Warnung der PKK lässt aufhorchen

IS verliert an Boden - PKK sieht Militärkoalition gefährdet

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Unterstützer der PKK und Friedensaktivisten schimpfen auf die türkische Regierung.

Washington/Istanbul - Die US-geführte Militärkoalition sieht den IS nach Tausenden Luftangriffen klar geschwächt. Doch ohne Unterstützung am Boden droht dem Bündnis das Scheitern. Eine Warnung der PKK lässt aufhorchen.

Ein Jahr nach dem Beginn der internationalen Luftschläge gegen die Terrormiliz IS wird der Kurdenkonflikt zur Belastungsprobe für das Militärbündnis. Zwar sieht das Pentagon den Islamischen Staat (IS) inzwischen deutlich geschwächt, doch wegen der türkischen Angriffe auf militante Kurden warnen diese nun vor einem Aus der internationalen Koalition. Die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, deren Ableger YPG den IS in Syrien aufseiten der Allianz bekämpft, macht Ankara schwere Vorwürfe.

Wie das US-Verteidigungsministerium am Samstag mitteilte, müssen die Dschihadisten an fast jeder Front Verluste hinnehmen. Anti-IS-Kräfte kontrollierten zwei Drittel der nördlichen syrischen Grenze. Im Irak könnten die Dschihadisten in etwa 25 bis 30 Prozent der einst von ihnen beherrschten, bewohnten Gebiete nicht mehr ungehindert agieren.

Dem Weißen Haus zufolge wurden die Dschihadisten im vergangenen Jahr in Nordsyrien aus einem 17.000 Quadratkilometer großen Territorium zurückgedrängt - was etwa der Größe Thüringens entspricht. Von der Grenze zwischen Syrien und der Türkei kontrolliere der IS noch gut 100 Kilometer - zu Hochzeiten waren es fast 300 Kilometer. Gleichwohl beherrscht der IS noch immer riesige Gebiete in Syrien und im Irak.

Am 8. August 2014 hatte die US-geführte Anti-Terrorkoalition aus mehr als 60 Ländern mit den Luftangriffen begonnen. Mittlerweile wurden nach Angaben aus Washington fast 6000 Einsätze gegen IS-Dschihadisten geflogen. Entgegen der offiziellen Stellungnahme hatten US-Geheimdienste den IS kürzlich allerdings noch als kaum geschwächt eingeschätzt.

In der nordsyrischen Grenzregion zur Türkei sind es vor allem die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), die sich dem IS am Boden entgegenstellen. Sie sind ein Ableger der in der Türkei verbotenen PKK, die derzeit im Nordirak von der türkischen Luftwaffe bombardiert wird.

Das US-Verteidigungsministerium hob hervor, dass die syrischen Kurden eine „außerordentliche“ Leistung erbracht und grenzübergreifende Kommunikationswege der Dschihadisten zwischen Syrien und dem Irak sowie Syrien und der Türkei blockiert hätten.

PKK-Kommandeur: Allianz gegen IS könnte zerbrechen

Die PKK sieht sich selbst als wichtigsten Unterstützer der syrischen Kurden im Kampf gegen den IS. „Wenn die US-geführte Koalition sich jetzt aber entscheidet, auf der Seite der Türkei gegen die Kurden zu stehen, dann wird das auch eine Niederlage für die Koalition sein“, sagte der operative PKK-Führer Cemil Bayik der ARD bei einem Treffen im nordirakischen Kandil-Gebirge. Die Türkei sei dem Bündnis hauptsächlich beigetreten, um im syrischen Grenzgebiet eine Pufferzone einzurichten, „damit die Kurden sich dort nicht zusammenschließen können“.

Zugleich bestritt der PKK-Mitbegründer Angaben der staatlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu, wonach im Nordirak bislang 390 Mitglieder der kurdischen Arbeiterpartei durch türkische Luftangriffe getötet worden seien. Insgesamt seien nur sieben PKK-Kämpfer ums Leben gekommen, sagte Bayik. Die Zahl der getöteten Zivilisten sei jedoch erheblich. Zur Gesamtzahl der Opfer machte er keine Angaben.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) warnte vor einer weiteren Eskalation der Gewalt. „Es wäre fatal für die Türkei und für die Region, wenn über die regionalen Konflikte des Mittleren Ostens der innerstaatliche Friedensprozess mit den Kurden jetzt gegen die Wand fahren würde“, sagte er der „Rheinischen Post“ (Samstag).

Auch der Ko-Vorsitzende der pro-kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtas, forderte die Regierung in Ankara und die PKK zu einem sofortigen Ende der Gewalt auf. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu begrüßte den Aufruf, sagte laut Anadolu aber auch, seine Regierung werde die Ermordung von Sicherheitskräften nicht hinnehmen.

USA verlegen F16-Kampfjets in die Türkei

Die USA verlegten unterdessen sechs Kampfjets vom Typ F-16 „Fighting Falcon“ und 300 Soldaten, die bisher in Aviano (Italien) stationiert gewesen waren, nach der jüngsten Zustimmung Aankaras auf die türkische Basis Incirlik. Dort seien sie am Sonntag eingetroffen, teilte das US-Europakommando mit. Damit verkürzen sich die Flugzeiten der US-Kampfjets, die IS-Ziele in Syrien angreifen, künftig deutlich.

dpa

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