Häufige Fehlbildung

Hodenhochstand: Ohne frühe Therapie ein Risiko

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Kümmert sich um die Probleme der kleinen Patienten: Kinderurologe Dr. Marcus Riccabona.

Sie gehören zu den sensibelsten Organen des Mannes: die Keimdrüsen. Nicht immer sitzen die Hoden bei der Geburt dort, wo sie sollten – im Hodensack. Ein solcher Hodenhochstand sollte früh behandelt werden.

 

Michael ist ein quicklebendiges Baby. Als er sechs Wochen alt ist, geht seine Mutter mit ihm zur U 3, der Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt. Alles ist okay. Doch fällt dem Arzt eines auf: Der linke Hoden sitzt noch nicht im Hodensack. Er kann ihn allerdings in der Leiste ertasten. Diagnose: Hodenfehllage. „Kein Problem“, meint der Kinderarzt. In vielen Fällen gebe sich das von selbst. Doch sollte man gut beobachten, wie es sich entwickle, mahnt er.

Michaels Mutter spricht mit anderen und erfährt: Das Problem ihres Sohnes ist nicht selten. Bei etwa jedem fünften Buben sitzen bei der Geburt einer oder beide Hoden nicht dort, wo sie sollten. Sie sind auf ihrer Wanderung stecken geblieben oder haben eine falsche Richtung genommen. Denn die männlichen Keimdrüsen bilden sich nicht im Hodensack. Sie entstehen beim Embryo im Bauchraum, wo sich bei einem Mädchen auch die Eierstöcke entwickeln. Denn männliche und weibliche Keimdrüsen bilden sich aus denselben Anlagen.

Hodenhochstand: Oft wird zu lange gewartet

Damit die männlichen Keimdrüsen später optimal funktionieren, dürfen sie aber nicht im Bauchraum bleiben. Hier ist die Temperatur um ein bis zwei Grad zu hoch, um gesunde Spermien zu produzieren. Hormone steuern daher ihre Wanderung über den Leistenkanal in den Hodensack. Dies geschieht normalerweise noch im Mutterleib. Doch das System der Hormone ist sehr sensibel und störanfällig. Bei manchen Säuglingen läuft die Wanderung nicht ab, wie sie sollte. Manchmal bleiben die Hoden noch im Bauch stecken. Bei anderen sitzen sie tastbar in der Leiste. In seltenen Fällen verläuft die Wanderung in eine falsche Richtung und sie sitzen etwa am Damm oder oben am Oberschenkel.

Fehllage gibt sich oft nicht von selbst

Auch nach der Geburt wandern die Hoden oft noch weiter. Waren sie nicht nicht im Hodensack, ging man früher daher meist davon aus, dass sich die Fehllage von selbst gibt. „Nicht selten wartete man zu lange“, erklärt Dr. Marcus Riccabona, Kinderurologe im Klinikum Großhadern. Das birgt dann mehrere Risiken. Denn je länger man die Behandlung hinauszögert, desto größer ist das Risiko, dass später Probleme auftreten: Die Betroffenen haben es als Erwachsene schwer, Vater zu werden. Auch erkranken sie öfter an Hodenkrebs.

„Die Genitalien sind noch immer ein wenig tabu“, sagt Riccabona. Daher würden sie bei der Untersuchung öfter mal übergangen – mit Folgen. Immer wieder behandelt der Kinderurologe Buben im Alter von acht oder auch zehn Jahren. Viele davon werden später Probleme mit der Fruchtbarkeit haben.

Michael blieb das zum Glück erspart: Als er sechs Monate alt war, untersuchte ihn der Kinderarzt erneut. Der Hoden war tatsächlich gewandert. Manchmal war er im Hodensack tastbar – dann wieder nicht. Immer wieder glitt er zurück in die Leiste. Mediziner sprechen von einem Gleit- oder Pendelhoden.

Was war also zu tun? Der Kinderarzt schickte die Familie zu einem Kinderurologen. In der Klinik untersuchte Riccabona den Kleinen erneut. Um eine Entscheidung für oder gegen eine OP zu treffen, brauchte er aber die Mithilfe der Eltern. „Ein Hodenlageprotokoll kann in solchen Fällen Klarheit bringen“, sagt der Experte. Zwei bis drei Mal pro Tag – früh, mittags und abends – sollten die Eltern prüfen, ob der Hoden saß, wo er sollte. Das trugen sie in das Protokoll ein. Das Ergebnis bei Michael: In etwa zwei Drittel der Fälle ließ der Hoden sich in der Leiste, aber nicht im Hodensack tasten. Der Urologe riet daher zu einer Behandlung.

