bei jeder Zellteilung muss die Erbinformation, die als DNA-Code im Zellkern steckt, kopiert werden. Dabei kommt es immer wieder zu Fehlern, sogenannten Mutationen. Schädliche Einflüsse aus der Umwelt wie Zigarettenrauch oder UV-Strahlen erhöhen das Risiko. Auch manche Viren und Bakterien können zu einem erhöhten Krebsrisiko beitragen.

Doch nicht bei jeder Panne entsteht gleich Krebs. Viele Fehler kann der Körper reparieren. „Die meisten mutierten Zellen sind zudem nicht lebensfähig“, erklärt Krackhardt. Schutzmechanismen sorgen dafür, dass sie absterben. Doch nicht immer greifen diese: Manchmal teilen sich die mutierten Zellen erneut, neue Veränderungen kommen hinzu. Die Fehler häufen sich – bis eine Zelle entsteht, die im Körper Amok läuft. Krebszellen teilen sich unkontrolliert, wachsen zu Geschwulsten heran und zerstören dabei gesundes Gewebe. Auch können sie über das Blut oder das Lymphsystem wandern und Metastasen bilden.

In manchen Fällen gelingt es der Polizei des Körpers allerdings, dies zu verhindern. Dass das Immunsystem bei der Krebsabwehr eine Rolle spielt, ist lange bekannt. „Etwa von Krankheiten, bei denen die körpereigene Abwehr geschwächt ist“, sagt Krackhardt. So leiden Aids-Kranke gehäuft an bestimmten Tumoren, etwa Lymphomen. Auch Patienten, bei denen Medikamente das Immunsystem unterdrücken haben ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko. Andererseits beobachteten Mediziner immer wieder mysteriöse Fälle, bei denen zum Beispiel bei Infektionen und Entzündungen der Krebs von selbst verschwand. Offenbar hatte das aktivierte Immunsystem diesen gleich mit beseitigt.

Mediziner machen Immunzellen im Labor zu Krebskillern

Kann man also Krebs besiegen, indem man das Immunsystem stärkt? Diese Hoffnung sollte leider nicht so schnell aufgehen. Die Mechanismen der Immunabwehr sind äußerst kompliziert. Entkommt eine Krebszelle der Abwehr, heißt das nicht einfach, dass diese schwächelt. Denn schließlich sind auch Krebszellen körpereigene Zellen. Und das Immunsystem ist darauf programmiert, diese nicht anzugreifen. Manchmal wird die Abwehr dennoch aktiv: „Etwa wenn die Mutationen auch Eiweiße betreffen, die an der Oberfläche der Zelle sichtbar sind“, sagt Krackhardt. Diese wirken auf die Immunzellen dabei als Signale. Sie sagen ihnen zum Beispiel: „Ich bin eine harmlose Körperzelle, lass mich in Ruhe.“ Sind sie verändert, ist das für das Immunsystem dagegen ein Signal zum Angriff. Auch Virusbestandteile, die in manchen Tumoren vorhanden sind, können vom Immunsystem als fremd erkannt werden.

Doch Krebszellen sind trickreich. Sie kennen ein Arsenal von Methoden, um dem Immunsystem, genauer den T-Zellen, dennoch zu entgehen. Hier setzen neue Immuntherapien an: Sie versuchen, die Krebszellen zu enttarnen, damit die Abwehrzellen sie erkennen können – und vernichten. Um in die komplizierten immunologischen Mechanismen zielgerichtet einzugreifen, muss man diese allerdings genau verstehen. Lange lag hier das Problem.

