Empörung über Zustände

Folter und Missbrauch in Australiens Asyllagern?

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Flüchtlinge nehmen am 27.02.2015 an einer Demonstration gegen die Lebensbedingungen auf der Insel Nauru (Ozeanien) teil.

Sydney - Menschen hinter Stacheldraht, Flüchtlinge an den Zaun gebunden, Frauen vergewaltigt, Kinder verstört - welche Zustände herrschen in australischen Internierungslagern für Asylsuchende?

Alanna Maycocks Stimme bebt, wenn sie an ihren Besuch im australischen Internierungslager für Flüchtlinge auf der Insel Nauru zurückdenkt. „Die Menschen werden dort nicht beim Namen, sondern nach ihrer Nummern aufgerufen - zu viele Mohammeds, sagt ein Aufseher. Die Leute werden dort nicht wie Menschen behandelt“, sagt die Kinderkrankenschwester aus Sydney der Deutschen Presse-Agentur. „Wir haben ein sechsjähriges Mädchen mit Würgemalen am Hals gesehen - sie hatte versucht, sich mit einem Plastikkabel umzubringen.“

Die Anwältin und Menschenrechtsaktivistin Kellie Tranter ist so entsetzt, dass sie von „Australiens Abu-Ghoreib-Moment“ spricht - in Anlehnung an den Folterskandal in einem Gefängnis im Irak, wo US-Soldaten Gefangene quälten. Er kam 2004 ans Licht.

Der Wachmann John Nichols sprach vor einem Parlamentsausschuss sogar von „Waterboarding“, simuliertem Ertränken, im Lager auf Nauru. Diese Foltermethode wandte der US-Geheimdienst CIA unter der Regierung von George W. Bush an. Er sei nicht selbst dabei gewesen, räumte Nichols ein, aber er habe die pitschnassen Flüchtlinge aus einem Zelt mit Wachen kommen sehen: „Sie haben Wasser gespuckt.“ Er habe auch angekettete Gefangene gesehen. Maycock sah nach eigenen Angaben, wie ein Mann geschlagen wurde.

Der Kinderarzt David Isaacs ringt im Fernsehen mit den Tränen, als er über die Zustände auf Nauru spricht. „Nach fünf Tagen bin ich mit Alpträumen zurückgekehrt“, sagt er. „Wir behandeln diese Menschen mit unglaublicher Grausamkeit. Unsere Regierung misshandelt die Kinder in unserem Namen.“ Frauen hätten von Vergewaltigungen berichtet.

Was ist da los? Seit Jahren lässt Australien Asylbewerber, die mit Flüchtlingsbooten kommen, nicht ins Land. Stattdessen zahlt die Regierung bitterarme Nachbarländer dafür, Internierungslager für sie zu unterhalten.

Die konservative Regierung hat ihre harte Politik noch einmal verschärft: Die Marine zwingt nun alle Boote zur Umkehr. Beamte dürfen nicht mehr Asylsuchende sagen, sondern müssen von „illegalen Ankömmlingen“ sprechen. Entsprechend werden die Leute hinter Stacheldraht gehalten. Die Zustände in den Lagern sollen sich in den Ländern, aus denen Flüchtlinge kommen - Afghanistan, Irak, Myanmar - durchaus als Abschreckung herumsprechen.

Kann ein aufgeklärtes Land wie Australien sich so eine Politik leisten? Viele Australier meinen: nein. „Ich muss den Mund aufmachen, ich habe das Gefühl, ich bin die einzige Stimme, die diese Kinder haben“, sagt Maycock. Auch wenn die Regierung versuche, Besuchern von Nauru einen Maulkorb zu verhängen. Unter Strafandrohung darf niemand Genehmigung über die Zustände berichten. 40 Ärztinnen, Pfleger, Lehrerinnen und Sozialarbeiter schreiben in einem Protestbrief: „Es ist ethisch nicht vertretbar, bei Kindesmissbrauch und schweren Menschenrechtsverletzungen einfach nur zuzusehen.“

Auch die australische Menschenrechtskommission hat die Situation in mehreren Internierungslagern drastisch beschrieben. In ihrem Bericht „Die vergessenen Kinder“ zitiert sie einen 17-Jährigen in einem Lager auf der Weihnachtsinsel: „Ich habe keine Hoffnung mehr. Ich fühle, dass ich in Gefangenschaft sterben werde.“

Eine Mutter von drei Kindern fleht Besucher an „Nehmt die Kinder mit; uns könnt ihr hierbehalten. Sie weinen den ganzen Tag. Die Traurigkeit quält sie.“ „Es ist wie Gefängnis. Ich habe nur noch Gott“ sagte eine 17-Jährige.

Die Professoren Suvendrini Perera und Joseph Pugliese sprechen von „Australien und seinen pazifischen Gulags“. Außer in Nauru gibt es noch Lager auf der weit abgelegenen, aber zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel und auf der Insel Manus in Papua-Neuguinea. Die Regierung habe ihre Verantwortung für die Menschen ausgelagert und lasse Gewalt gegen Menschen zu, die sich nichts hätten zu Schulden kommen lassen. Der Ruf der USA, die sich als gerechte Nation mit ethnischen Grundsätzen sähen, sei durch die Folterenthüllungen schwer geschädigt worden. „Australien ist auf demselben Weg“, meinten sie.

Folter und Missbrauch? „Nonsens - Quatsch“ sagt Einwanderungsminister Peter Dutton. „Ich habe keine Beweise gesehen, keinen auch noch so kleinen Hinweis auf solche Aktivitäten.“ Den Ausschuss tat er als „Känguru-Gericht“ der Opposition ab.

dpa

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