Wie nach Zweitem Weltkrieg

Flüchtlinge: Grass für Zwangseinquartierungen

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Schriftsteller und Nobelpreisträger Günter Grass in Hamburg während der Benefizgala für verfolgte Autoren von der Autorenvereinigung PEN.

Hamburg - Nobelpreisträger Günter Grass will Zwangseinquartierungen von Flüchtlingen bei Deutschen. Das habe man nach dem Zweiten Weltkrieg auch gemacht - und dann gab es ein Wirtschaftswunder.

Der deutsche PEN will die „Festung Europa“ knacken. Den Kursschwenk der Autorenvereinigung zu offener politischer Einmischung begründeten die beiden PEN-Ehrenpräsidenten Günter Grass (87) und Christoph Hein (70) sowie der amtierende PEN-Präsident Josef Haslinger(59) am Mittwochabend in Hamburg mit dem „eklatanten Versagen der Politik“ nicht nur bei der Flüchtlings- und Asylpolitik.

In harschen Worten prangerten sie das Versagen des Westens an. Der habe nach der friedlichen Revolution 1989 in Osteuropa samt Mauerfall in der DDR Hoffnungen auf ein Ende des Blockdenkens und eine Überwindung des Nord-Süd-Konflikts, des Gegensatzes von Arm und Reich, enttäuscht.

Der Anlass zum politischen Aufbruch war symbolträchtig: Der PEN feierte am Mittwoch in der Freien Akademie der Künste in Hamburg seinen 90. Geburtstag - nicht inszeniert als Selbstbeweihräucherung, sondern als Benefiz-Gala mit Lesungen beklemmender Texte verfolgter und inhaftierter Autoren, die der PEN mit den Programmen „Writers in Exile“ und „Writers in Prison“ unterstützt. Mehr als 6000 Euro für „Writers in Prison“ brachte eine von Ex-„Tagesthemen“-Moderator Ulrich Wickert launig-humorvoll geleitete Versteigerung von sechs Grafiken, die Grass zur Verfügung gestellt hatte.

Auf den drei Tischen der Diskussionsrunde standen nur Wasserflaschen, später gab es beim Empfang auch Wein und Kleinigkeiten zu essen. „Wir sind doch nicht glaubwürdig, wenn wir die Not in der Welt beklagen und uns hier die Wampe vollhauen“, hatte vorher PEN-Generalsekretärin Regula Venske gesagt.

„Wir sind in eine neue Gefahrenzone geraten“, beschrieb der Österreicher Haslinger die Weltlage. Von einer Mauer, die härter ist als Stein, nämlich „eine Mauer aus Geld“, sprach der Ostdeutsche Hein. „Sie hat schon jetzt mehr Tote gefordert als die (dpa: Berliner) Mauer und es werden mehr folgen.“ Arme Kontinente wie Afrika würden auf die Segnungen des Kapitalismus immer noch warten.

„Von Hamburg soll etwas ausgehen, was den Geist des PEN verkörpert“, sagte Haslinger - Völkerverständigung. Er verlas einen Aufruf des deutschen PEN, der die Abschottung der EU gegen Flüchtlinge verurteilt und ein gemeinsames humanes Asylrecht aller EU-Staaten anmahnt. Der Aufruf soll an alle PEN-Zentren in Europa gehen und dort möglichst viel Unterstützung finden.

Nobelpreisträger Grass, mit Hein zusammen Erstunterzeichner, äußerte Skepsis, ob Medien und Politik überhaupt noch Autorenproteste wahrnehmen. Er erinnerte an den Protest von 30 Schriftstellern, darunter Ilija Trojanow oder Juli Zeh, und 70 000 Unterzeichnern im Herbst 2013 gegen die Spähangriffe der USA. Zeh fragte nach einem Gespräch mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU). „Bis heute hat Juli Zeh keine Antwort erhalten. Wenn ich Jahrzehnte jünger wäre, hätte ich ein Zelt aufgebaut vor dem Kanzleramt, bis eine Antwort käme.“

Zwangseinquartierungen wie nach dem Zweiten Weltkrieg

Wachsende unterschwellige Ausländerfeindlichkeit in Deutschland diagnostizierte Hein. Der Hintergrund sei „Angst um Wohlstand“. Grass dagegen sieht bei den Deutschen mehr Bereitschaft zu helfen. Und er hält, sollte es Notfälle bei der Unterbringung von Flüchtlingen geben, auch Zwangseinquartierungen für eine Option. Grass erinnerte daran, dass dies nach dem Zweiten Weltkrieg auch gemacht wurde - unter Murren teilweise, aber die 14 Millionen Deutschen und Deutschstämmigen aus dem Osten seien so wieder schnell auf die Beine gekommen. Ohne diese Menschen, wie später auch die Gastarbeiter, hätte es das deutsche Wohlstandswunder nicht gegeben.

Eine Zuhörerin mit ausländischem Hintergrund rief unter Beifall: „Wir müssen kulturpolitisch klarmachen, das Fremde ist das Andere, das uns bereichert, weil wir es noch nicht kennen.“

Die Zeiten, in den politisches Engagement von Autoren nicht so gefragt war und ihnen geraten wurde, sich auf das Schreiben von Literatur zu beschränken, sind nach den Worten Haslingers vorbei. Und er unterstrich dies mit historischer Kontinuität: „Der PEN wurde gegründet, um sich einzumischen.“

dpa

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