„Inzwischen gelingt das aber immer öfter“, sagt Krackhardt. So konnten Forscher etwa beim schwarzen Hautkrebs eine Strategie der Krebszellen aushebeln: Das erste Medikament, Ipilimumab, ist seit fast vier Jahren auf dem Markt. Es brachte auch den Krebs bei Anna K. zum Stillstand. Doch wirkt die Therapie leider nicht bei allen. „Etwa 20 Prozent der Patienten überleben langfristig“, sagt Krackhardt. Ein zweites Medikament könnte die Wirkung bald deutlich verbessern: „Die T-Zellen werden von den Tumorzellen gelähmt“, erklärt Krackhardt. Das geschieht über ein Eiweiß, das an der Oberfläche der Tumorzelle sitzt und an die T-Zelle über den sogenannten PD-1-Rezeptor andockt. Zwei neue Antikörper blockieren das lähmende Signal. Die Killerzellen können zuschlagen.

Eine kombinierte Immuntherapie könnte möglicherweise bei etwa der Hälfte der Patienten helfen. Das Besondere an dieser Behandlung: Sie ist nachhaltig. Während Tumore gegen die herkömmlichen Therapien meist irgendwann resistent werden, wirkt die Immuntherapie auch noch nach Jahren. „Das Immunsystem hat ein hervorragendes Gedächtnis“, sagt Krackhardt. Es kann verschiedene Veränderungen des Tumors erkennen. Das verringert das Risiko, dass dieser resistent wird. Einige Hautkrebs-Patienten der ersten Studien sind seit über zehn Jahren in Remission, also beschwerdefrei. Ein weiterer Vorteil: „Die Immunzellen kommen prinzipiell überall hin“, sagt Krackhardt. Sie können selbst die Bluthirnschranke überwinden, die viele Medikamente vom Gehirn fernhält – und damit auch von Gehirntumoren.

Dennoch: Auch die Immuntherapie ist kein Wundermittel. Momentan gibt es noch viele Patienten, bei denen sie nicht wirkt oder die nur vorübergehend darauf ansprechen. Die Mediziner setzen daher auf die Kombination verschiedener Therapien, etablierter und neuartiger. „Krebs wird so immer öfter zu einer chronischen Erkrankung“, sagt Krackhardt.

Zudem birgt die Immuntherapie auch Risiken: Reißt man den Schutz nieder, der die Krebszellen gegen den Angriff des Abwehrsystems immun macht, kann das auch Folgen für gesundes Gewebe haben. Die körpereigene Abwehr greift plötzlich auch gesundes Gewebe an. Es kommt zu Autoimmunreaktionen, etwa Entzündungen in Darm, Leber, Haut oder an der Hirnanhangdrüse. In seltenen Fällen kann dies lebensbedrohlich sein. Greift man früh ein, lassen sich die Entzündungen aber meist gut behandeln. Manche Patienten entwickeln zudem kaum Nebenwirkungen. Warum, das zu klären ist ein Ziel aktueller Forschung.

Neue Ansätze kommen auch aus der Gentechnik. Die Mediziner isolieren etwa T-Zellen aus dem Blut der Patienten und rüsten diese im Labor zu Krebskillern hoch. Mit Hilfe von Viren programmieren sie die Zellen um, damit sie den Tumor angreifen. Der Patient erhält die Immunzellen per Infusion zurück. Die Therapie ist allerdings aufwändig: Das Medikament muss für jeden Patienten neu hergestellt werden.

Doch geht auch diese Strategie auf. Zum Beispiel bei Emily Whitehead. Das Mädchen litt an einer akuten lymphatischen Leukämie. Die Chemotherapie schlug nicht an. Als Emily sechs Jahre alt war, bestand kaum mehr Hoffnung. Da tat sich eine neue Chance auf: Mediziner programmierten T-Zellen im Labor darauf, die Krebszellen anzugreifen. Seit fast drei Jahren ist Emily krebsfrei. Und sie ist nicht die Einzige.

Von Sonja Gibis

Expertin

Prof. Angela Krackhardt ist Fachärztin für Innere Medizin mit Schwerpunkt Hämatologie/ Onkologie sowie Expertin für experimentelle und translationale Immuntherapie am Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München.

Leserfragen an Prof. Krackhardt: wissenschaft@merkur-online.de

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