Wenn ein Dorf zur Sackgasse wird

Flüchtling: "Ich habe sechs Tage nicht geschlafen"

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Mohammed Altakriti aus Damaskus, Syrien sitzt am 19.09.2015 in Tovarnik (Kroatien) neben Rücksäcken und Taschen, die als Platzhalter für die Einsteigereihenfolge in die Busse dienen, mit denen die Flüchtlinge weiterreisen.

Tovarnik - Das kroatische Grenzdorf Tovarnik ist zu einer Drehscheibe der Flüchtlingskrise in Osteuropa geworden. Täglich erreichen Tausende Menschen die kleine Gemeinde.

Mohammed Altakriti wartet auf den Bus. Fünf Stunden schon. Die Schlange vor ihm ist lang, sehr lang. Über 700 Meter reihen sich die Flüchtlinge entlang der Straße Ivana Burika in Tovarnik. Mohammed Altakriti steht ganz hinten. „Ich habe sechs Tage nicht geschlafen“, erzählt der 44-Jährige aus Damaskus. „Tag und Nacht verschwimmen langsam vor meinen Augen.“ Er floh vor dem Bürgerkrieg aus seiner Heimat, kam in nur wenigen Tagen über Beirut und die Türkei nach Griechenland, von Mazedonien nach Serbien. Nun steht er endlich auf kroatischem Boden. Und nichts geht voran.

Der kleine ostkroatische Grenzort hat sich in nur wenigen Tagen zu einem Brennpunkt der Flüchtlingskrise auf dem Balkan entwickelt. Tovarnik ist eine Art chaotischer Verschiebebahnhof. Täglich erreichen mehrere Tausend Flüchtlinge die Gemeinde. Mit Bussen und Zügen werden sie nach und nach weggebracht, wohl an die ungarische Grenze im Norden des Landes. Doch es gibt zu wenige Züge und Busse - und zu viele nachkommende Flüchtlinge. Viele warten tagelang auf ihre Weiterreise. Der kleine Ort wird für sie zur Sackgasse.

Offiziell sind viele Grenzen auf dem Balkan dicht, inoffiziell bewegen sich die Flüchtlinge aber durch neue Korridore nach Westeuropa. Tovarnik ist ein Nadelöhr in einem solchen Korridor. Seit Ungarn seine Grenzen abschottet, marschieren Tausende Hilfesuchende zu Fuß über Serbien nach Kroatien. Von der serbischen Grenze aus ist es nur ein guter Kilometer über Maisfelder in das Dorf.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Tovarnik ist alles andere als ein Aufnahmezentrum für Flüchtlinge. Der kleine Grenzort hat dem Ansturm nichts entgegenzusetzen. Hier leben keine 3000 Einwohner - mehr Asylsuchende warten dort derzeit auf ihre Weiterreise. Es gibt keine Zelte, kaum medizinische Versorgung, kaum Infrastruktur. Die Flüchtlinge warten auf dem Asphalt, sitzen auf ihren Rucksäcken, liegen auf der Straße.

Nur wenige Hilfsorganisationen sind vor Ort. Ehrenamtliche Helfer aus aller Welt sind auf eigene Faust angereist, sie verteilen Essen und Schlafsäcke, sprechen mit den Flüchtlingen, organisieren Übersetzer. „Es werden immer mehr“, sagt eine junge Helferin aus Freiburg. „Heute haben voll viele Leute auf Kartons geschlafen.“

Auf dem ganzen Gelände gibt es zwei Wasserhähne. Gerade einmal elf Dixi-Klos stehen zwischen dem Bahnhof und der Bus-Warteschlange. Die Menschen drängen sich auf engstem Raum. Am Mittwoch werden Flüchtlinge beim Widerstand gegen eine Polizeiblockade verletzt. Am Donnerstag warnt Bozo Galic, der Vorsteher des ostkroatischen Bezirks Vukovar-Srijem, vor einer „humanitären Katastrophe“.

Am kleinen Bahnhof sitzen am Wochenende mehr als tausend Flüchtlinge auf den Gleisen, zwischen Müllbergen und ernst blickenden Polizisten. Um 16.30 Uhr soll der nächste Zug einfahren, so heißt es. Es gibt nur eine Toilette am Bahnhof, direkt davor verläuft eine Zentimeter tiefe Pfütze aus Urin. Seit Stunden warten sie schon, viele haben Kleinkinder im Arm. Die Menschen ertragen die Hitze, die Ungewissheit, den Gestank mit Ruhe und Geduld. Um 18.21 Uhr fährt der Zug ein. Die Flüchtlinge erheben sich, applaudieren. Bis zur Abfahrt werden weitere Stunden vergangen sein.

Am Sonntag darf Mohammed Altakriti endlich in seinen Bus steigen. Deutschland ist sein Ziel. „Für die Zukunft meiner Kinder“, sagt er. Die will er nachholen, sobald er in der Bundesrepublik Asyl beantragt hat. Wie er werden die meisten Flüchtlinge nun aus Tovarnik weggefahren. Wohin, bleibt bis zum Abend unklar. Binnen Stunden ist das Camp fast menschenleer. Gerüchte über ein neues Zeltlager in der Nähe machen die Runde. Die nächste Sackgasse?

dpa

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