Vier Monate auf See

Nach Flüchtlingseinsatz: Marineschiff Werra kehrt zurück

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Wiedersehen nach vier Monaten: Ein Besatzungsmitglied des Marineschiffs "Werra" begrüßt seine Freundin.

Kiel - Rund 30 Stunden im Einsatz, 627 Flüchtlinge nimmt das Marineschiff „Werra“ an nur einem Tag an Bord. Die Soldaten gehen während des viermonatigen Flüchtlingseinsatzes im Mittelmeer an ihre Grenzen.

Ihre Erfolgsbilanz haben die Soldaten außen an die Brücke der „Werra“ gepinselt: Sechs Rettungsringe symbolisieren die Einsätze im Mittelmeer, bei denen die Crew des Marineschiffes insgesamt 1186 Flüchtlinge aus akuter Seenot gerettet hat. „Wir haben keinen zurückgelassen“, sagt Kommandant Stefan Klatt. Davon zeugen auch sieben aufgemalte Schlauch- und zwei Holzboote. Am Samstag ging der Einsatz nach fast fünf Monaten zu Ende. Empfangen von einer Wasserfontäne der Feuerwehr und mehr als 200 Angehörigen machte die „Werra“ wieder im Kieler Marinestützpunkt fest.

Bereits kurz nach Beginn des Einsatzes war die Crew Ende Juni mächtig gefordert: 627 Menschen holten die Soldaten rund 50 Kilometer vor der libyschen Küste entfernt aus einem maroden Holzboot. „Alles voll, pickepackevoll“, erinnert sich Klatt. Sie hätten auf das „Rezept der Freundlichkeit“ gesetzt. „Wir haben sie immer Gäste genannt.“ Seine Besatzung versorgte die Flüchtlinge mit Getränken und Essen, richtete provisorische Unterkünfte für sie an Deck her. „Die lagen hier eng an eng.“ Dennoch seien die Hilfesuchenden regelmäßig dankbar gewesen.

Der Einsatz verlangte den 66 Soldaten der Stammbesatzung und den rund 30 Rettungskräften auf dem 100 Meter langen Versorgungsschiff mental und körperlich viel ab. „An dem Tag haben wir allein sechs Stunden in der Sonne gestanden im Vollschutz“, sagt Korvettenkapitän Klatt. Schließlich habe zunächst niemand gewusst, ob jemand krank an Bord kommt. Mit Improvisation und Geschick hätten seine Soldaten den Menschen geholfen. Viele von ihnen seien verletzt gewesen. „Die kommen mit alten Knochenbrüchen, mit ausgerenkten Schulter, die seit Monaten nicht behandelt wurden, und mit Krätze“, sagt der 46-Jährige.

Vier Monate lang war die „Werra“ neben der Fregatte „Schleswig Holstein“ das zweite deutsche Schiff, das sich an der EU-Mission EUNAVFOR MED im Mittelmeer beteiligt. Die Mission wurde von der Europäischen Union beschlossen, nachdem Hunderte Flüchtlinge bei dem Versuch umkamen, von Nordafrika nach Italien zu gelangen. Bereits seit Mai beteiligen sich deutsche Schiffe dort an der Seenotrettung. Seitdem haben sie laut Marine knapp 9000 Migranten gerettet. Vorrangiges Ziel der Mission bleibt es aber, die Schleuser im Mittelmeer ausfindig zu machen und zu bekämpfen.

An Bord der „Werra“ war auch Kristian Lüders. „Unglaublich beeindruckend ist die Dankbarkeit, die Menschen ausdrücken, wenn sie aus Lebensgefahr gerettet sind“, sagt der Militärpfarrer. Ihre Not spiegele sich in einer Form wider, „die ich hier in unserem satten, reichen Land nur ganz selten erlebt habe“. Am beeindruckendsten habe er jedoch die Blicke der Flüchtlinge empfunden, wenn sie erstmals den sicheren Hafen in Italien sahen.

Größere Zwischenfälle gab es bei den Einsätzen des Tenders „Werra“ nicht. „Wir haben zum Glück keine Toten gesehen“, sagt Lüders. Ähnlich wie Kommandant Klatt sind auch ihm die Gefühle nach Ende der Rettungseinsätze besonders in Erinnerung. „Unmittelbar danach war eine richtig euphorische Stimmung, etwas ganz Großes geleistet zu haben.“ Auf dem Rückweg nach Kiel habe er der Besatzung jedoch ihre Erschöpfung deutlich angemerkt. „Die haben sehr viel mitgemacht.“

Rund 25 000 Seemeilen legte die „Werra“ in den vergangenen Monaten zurück. Das entspricht mehr als einer Erdumrundung. Für Decksmeister Sebastian von Mach überwiegt das Positive. „Man ist natürlich stolz gewesen, dass wir es so gut gelöst haben, und alle Flüchtlinge sicher angekommen sind“, sagt der 38-Jährige. Als die „Berlin“ das Schiff ablöste, sei von der Besatzung dennoch eine Last abgefallen.

„Der ganze Druck war weg. Dann merkt man erst, was man die letzten Monate alles geleistet hat, und dass der Körper am Ende ist“, sagt Mach. Er und die anderen Soldaten gehen nun erst mal in den Urlaub. Obermaat Daniel Friedrich dürfte die Rückkehr am meisten herbeigesehnt haben. An Land wartet neben seiner Liebsten auch noch die kleine Lena. Der Soldat war Ende Juli Vater geworden. Am Samstag hält er seine Tochter erstmals in Händen.

dpa

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