Präsidentschaftswahlen im November

Hillary Clinton: Im Wahlkampf gestolpert

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Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton auf der Gedenkveranstaltung am Ground Zero. 

New York - Die starke Frau der US-Demokraten erleidet mitten im Rennen um die Präsidentschaft einen Schwächeanfall und die Welt schaut genau hin - vor allem ihre Wähler und Kontrahenten. Wird ihr Gesundheitszustand zum Wahlkampfthema?

Ihr dunkelblaues Kostüm sitzt, die blonde Frisur ebenso. Doch die demokratische Präsidentschaftskandidatin selbst wankt: Hillary Clinton taumelt von rechts nach links und wieder nach rechts, knickt scheinbar ein und fällt beinahe zu Boden. Anwesende aus ihrem Team greifen ihr unter die Arme und hieven sie in eine schwarzen Bus: Diese Szenen stammen aus einem Amateurvideo, das am Rande der Gedenkveranstaltung zum 15. Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September entstanden ist und nun im Netz kursiert.

Nachrichtensender rund um die Welt beschäftigen sich ausführlich mit Clintons-Zusammenbruch. CNN hat eine Reporterin vor dem Haus von Clintons Tochter und berichtet, dass viele Fragen über den wahren Gesundheitszustand der vielleicht künftigen Präsidentin offen sind.      

Die Gedenkveranstaltung musste die Demokratin wegen Unwohlseins früher verlassen als geplant und in die Wohnung ihrer Tochter Chelsea gebracht werden. Nach einer Pause in der Wohnung ihrer Tochter kehrte Clinton in die Kameras winkend in die Öffentlichkeit zurück. "Ich fühle mich großartig", sagte sie. "Es ist ein wunderschöner Tag in New York." Doch der Zusammenbruch, er könnte - nach Meinung vieler deutscher und amerikanischer Medien - auch ihren Wahlkampf ins Wanken bringen. 

Überhitzt, dehydriert und den Blicken der Welt ausgeliefert

Eine Lungenentzündung sei der Grund für den Kollaps gewesen, erklärte ihre Ärztin daraufhin. Einer ihrer Sprecher hatte zuvor bereits von davon gesprochen, dass Clinton wegen der hohen Temperaturen überhitzt und dehydriert gewesen sei. Doch auch wenn diese Diagnosen das Wahlvolk und Clintons Kritiker beschwichtigen sollten, bieten sie ihnen auch eine neue Angriffsfläche: "Warum hat Hillary Clinton die Lungenentzündung nicht schon früher bekannt gegeben?", fragen die einen. Andere - wie ihr Wahlkampfgegner Donald Trump -  halten ihr ohnehin bei jeder Gelegenheit vor, zu schwach für das Amt des amerikanischen Präsidenten zu sein. Trump sagte etwa, ihr fehle die "geistige und körperliche Stärke" für den Kampf gegen die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). Dabei ist er selbst zwei Jahre Älter als die 68-jährige Frau von Ex-Präsident Bill Clinton, bekennender Fastfood-Liebhaber und auch ansonsten eher gut genährt.  "Wenn die amerikanischen Wähler noch immer Kandidaten erwarten, die jung, rauflustig und hungrig sind, haben sie nicht aufgepasst", schreibt der "Guardian". 

Wie steht es um den Gesundheitszustand der Kandidaten?

Hillary Clinton hat inzwischen angekündigt, ihren Wahlkampf kurz zu unterbrechen, um sich von ihrer Lungenentzündung zu erholen. Am Montag sollte sie eigentlich nach Kalifornien reisen. Dort hatte sie vor allem Spenden für ihren Wahlkampf eintreiben wollen. Doch nun muss sie sich auf ihre Gesundheit konzentrieren - ausgerechnet in der heißen Wahlkampfphase rund zwei Monate vor den Präsidentschaftswahlen. 

Dabei geht es nicht nur um einen schwachen Moment der Demokratin.Vielmehr könnte der Zusammenbruch der Präsidentschaftskandidatin Wasser auf die Mühlen jener Kritiker sein, die Hillary Clinton Verschwiegenheit und mangelnde Transparenz vorwerfen. Dieser Vorwurf steht spätestens seit derE-Mail-Affäre im Raum, bei der ans Licht kam, dass Clinton als Außenministerin dienstliche Emails von ihrem privaten Mail-Programm versandt und somit der Dokumentation entzogen hatte.

