Lob und Kritik von den Medien

"Kanzlerin singt Schlaflieder": Reaktionen auf die Sommer-PK

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Am Donnerstag nahm Kanzlerin Angela Merkel zu wichtigen Themen in Deutschland Stellung.

Berlin - Kanzlerin Merkel hat gesprochen: Bei ihrer Sommer-Pressekonferenz äußerte sie sich zu den Anschlägen in Deutschland und zur Stimmung im Land. Für ihre Worte hagelt es viel Kritik.

Am Donnerstag (28. Juli) um 13 Uhr trat Kanzlerin Angela Merkel vor die Presse.  Es handelte sich um ihre jährliche sogenannte politische Bilanzpressekonferenz. Die Stellungnahme war eigentlich erst nach der Sommerpause erwartet worden, doch die jüngsten, auch islamistisch motivierten Gewalttaten in Deutschland hatteen den Druck auf Merkel erhöht, Fragen zu beantworten. Dafür brach sie sogar ihren Urlaub ab. Die gesamte Pressekonferenz zum Nachlesen finden Sie hier. Was Angela Merkel künftig für mehr Sicherheit in Deutschland tun will, ist hier zusammengefasst. 

Unterdessen haben schon die ersten Medien in Deutschland auf Merkels Worte reagiert. Es gibt viel Kritik, aber auch Lob für die Bundeskanzlerin.

"Die Welt":

Die Bürger schätzen Politiker, die selbst im Sturm einen kühlen Kopf bewahren und erst dann auftreten, wenn sie etwas von Belang zu sagen haben. Helmut Schmidt war ein solcher Politiker. Selbst im „Heißen Herbst“ 1977 verbreitete Schmidt das Gefühl, die Geschicke des Landes in der Hand zu halten und wichtigeres zu tun zu haben, als dem Zeitgeist hinterherzurennen. Merkel ist nicht Schmidt. Vor allem fehlt ihr sein geschliffenes Wort. Doch auch sie strahlte auf ihrer Pressekonferenz eine ruhige Willenskraft aus, die ihre Wirkung nicht verfehlen wird. Merkel war so selbstsicher, dass sie sogar ihr „Wir schaffen das“ wiederholte. Auch dieser Satz mag in Terrorzeiten Zuversicht schenken. Allerdings verdeckt er, dass die Bundeskanzlerin ihre Politik längst korrigiert hat. Zwar will Angela Merkel ihren Fehler nicht zugeben, wenigstens aber hat sie aus ihm gelernt. Offene Grenzen für alle wird es nicht mehr geben. Zum Glück.

"Süddeutsche Zeitung": 

Merkel würde vermutlich auch den Untergang der Titanic oder eine Rückkehr John Lennons von den Toten als „Bewährungsprobe“ oder „einen interessanten Vorgang“ bezeichnen. Als sie danach gefragt wurde, ob sie nicht manchmal erschöpft sei, sagte sie, sie sei nicht „unterausgelastet“. Wow. Merkel kann, wenn sie sich gerade mal nicht als ANGELA MERKEL fühlt, ganz normal reden. Sie sollte das häufiger und gerade jetzt tun, weil in der Zeit der Äxte und der Rucksackbomben das Vertrauen in ihr Wir-haben-das-schon-immer-so-gemacht-Management stark schwindet.

"Frankfurter Rundschau":

Wieder machte dieser Auftritt den Kontrast zwischen der Unruhe im Land und dem Stil der Kanzlerin mit Händen greifbar. Ihre manchmal fast roboterhafte Sachlichkeit hat sich von der Realität noch weiter entfernt. Das Land spürt, dass es nicht mehr genügt, ein Sicherheitsgesetz hier und eine Asylverschärfung dort zu „erarbeiten“, damit wir alle so weiterleben können wie bisher. Deutschland ist mit einem gehörigen Schrecken aufgewacht, aber die Kanzlerin singt ihre Schlaflieder weiter. Und darin liegt ihr Scheitern. Dieser Moment der Terrorangst wäre der Anlass gewesen, das Verwalten des „Weiter so“ durch ein Signal des Aufbruchs zu ersetzen. Er wäre der Anlass gewesen, dem noch einmal bekräftigten „Wir schaffen das...“ ein „...und zwar so!“ hinzuzufügen.

"Handelsblatt":

Zu Merkels Markenzeichen zählen Besonnenheit und Geduld. Während etwa der französische Präsident François Hollande meist kurz nach einem Attentat vor die Kameras tritt, um Entschlossenheit zu demonstrieren und die Einheit der Nation zu beschwören, war von der Bundeskanzlerin wie üblich tagelang nichts zu hören. Zuletzt hatte es so ausgesehen, als ob sie mit ihrer Politik der sehr ruhigen Hand nicht weiter durchkommen würde. Doch sie steuert behutsam gegen: Seht her, ich habe verstanden - das ist die Botschaft, die sie mit ihrem Auftritt vor der Presse aussenden will. Sie widersteht aber der Versuchung, neue Maßnahmen anzukündigen. Im Prinzip ist Merkels Vorgehensweise richtig. Ob sie allerdings auch vom Wahlvolk akzeptiert wird, muss sich erst noch erweisen. Große Gesten, große Worte und große Ankündigungen sind in diesen Tagen gefragt. Merkel dagegen beschränkt sich darauf, das Machbare zu skizzieren und nach pragmatischen Lösungen zu suchen. Das ist nicht spektakulär, aber es ist vernünftig.

"Wetzlarer Neue Zeitung":

Zwei Signale hat Bundeskanzlerin Angela Merkel am Donnerstag vor der Bundespressekonferenz gesetzt: Deutschland verabschiedet sich nicht aus seiner humanitären Verantwortung. Und: Deutschland ist so stark, dass es die aktuellen Herausforderungen, die zum Teil damit einhergehen, meistern wird. Die Kanzlerin bleibt sich mit diesem Kurs selbst treu. Deutschland führe am besten, wenn es dasselbe täte - sich treu bleiben, seinen demokratischen und menschlichen Werten, seinen Errungenschaften. Denn sonst schaffen wir nicht, von dem Merkel weiter überzeugt ist, dass wir es schaffen. Das Ziel der Terroristen, die demokratischen Gesellschaften durch Radikalisierung von innen zu zersetzen, darf nicht erreicht werden.

"Schwäbische Zeitung":

Auch wenn die Kanzlerin ihren Urlaub unterbrochen hat, um sich zu Wort zu melden, wirkt sie doch so, als ob sie die Stimmung im Land nicht kennt. Ihre Politik des langen Abwägens, einst geschätzt, trifft jetzt auf zunehmendes Unverständnis. Von der Kanzlerin wird ein „Wir haben verstanden“ erwartet, eine große Geste, eine ernste Ansprache. Stattdessen aber bleibt sie stoisch bei ihrem „Wir schaffen das“ und fügt spitz hinzu, dass es einfach sei, habe sie ja nie gesagt. Die deutsche Kanzlerin ist nicht schuld am islamistischen Terror, nicht an den Unruhen in der Türkei, nicht an den Flüchtlingszahlen und noch nicht einmal an der steigenden Ausländerfeindlichkeit im Land. Aber dass sie als Reaktion stoisch auf ihre Neujahrsansprache von 2014 verweist - „lauft denen, die Hass in ihren Herzen tragen, nicht hinterher“- , und ihr Credo vom letzten Jahr - „wir schaffen das“ - wiederholt, zeigt, dass sie nicht auf der Höhe der Zeit ist.

dpa

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