Verhör wegen Kindermord

NSU-Zeuge: Erinnerungslücken oder Falschaussage?

München - Im Münchner NSU-Prozess hat die Bundesanwaltschaft am Mittwoch einem Zeugen Falschaussage vorgeworfen und die Protokollierung der entsprechenden Passagen beantragt.

Ein derart zähes Verhör gab es bisher im gesamten NSU-Verfahren nicht: Ein mutmaßlicher Unterstützer erinnerte sich nicht einmal an Außergewöhnliches, etwa den Verdacht, er habe ein Kind ermordet. Jetzt muss er mit Konsequenzen rechnen.

München (dpa/lby) - Er ist einer der schillerndsten Zeugen des NSU-Prozesses vor dem Oberlandesgericht München - und er ist der erste Zeuge aus dem Umfeld des „Nationalsozialistischen Untergrunds“, dem seine Erinnerungslücken jetzt ein Ermittlungsverfahren wegen „uneidlicher Falschaussage“ eingebracht haben. Die Hartnäckigkeit, mit der er am Mittwoch immer wieder Sätze sagte wie „Weiß ich nicht“ oder „Ich kann mich nicht erinnern“ brachte am Ende nicht nur den Richter und die Nebenkläger auf, sondern auch die Ankläger der Bundesanwaltschaft.

Die Themen, zu denen er aussagen sollte, waren durchweg heikel. Es ging um Kontakte zu den Angeklagten und Verbindungen in die Szene, aber auch um den bis heute ungeklärten Kindermord an dem neun Jahre alten Bernd Beckmann 1993 in Jena. Ein Nebenkläger-Anwalt konfrontiert den Zeugen mit der Aussage eines früheren Jugendgang-Kumpans in einem Polizeiverhör: „Soweit ich mich erinnern kann, stand (der Zeuge) auch auf kleine Kinder“. Er sei „offensichtlich der Täter“, verliest der Jurist aus der Akte unter Berufung auf einen Polizeibeamten. Der Zeuge, damit konfrontiert, bleibt ungerührt: „Ich kann mich nicht erinnern. Nee.“ Der Fall des ermordeten Jungen ist auch deshalb brisant, weil die Ermittler aktuell wieder ermitteln, allerdings nicht gegen einen konkreten Verdächtigen, sondern gegen Unbekannt. Derselbe Jugendbande soll auch der NSU-Mann Uwe Böhnhardt angehört haben.

Nicht einfacher wird die Vernehmung, als es um die Rolle des Zeugen bei der Beschaffung der „Ceska“-Pistole ging, mit der die NSU-Terroristen nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft neun ihrer zehn Mordopfer erschossen haben. Der Vorsitzende Richter und mehrere Nebenkläger-Anwälte mühen sich, ihm wenigstens offensichtliche Details zu entlocken. Dabei geht es um einen Mann in der Schweiz, den der Zeuge bei einer früheren Vernehmung als „Freund“ bezeichnet hatte und der ebenfalls zu den mutmaßlichen „Ceska“-Beschaffern zählt.

Nach mehreren Anläufen räumt der Zeuge immerhin ein, seinen Schweizer Freund vor wenigen Wochen besucht zu haben. Er habe sich in einer Art „Kurzschlussreaktion“ ins Auto gesetzt und sei zu ihm gefahren. Der Richter will wissen, ob er seine Aussage vor Gericht mit dem Schweizer Freund abgesprochen habe. Die Antwort: „Ich erinnere mich nicht.“ Darauf Richter Manfred Götzl: „Warum nicht, wenn er Ihr Freund ist?“ Der Zeuge: „Ist einfach so.“

Sein schwaches Gedächtnis erklärt der Zeuge auf Nachfragen damit, er stehe unter Druck. Außerdem erwarte seine Frau ein Baby, Geburtstermin ausgerechnet der Tag, an dem er jetzt in München vor Gericht aussage. Ein Sitzungsvertreter der Bundesanwaltschaft fragt, ob er eine „hirnorganische Verletzung“ erlitten habe. Gelächter im Gerichtssaal, als der Zeuge antwortet: „An sowas kann ich mich nicht erinnern.“

Am Ende darf der Zeuge gehen, aber seine Vernehmung wird ein Nachspiel haben. Die Bundesanwaltschaft beantragt die Protokollierung der Aussagen, die sie für offensichtlich falsch hält. Staatsanwalt Jochen Weingarten begründet den Vorstoß damit, dass „die Bekundung, man erinnere sich nicht, obwohl man sich erinnert, eine Falschaussage darstellt.“ Möglicherweise soll dies auch ein Signal an andere Zeugen des NSU-Umfelds sein, die mit ähnlichen Erinnerungslücken aufwarteten.

dpa

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