US-Medien kritisieren schon länger, dass Clinton ihren Gesundheitszustand nicht offen genug thematisierte. Das Thema habe mit dem Beginn ihrer Präsidentschaftskandidatur aufgehört zu existieren, schreibt die Washington Post. Gleiches wird jedoch auch ihrem republikanischen Kontrahenten Donald Trump zu Lasten gelegt. Dieser versuchte deshalb erst kürzlich seinen Gesundheitszustand in ein gutes Licht zu rücken: Mit einem Attest seines Arztes, das an Superlativen nicht spart und ihn - im Falle seiner Wahl - gar zum gesündesten Präsidenten erklärt. Trumps Arzt räumte kurz darauf jedoch gegenüber der NBC ein, dass er das Attest in fünf Minuten verfasst hätte. Eines ist derweil sicher: Der älteste je gewählte amerikanische Präsident wäre er allemal.

Trump hält sich zurück

Clinton hatte zum Ende ihrer Amtszeit als Außenministerin eine Reihe gesundheitlicher Probleme. Im Zusammenhang mit einem Magen-Darm-Infekt fiel sie im Dezember 2012 in Ohnmacht. Bei dem Sturz zog sie sich eine Gehirnerschütterung und ein Blutgerinnsel zu und musste operiert werden.

Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump will zum Gesundheitszustand seiner demokratischen Rivalin Hillary Clinton öffentlich nicht Stellung nehmen. Das Wahlkampf-Team von Trump wolle "respektvoll" mit der Erkrankung von Clinton umgehen, berichtete der US-Sender CNN am Montag. Mitglieder von Trumps Team seien angewiesen worden, nichts dazu auf den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Die für Trump untypische Vorgehensweise wurde nach dem Zwischenfall vom Sonntag entschieden.

Keine Auskunftspflicht für Präsidentschaftskandidaten

Präsidentschaftskandidaten in den USA sind nicht verpflichtet, die Öffentlichkeit über ihren Gesundheitszustand zu informieren. Erst in jüngerer Zeit ist es für Bewerber zu einer Gepflogenheit geworden, sich im Wahlkampf ihre physische und psychische Eignung für das oberste Staatsamt attestieren lassen. Der frühere republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain gab Journalisten vor den Wahlen 2008 sogar einen Einblick in seine medizinischen Akten.

Angesichts der ständigen medialen Beobachtung von Spitzenpolitikern lassen sich gesundheitliche Probleme ohnehin immer schwieriger verbergen. Kurz nach Clintons Schwächeanfall tauchte im Internet ein Amateurvideo auf, das eine schwankende Clinton vor ihrem Fahrzeug zeigt. Auf den Handyaufnahmen scheint sie in sich zusammenzusacken, ihre Mitarbeiter müssen sie stützen.

Krankengeschichten im Weißen Haus

Körperliche Gebrechen waren für Spitzenpolitiker einfacher zu verbergen in einer Zeit, als tragbare Fernsprechgeräte mit Kamerafunktion bestenfalls nach Science-Fiction klangen. Im Sommer 1893 verschwand der damalige US-Präsident Grover Cleveland vier Tage, um sich auf einer Yacht einer Krebsoperation zu unterziehen - offiziell befand er sich auf einem Angelausflug.

Präsident Woodrow Wilson erlitt 1919 einen Schlaganfall, für die verbleibenden 17 Monate seiner Amtszeit war er gelähmt und weitgehend regierungsunfähig. Seine Frau Edith übernahm praktisch seinen Job, ohne je gewählt worden zu sein.

Dass Franklin Delano Roosevelt im Rollstuhl saß, wusste die Öffentlichkeit zwar, seine zunehmenden Herzprobleme verheimlichte der Staatschef aber vor seiner Wiederwahl 1944. Und John F. Kennedy wirkte zwar jugendhaft, konnte öffentliche Auftritte aber nur mit Schmerzmitteln durchstehen. Neben Rückenbeschwerden litt Kennedy unter anderem an einem unheilbaren Nebennieren-Schaden.

ae/AFP

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