Diese begann mit einer Hormontherapie. Die künstlich hergestellten Botenstoffe, die den körpereigenen entsprechen, regen die Hirnanhangdrüse an. Diese schüttet daraufhin Hormone aus, die die Reifung der Hoden fördern. Drei Mal pro Tag bekam Michael die Hormone per Nasenspray, vier Wochen lang. Zwar führt die Hormontherapie nur in manchen Fällen dazu, dass der Hoden an der richtigen Stelle bleibt. „Sie verbessert aber immer die Entwicklung der Keimzellen“, sagt Riccabona.

Auch bei Michael schlüpfte der Hoden danach noch immer in die Leiste. Daher riet Riccabona zu einer OP. „Früher wartete man auch noch das zweite Lebensjahr ab“, sagt der Kinderurologe. Doch heute sei es das Ziel, die Therapie möglichst im ersten Lebensjahr abzuschließen.

Damit die Operation für den Buben möglichst wenig belastend ist, durfte Michaels Mutter bei ihm bleiben, bis er schlief. Sie hielt ihm die Hand, während der Anästhesist die Narkose verabreichte. „Er bekam eine moderne Kindernarkose“, erklärt Riccabona. Eine lokale Betäubung hemmt das Schmerzempfinden. So kann die eigentliche Narkose schwächer und daher schonender sein. Um den Hoden zu verlagern, machte Riccabona nur sehr kleine Schnitte. „Das geht fast mikrochirurgisch“, sagt er.

Als Michael erwachte, war die Mama schon wieder bei ihm. Noch am selben Tag durfte er nach Hause. „Wenn es den Eltern lieber ist, können sie aber auch mit ihren Kindern übernachten“, sagt Riccabona. Die Verbände waren wasserdicht. So war auch das Waschen kein Problem. Daheim musste sich Michael noch etwas schonen. „Obwohl die Kleinen oft kaum zu bremsen sind“, sagt Riccabona. Doch für zwei Tage hieß es: Geschichten vorlesen statt herumhüpfen. Zwei bis drei Tage bekam der Bub zudem ein leichtes Schmerzmittel. Zum Fäden-Ziehen musste Michael nicht. Sie lösen sich von selbst auf. Wenige Tage später kam der Verband ab.

Komplikationen sind selten. Nur in wenigen Fällen gleitet der Hoden trotz OP zurück oder schrumpft. Doch Vorsicht ist wichtig: Deshalb soll Michael bis zum Schulalter noch regelmäßig vom Arzt kontrollieren lassen, ob alles in Ordnung ist. Die Chancen hierfür stehen aber sehr gut: „In etwa 98 Prozent der Fälle läuft alles glatt“, sagt Riccabona. Und Michael wird sich später kaum an die Behandlung erinnern.

Der Experte

Dr. Marcus Riccabona  ist Oberarzt am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität in Großhadern. Vorher praktizierte der Kinderuruloge lange am Krankenhaus der Barmherzigen Schwestern in Linz.

Stichwort: Hodenhochstand

Der Hodenhochstand ist die häufigste angeborene Fehlbildung der männlichen Geschlechtsorgane. Ein bis zwei Prozent aller Jungen sind betroffen. Die Diagnose erfolgt optisch und durch Abtasten. Der Hodenhochstand ist eine hormonelle Erkrankung, mehrere Risikofaktoren sind bekannt. Je höher der Hoden sitzt, umso eher sollte mit der Therapie begonnen werden. Früh eingreifen sollte man auch bei beidseitigem Hodenhochstand. Neben einer frühen Operation ist häufig auch eine hormonelle Begleittherapie zur Reifung des Hodengewebes sinnvoll. Nach neuen Erkenntnissen sollte die Therapie idealerweise im ersten Lebensjahr abgeschlossen werden. Unbehandelt kann der Hodenhochstand die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Zudem stellt er einen Risikofaktor für die Entstehung eines Hodentumors dar.

Sonja Gibis

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