Begeisterter Empfang

Papst Franziskus auf Kuba: Mahner und Mittler

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Staatschef Raul Castro begrüßte den Papst bei seiner Ankunft in Havanna.

Havanna - Papst Franziskus wird im kommunistischen Kuba begeistert empfangen. Staatschef Raúl Castro setzt darauf, dass der Papst beim Fall des US-Handelsembargos hilft.

Und da ist das Käppchen weg, es sind ja auch stürmische Zeiten. Nicht nur am Flughafen in Havanna, wo Papst Franziskus von Blitz und Donner über der schwül-heißen Stadt empfangen wird. Als er aus dem Flugzeug steigt, fliegt seine Kopfbedeckung, der Pileolus davon. Kurz überlegt er, ob er wieder die Stufen hochgehen und die Kappe einsammeln soll - doch dann eilt ein Helfer herbei. Unten am Boden ziehen die Kubaner alle Register für den Gast - bis hin zu donnernden Kanonenschüssen.

Für Staatschef Raúl Castro ist der Besuch hochwillkommen und wichtig - zum Verdruss einiger Genossen sollen die Mitglieder der kommunistischen Partei bei den Messen präsent sein, damit keine Sitze leerbleiben. Denn das hier ist auch immer noch ein wenig Diaspora. Der Papst ist sein Verbündeter im Kampf gegen das seit 55 Jahren bestehende US-Handelsembargo, das er „grausam““ nennt.

Aber Franziskus fordert auch mehr „Freiräume“ für seine Kirche. Die Regierung will als Signal bald rund 80, nach der Revolution konfiszierte Kirchen zurückgeben. Und der Glauben kann heute frei gelebt werden. Am Flughafen wird der Argentinier von Gläubigen gebührend begrüßt - sie kreischen, applaudieren und feiern ihn mit Sprechchören. Die Straßen säumen ebenfalls Tausende Menschen, die - ausgestattet mit den Flaggen Kubas und des Vatikans - brav dem Pontifex zujubeln, der in seinem offenen Wagen vorbeifährt.

Tausende jubelten Franziskus bei seiner Fahrt durch die kubanische Hauptstadt zu.

Über allem schwebt der Wandel durch Annäherung im Verhältnis zum einstigen Feindbild Nummer 1, den „imperialistischen“ USA. Der Prozess der Normalisierung der Beziehungen sei „ein Zeichen für den Sieg der Kultur der Begegnung, des Dialogs“, betont Franziskus. Ein Vorbild für andere Staatenführer. Kurz vor der Abreise beantwortete er in einer TV-Schalte noch Fragen von Schülern aus New York und Havanna - symbolisch wurde nach Angaben von Radio Vatikan ein Olivenbäumchen gepflanzt und ein Projektil vergraben - um endgültig die Zeiten kalter Kriege zu beerdigen.

Das zeigt: Es ist ein sehr politischer Besuch, nicht von ungefähr besucht er als erster Papst beide Staaten in einer Reise. Aber Franziskus sorgt auch für Irritationen: Trotz aller Diktatur und Repression nach dem Umsturz 1959 lässt der Jesuit dem kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro (89) seine „spezielle Achtung und Ehrerbietung“ übermitteln. Ein Kniefall? Zu viel Kuschelkurs?

Fidels Bruder, der ihm als Staatschef nachgefolgte Raúl, fährt einen vorsichtigen Öffnungskurs - vor der Visite telefonierte er erneut mit US-Präsident Barack Obama. Beide Staatschefs lobten die Vermittlungsbemühungen des Papstes. Das Handelsembargo wird nun gelockert, etwa für den Internet- und Mobilfunkbereich, auch der Fährverkehr von den USA zur Karibikinsel soll erlaubt werden.

Franziskus grüßt am Flughafen in Havanna auch die, „die ich aus verschiedenen Gründen nicht werde treffen können“. Besonders die Dissidenten sind enttäuscht, dass es kein Treffen mit ihnen gibt.

Der führende Oppositionelle Antonio Rodiles sagt, der Papst werde sich bei der zweiten Station der bisher längsten Papstreise in den USA sicherlich für ein komplettes Ende des Handelsembargos einsetzen. „Aber die politischen Häftlinge in Kuba bleiben in Haft. Und die Repression geht weiter.“ Die katholische Kirche sei nicht dazu da, „um Diktaturen zu stützen“, kritisiert Rodiles.

Raúl Castro ließ immerhin 3522 Häftlinge begnadigen. Aber trotz aller Öffnungssignale: Vor dem Besuch war wenig von katholischer Aufbruchstimmung zu spüren - die Jugend bewegt anderes. Seit einiger Zeit gibt es ein paar Internet-Hotspots, dort sammeln sie sich nachts mit Smartphones und Laptops, die Gesichter beleuchtet vom Displayschein chatten und mailen sie.

Oft sind die Kirchen leer. Die Zahl von 60 Prozent getauften Katholiken hört sich viel an - nur zwei Prozent der Kubaner besuchen aber nach Angaben der Bischofskonferenz regelmäßig eine Messe. Als Signal an die Jugend hatte der Vatikan verkündet, dass bei der Heiligen Messe auf der Plaza de la Revolución, wo ein riesiges Konterfei von Che Guevara die Szenerie dominiert, fünf Kinder symbolisch von Franziskus die Kommunion empfangen sollen. „Als ein Zeichen der Hoffnung auf das Wachstum der Kirche“, wie es Vatikansprecher Federico Lombardi umschreibt. Zudem wird der Papst im Zentrum Padre Félix Varela tausende Jugendliche treffen.

Aber die lange vorbereitete Kuba/USA-Reise wird trotz ihrer historischen Dimension überschattet vor einer humanitären Krise, die ihresgleichen sucht. Auch eine Pfarrei des Vatikans hat nun eine vierköpfige, aus Syrien geflüchtete Familie aufgenommen - Franziskus besuchte sie vor seiner Reise über den Atlantik. „Man hat in diesen Gesichtern den Schmerz gesehen“, berichtet er im Flugzeug. Gegen diese Krise erscheint der lange Systemstreit zwischen Kuba und den USA fast wie ein seltsamer Anachronismus.

dpa

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