Urteil in Lüneburg

Vier Jahre Haft für „Buchhalter von Auschwitz“

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Oskar Gröning - hier bei der Urteilsverkündung - ist zu vier Jahren Haft verurteilt worden.

Lüneburg - Vier Jahre Haft für den früheren SS-Mann Oskar Gröning wegen Beihilfe zum Massenmord in Auschwitz. Doch kommt der gesundheitlich angeschlagene 94-Jährige tatsächlich ins Gefängnis?

Gründlich, effizient und gnadenlos hätten Menschen wie Gröning zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie beigetragen, sagte der Vorsitzende Richter Franz Kompisch.

Ob der gesundheitlich angeschlagene Gröning haftfähig ist und tatsächlich hinter Gitter kommt, muss noch die Staatsanwaltschaft prüfen, sobald das Urteil rechtskräftig ist. Anklage und Verteidigung wollen noch prüfen, ob sie in Revision gehen.

„Wir werden das Urteil jetzt erstmal prüfen“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Hannover, Kathrin Söfker, am Mittwoch. Eine Revision sei nicht ausgeschlossen. Ähnlich äußerte sich die Verteidigung. „Wir werden die Einlegung einer Revision prüfen“, sagte Oskar Grönings Anwalt Hans Holtermann. „Darüber sprechen wir noch mit Herrn Gröning.“ Anklage und Verteidigung hatten gefordert, dass die Verzögerungen der schon 1977 erstmals geführten Ermittlungen zugunsten Grönings berücksichtigt werden müssten. Das Gericht sah dafür laut dem Urteil aber keinen Anlass.

Mit seinem Urteil ging das Gericht über das von der Anklage geforderte Strafmaß hinaus. In dem knapp drei Monate dauernden Prozess hatten Holocaust-Überlebende in erschütternden Details ihre Verschleppung sowie den Massenmord in Auschwitz geschildert.

Gröning hatte im Prozess seine Beteiligung und moralische Mitschuld am Holocaust eingeräumt. Er hatte gestanden, Geld von Verschleppten gezählt und zur SS nach Berlin weitergeleitet zu haben. Dies brachte ihm später den Beinamen „Buchhalter von Auschwitz“ ein. Er sagte aus, zwei- bis dreimal vertretungsweise Dienst an der Rampe getan zu haben, wo deportierte Juden zur Ermordung selektiert wurden.

"Für sicheren Schreibtischjob entschieden"

Für seinen Dienst in Auschwitz könne der damalige Freiwillige der Waffen-SS sich nicht auf einen Befehlsnotstand und den damaligen Drill zum Gehorsam berufen, sagte Richter Kompisch. „Herr Gröning, das war Ihre Entscheidung.“ Zwar habe es Indoktrination gegeben, aber das Denken der Menschen habe das nicht ausschalten können. „Ich will Sie nicht als feige bezeichnen, aber Sie haben sich für den sicheren Schreibtischjob entschieden.“

Die Staatsanwaltschaft hatte dreieinhalb Jahre Haft gefordert, von denen 22 Monate als verbüßt angesehen werden sollten, weil eine Verurteilung schon vor Jahrzehnten möglich gewesen wäre. Erste Ermittlungen hatte es schon 1977 gegeben, sie wurden später aber eingestellt. Die Verteidiger hatten auf Freispruch plädiert, weil Gröning den Holocaust im strafrechtlichen Sinne nicht gefördert habe.

In der Urteilsbegründung ging Kompisch auch mit der deutschen Justiz ins Gericht. Auschwitz-Überlebende hatten ihr in dem Verfahren jahrzehntelanges Versagen vorgeworfen. Nach einer Serie von Verurteilungen von Auschwitz-Tätern in den 60er Jahren habe eine „merkwürdige Rechtsprechung“ begonnen, die die konkrete Beteiligung an einzelnen Morden zur Bedingung für eine Verurteilung gemacht habe, sagte Kompisch. Deshalb hab es kaum noch Verfahren gegen KZ-Schergen gegeben. Er hoffe, dass die Opfer Frieden fänden, sagte der Richter weiter. Er verstehe aber auch, wenn sie weiterhin Groll und tiefes Misstrauen gegenüber Deutschland hätten.

Jüdischer Weltkongress stimmt Verurteilung zu

Der Jüdische Weltkongress (WJC) hat der Verurteilung des früheren SS-Manns Oskar Gröning zugestimmt. Es sei richtig, dass der 94-Jährige zu einer Haftstrafe verurteilt worden sei, sagte WJC-Präsident Ronald S. Lauder am Mittwoch. „Obgleich verspätet, ist Gerechtigkeit geschehen. Herr Gröning war nur ein kleines Rädchen in der Nazi-Todesmaschinerie, aber ohne das Zutun von Leuten wie ihm wäre der Massenmord an Millionen von Juden und anderen nicht möglich gewesen.“ Gröning müsse zwar möglicherweise seine letzten Jahre in Haft verbringen. „Aber das ist eine geringe Strafe im Vergleich zu den unbeschreiblichen Verbrechen, zu denen er beigetragen hat.“ Im WJC sind jüdische Gemeinden aus aller Welt zusammengeschlossen.

