Pazifist und Marx-Bewunderer

Neuer Parteichef Corbyn spaltet Labour-Partei

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Der neue Labour-Chef Jeremy Corbyn während einer Rede in London.

London - Die Labour-Party hat mit Jeremy Corbyn einen neuen Vorsitzenden. Seine Fans feiern Jeremy Corbyn als sozialistischen Superstar - für seine Gegner ist die Wahl ein Schock mit ungewissen Folgen.

Er war erst ein paar Stunden neuer Labour-Chef, da stand Jeremy Corbyn strahlend in einem Londoner Pub und sang: „Die Fahne des Volkes ist tiefrot.“ Kurz darauf bejubelten Tausende den 66-Jährigen, als er auf einer Demo gegen die Asylpolitik der Konservativen wetterte. Corbyn ist ein Aktivist, sagt seine Meinung und ist links - für britische Verhältnisse geradezu unerhört links.

An der Spitze der britischen Sozialdemokraten steht seit Samstag ein Pazifist und Marx-Bewunderer, der sich über 32 Jahre als notorischer Parteirebell auf der Hinterbank im Unterhaus einen Namen gemacht hat. Seine Wahl mit fast 60 Prozent der Stimmen ist eine Sensation. Und eine gigantische Herausforderung für die Partei. Denn während seine Anhänger den Gewählten wie einen Rockstar bejubeln, stehen nicht mal zehn Prozent der Unterhaus-Fraktion hinter ihrem neuen Parteichef.

Corbyn: Querschießer von ganz weit links?

Labour ist mit Corbyn nicht plötzlich linker, sondern vor allem tief gespalten. „Ich hoffe, er reicht allen Teilen der Partei die Hand“, sagt Ex-Parteichef Ed Miliband, der nach der haushoch verlorenen Unterhauswahl zurückgetreten war. Manche bezweifeln, dass der Neue überhaupt genug Unterstützer für sein Schattenkabinett findet. Die ersten Mitglieder des bisherigen Schattenkabinetts zogen sich gleich am Samstag zurück. Die Partei zusammenzuhalten, wird eine Titanenaufgabe. „Ich hoffe, alle erkennen das Mandat an, das wir bekommen haben“, sagte Corbyn.

Er habe nie Verantwortung übernommen, sondern nur von ganz weit links quergeschossen, werfen seine Gegner ihm vor. Er werfe Labour in die 80er Jahre zurück. Das meint nicht nur Klassenkampf und Massenstreiks der Thatcher-Ära: Damals tobte in der Partei ein harter Richtungskampf. Die Krise hatte damit geendet, dass Tony Blair als Premierminister seinen wirtschaftsfreundlichen New-Labour-Kurs durchsetzte. Jetzt erhielt die Kandidatin aus der Blair-Schule, Liz Kendall, gerade mal 4,5 Prozent der Stimmen.

Eine „Corbynmania“ sei ausgebrochen, titelten die britischen Medien, als die Hallen plötzlich zu klein wurden, wenn Corbyn auf der Bühne stand. Am besten kommt er an, wenn er gegen Sparpolitik wettert. Großbritanniens Wirtschaftszahlen sehen ordentlich aus nach der Bankenkrise, aber Millionen merken davon nichts im Geldbeutel. Der schmale Politiker mit dem freundlichen Blick wurde Hoffnungsträger für jene, die Labour längst als blasse Version der regierenden Konservativen um Premier David Cameron abgeschrieben hatten.

Corbyn "sagt, was er denkt und nicht, was er für strategisch klug hält"

„Er kommt rüber wie einer, der sagt, was er denkt und nicht, was er für strategisch klug hält“, urteilt der Politologe John Curtice. Damit komme er sogar bei Wählern anderer Parteien an. In Scharen hefteten sich junge, angeblich politikverdrossene Menschen Corbyn-Pins an die Pullover. Jetzt sind ihre Erwartungen riesig.

Was heißt die Wahl für die britische Politik? Die Tories feiern den Linksruck wie vorgezogene Weihnachten, da sie - wie die meisten Labour-Abgeordneten auch - Corbyn und seinen Kurs für völlig chancenlos auf nationaler Ebene halten. „Labour ist jetzt ein ernstes Risiko für die nationale Sicherheit, unsere Wirtschaft und die Sicherheit Ihrer Familie“, warnte Verteidigungsminister Michael Fallon das Volk schon mal.

Ein erster Härtetest steht Corbyn bevor, wenn Cameron über Luftangriffe in Syrien abstimmen lässt. Das dürfte demnächst geschehen. Der neue Labourchef ist strikt dagegen - wie er schon 2003 gegen den Irakkrieg und 2014 gegen die Luftangriffe auf die Terrormiliz Islamischer Staat im Irak gestimmt hat. Die Mehrheit seiner Partei wird ihm wohl nicht folgen. So wie ihm oft schnuppe war, was die Parteiführung wollte.

Auch wenn der Kampf um Stimmen für und gegen die britische EU-Mitgliedschaft Fahrt aufnimmt, könnte es spannend werden. Spätestens Ende 2017 entscheiden die Briten per Referendum, ob sie in der Union bleiben wollen. Der 66-Jährige ist fürs Bleiben - unter Vorbehalt. Die Rolle der EU in der Griechenlandkrise sah der Sozialist äußerst kritisch. Ein leidenschaftlicher Kämpfer für ein Vereinigtes Königreich in der EU? Eher nicht.

Immerhin müssen sich Fans der britischen Royals keine Sorgen machen. Ja, Corbyn ist Republikaner. Aber er ist auch Realist genug, um zu wissen, dass man mit Queen-Kritik in Großbritannien nicht punktet.

dpa

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