Geheimdienstkontrolleur André Hahn

BND-Affäre: Regierung soll Karten auf den Tisch legen

+
Der oberste Geheimdienstkontrolleur im Parlament, Linke-Politiker André Hahn: "Die Regierung gibt immer nur das zu, was sie nicht mehr leugnen kann".

Berlin - Der oberste Geheimdienstkontrolleur im Parlament, André Hahn (Linke), wirft der Bundesregierung mangelnden Aufklärungswillen in der Spionageaffäre vor.

Das Geheimdienst-Kontrollgremium berät am Mittwoch in einer Sondersitzung über die Spionageaffäre. Der Vorsitzende Hahn ist verärgert über die bisherige "häppchenweise" Informationspolitik der Regierung und zweifelt am Aufklärungswillen des Kanzleramts.

"Die Regierung gibt immer nur das zu, was sie nicht mehr leugnen kann", sagte der Vorsitzende des Bundestagsgremiums zur Kontrolle der Geheimdienste der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. "Es geht nicht mehr, das Parlament mit Halb-Informationen abspeisen zu wollen. Das ist kein Umgang mit den gewählten Volksvertretern."

Unter den Abgeordneten - und nicht nur bei denen der Opposition - sei der Unmut über die Informationspolitik des Kanzleramts groß. Die Regierung sei gefordert, endlich alle Karten auf den Tisch zu legen.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) soll dem US-Geheimdienst NSA über Jahre geholfen haben, europäische Unternehmen und Politiker auszuforschen. Die Vorwürfe waren vor mehr als einer Woche bekanntgeworden. Am Mittwoch berät das Kontrollgremium in einer Sondersitzung über die Affäre. Erwartet wird dort der heutige Innen- und frühere Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU).

Hahn sagte, als Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) die Parlamentarier vor Tagen erstmals über die Vorwürfe informiert habe, habe er mit keinem Wort erwähnt, dass auch Institutionen wie die EU-Kommission unter den US-Spähzielen gewesen seien. Auch habe es geheißen, dass das Kanzleramt erst im März von den Spähversuchen der NSA erfahren habe - was sich inzwischen als falsch herausgestellt habe. Beides sei erst durch Medienberichte ans Licht gekommen.

"Es kann nicht sein, dass man uns nur häppchenweise bestätigt, was die Medien ohnehin schon herausgefunden haben", kritisierte er. Mit dieser Praxis müsse endlich Schluss sein. "Die Regierung ist verpflichtet, dem Parlament umfassend Auskunft zu geben."

Nach dem, was bisher bekannt ist, lieferte die NSA dem BND für die Überwachung des Datenverkehrs in seiner Abhörstation in Bad Aibling in Bayern viele Suchmerkmale (Selektoren) wie Telefonnummern oder IP-Adressen von Computern, die gegen deutsche und europäische Interessen verstießen. 40 000 davon sortierte der BND nach eigenen Angaben über die Jahre vorab aus. Mehrere Tausend unzulässiger Selektoren fielen aber erst in der aktiven Suche auf.

Das Kontrollgremium und der NSA-Untersuchungsausschuss wollen nun die Listen mit den unzulässigen Suchmerkmalen einsehen. Die Regierung hat aber zunächst die USA um Erlaubnis gefragt, ob sie die Informationen dazu offenlegen darf. Dies Konsultationsverfahren läuft noch.

Hahn forderte dringend die Herausgabe der Listen. "Wir können den ganzen Schaden erst bewerten, wenn wir diese Listen kennen." Die Regierung dürfe sich nicht hinter dem Konsultationsverfahren mit den USA verstecken. "Wo kommen wir denn da hin, wenn die Amerikaner über die Herausgabe der Listen entscheiden?"

Am Ende müsse es auch personelle Konsequenzen beim BND und bei den Verantwortlichen im Kanzleramt geben, sagte der Linke-Politiker. "Man ist als Minister für sein Haus verantwortlich, und es sind schon Minister wegen weit geringerer Vorwürfe zurückgetreten."

Der Linke-Politiker hält es auch für möglich, dass die Affäre noch größere Ausmaße annehmen könnte als bislang bekannt. "Ich gehe nicht davon aus, dass es bei alldem nur um die Daten aus der Satellitenkommunikation in Bad Aibling geht." Allerdings sei der politische Schaden schon durch das bislang Bekannte gigantisch.

dpa

Gemeinsamer Antrag zur Einsetzung des NSA-Untersuchungsausschusses

Informationen der NSA über ihre Arbeit

BND zum Auftragsprofil der Bundesregierung

Bericht von "Spiegel Online" zur neuen BND-Spionageaffäre

Bericht der "Bild"-Zeitung zu falschen Antworten der Regierung auf Parlamentsanfragen zur Spionage

Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Linksfraktion April 2015

Antwort der Regierung auf eine Anfrage der Linksfraktion August 2014

Beweisbeschluss des NSA-Untersuchungsausschusses

Informationen zum Parlamentarischen Kontrollgremium

Kommentare

Meistgelesen

Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es
Beschämend: Debatte zu Aleppo im Bundestag - und keinen interessiert es
Renzi kündigt nach klarer Niederlage Rücktritt an
Renzi kündigt nach klarer Niederlage Rücktritt an
Bis zu 20.000 Euro: Familien sollen Geld für Hausbau erhalten
Bis zu 20.000 Euro: Familien sollen Geld für Hausbau erhalten
Verkehrssündern drohen höhere Bußgelder
Verkehrssündern drohen höhere Bußgelder
Viele BKA-Bewerber scheitern am Deutschtest
Viele BKA-Bewerber scheitern am Deutschtest