Auch der Präsident des Zentralrats der Juden wertet die Haftstrafe für den ehemaligen SS-Mann Oskar Gröning als wichtiges Urteil. „Die Versäumnisse der deutschen Justiz, die solche Verfahren jahrzehntelang verschleppt oder verhindert hat, lassen sich damit zwar nicht mehr gutmachen“, erklärte Josef Schuster am Mittwoch in Berlin. Dennoch habe die Verurteilung für die Opfer und ihre Angehörigen hohe Bedeutung. „Und wenigstens hat er eine moralische Mitschuld eingeräumt.“ Gröning wurde wegen Beihilfe zum Massenmord im Vernichtungslager Auschwitz zu vier Jahren Haft verurteilt. „Ich hoffe, dass sich noch weitere NS-Täter vor Gericht verantworten müssen“, sagte Schuster laut Mitteilung.

Auschwitz-Komitee-Vizepräsident: Lebenslänglich wäre angemessen

Der Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, hat das Strafmaß im Prozess gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning als zu milde kritisiert. „Angemessen wäre ein lebenslanges Urteil“, sagte Heubner am Mittwoch der Deutschen Presse-Agentur. Trotzdem sei der Prozess sehr wichtig gewesen, „weil er einen Angeklagten gezeigt hat, der mit seinem letzten Wort doch noch realisiert hat, dass das Mitmachen bei diesen Morden eine große Schuld ist, die ihn sein Leben lang begleiten wird“.

In dem Prozess stecke eine große provokative Frage: „Wie verhalten wir uns in Situationen, in denen Menschen verfolgt und bedroht werden - unsere Hilfe und unseren Schutz suchen?“ Die Menschen könnten sich vor Augen führen, „wie leicht man zum Mitmacher und Mitläufer wird, wenn man seine Aufmerksamkeit nicht gegen die eigene Gleichgültigkeit richtet“, sagte Heubner.

Durch den Prozess habe Auschwitz in den letzten Wochen rund 30 Prozent mehr Besucher bekommen. „Das ist auch ein Resultat der Berichte, die die Überlebenden im Prozess abgegeben und die Menschen berührt haben.“

Verfahren gegen Ex-KZ-Wachmann aus Mittelfranken eingestellt

Das Ermittlungsverfahren gegen einen 92 Jahre alten mutmaßlichen ehemaligen KZ-Wachmann aus Mittelfranken ist indessen eingestellt worden.Ein Gutachten habe ergeben, dass der Mann dauerhaft verhandlungsunfähig sei, sagte die Nürnberger Oberstaatsanwältin Antje Gabriels-Gorsolke am Mittwoch. Die Behörde hatte gegen den Mann aus dem Landkreis Neustadt an der Aisch/Bad Windsheim wegen Beteiligung an Verbrechen als Wachmann in Auschwitz-Birkenau und in Majdanek-Lublin ermittelt. Der Vorwurf lautete Beihilfe zum Mord in einer unbekannten Zahl von Fällen.

Der 92-Jährige hatte angegeben, er sei erst Ende 1944 nach Auschwitz-Birkenau gekommen - als es dort keine Tötungen mehr gegeben habe. Am 27. Januar 1945 befreiten Soldaten der Roten Armee dort etwa 7000 Gefangene. In dem bei Krakau gelegenen Lager wurden im Zweiten Weltkrieg mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden. In Majdanek sollen mindestens 78.000 Menschen ermordet worden sein. Zu seiner Zeit dort konnte der 92-Jährige nicht befragt werden.

Ehemaliger Auschwitz-Wachmann in Hanau angeklagt

Wegen Beihilfe zum Mord ist ein 92 Jahre alter ehemaliger Wachmann des Konzentrationslagers Auschwitz vor der Jugendkammer des Landgerichts Hanau angeklagt worden. Die Anklage sei vor der Jugendkammer erhoben worden, weil der Beschuldigte zur Tatzeit Heranwachsender gewesen sei, teilte die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Mittwoch mit.

Der damals 19 beziehungsweise 20 Jahre alte Mann, der heute im Raum Hanau lebt, soll als SS-Mann in Auschwitz Wachdienst verrichtet haben und dabei an der organisatorischen Abwicklung von drei Transporten aus Berlin, Drancy (Frankreich) und Westerbork (Niederlande) beteiligt gewesen sein. Von den Deportierten seien mindestens 1075 sofort nach ihrer Ankunft in den Gaskammern grausam und heimtückisch getötet worden.

Der 92-Jährige ist einer der 14 Verdächtigen, deren Wohnungen im Februar 2014 bei einer bundesweiten Aktion durchsucht worden waren.

dpa

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