TV-Legende erklärt, wie die Amerikaner ticken

Anne-Will-Talk zu Trump: Gottschalk hat einen Rat an die Deutschen

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Auch Thomas Gottschalk (l.) war bei Anne Will zu Gast.

Berlin - Kurz vor dem bevorstehenden TV-Duell der Kontrahenten Hillary Clinton und Donald Trump drehte sich Anne Wills Polit-Talk am Sonntagabend um die Frage "Emotionen statt Fakten - Warum ist Donald Trump so erfolgreich?". Es ging zur Sache.

Er will den "Islamischen Staat in die Hölle bomben", eine Mauer an der Grenze zu Mexiko bauen und zur TV-Debatte mit seiner Konkurrentin Hillary Clinton eine Ex-Geliebte ihres Mannes einladen: Donald Trump ist der wohl skurrilste und zugleich provokanteste Präsidentschaftskandidat, den Amerika je erlebt hat. 

Und trotz oder gerade wegen seiner vielen leeren Versprechungen, absurden Forderungen und seinem unverblümt zur Schau gestellten Über-Ego scheint der Milliardär immer mehr US-Amerikaner für sich begeistern zu können.

Es ist ein Phänomen, das hierzulande überwiegend Unverständnis auslöst, im Hinblick auf den hochaktuellen amerikanischen Wahlkampf und das bevorstehende TV-Duell (bei uns im Live-Ticker und hier im TV/Stream) zwischen Clinton und Trump aber an immenser Bedeutung gewinnt und ergründet werden will. 

Deshalb drehte sich auch der Anne-Will-Sonntags-Talk zur Abwechslung einmal nicht um die komplizierte innenpolitische Lage sondern um den umstrittenen Kandidaten.

Das Thema "Emotionen statt Fakten - Warum ist Donald Trump so erfolgreich?" diskutierten am Sonntagabend der Moderator Thomas Gottschalk, der SPD-Politiker Martin Schulz, der ehemalige linke Kanzler-Kandidat Oscar Lafontaine, der Republikaner Roger Johnson und die Politik-Beraterin Constanze Stelzenmüller.

Thomas Gottschalk, der seit 20 Jahren im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten lebt, sollte zunächst einmal die Frage klären, die viele Deutsche am meisten bewegen dürfte: Was geht in den Köpfen der Amerikaner vor - oder (um es im Wortlaut von Anne Will zu sagen): "Wie bekloppt sind die Amerikaner eigentlich?"

Gottschalk wählt Vergleich mit Pest oder Cholera

Gottschalk räumte sofort ein, dass wir die Amerikaner "niemals verstehen werden". Er bezeichnete sie sogar als "rätselhaftes Kindvolk", da in Amerika ein völlig anderes, fast schon laxes Politikverständnis herrsche: Viele Amerikaner seien nicht besorgt oder verzweifelt über die Situation, die da auf sie zukommen könnte. 

Vielmehr würden sie es einfach hinnehmen, dass sie sich nun bald zwischen einem Kandidaten entscheiden müssen, der in die "Klapsmühle gehört" und einer, "die ins Gefängnis gehört" - was zwar einer Wahl zwischen Pest und Cholera gleichkäme, aber trotzdem kein Grund zur Aufregung sei. 

Neben der von Gottschalk beschriebenen amerikanischen Politikverdrossenheit kristallisierten sich im Verlauf der Sendung weitere Gründe für Trumps rasant steigende Umfragewerte heraus: 

Martin Schulz, der in dem Präsidentschaftskandidaten eine "große Gefahr" sieht, beschrieb Donald Trumps größte Stärke und zugleich Schwäche beispielsweise mit den Worten: "Für Trump ist jeder, der Sachverstand hat, ein intellektueller Klugscheißer." Der Präsident des Europäischen Parlaments sprach damit ein Problem an, das im Titel der Sendung zwar eigentlich schon enthalten war, aber trotzdem zur Quintessenz des Abends avancierte: Trump arbeitet mit Gefühlen, nicht mit Fakten. 

Gottschalk vergleicht Trump mit Bohlen

In diesem Punkt pflichteten Schulz alle Gäste bei - mit Ausnahme des Vollblut-Republikaners Roger Johnson natürlich, der jede von Trumps Absurditäten vor der deutschen Runde in Schutz nahm.

 "Wenn das Gefühl stark ist, kommst du mit Fakten nicht mehr durch", meinte zum Beispiel Lafontaine, und Gottschalk erklärte, Trump ziele als geborener Entertainer auf den psychologischen Effekt der kurzweiligen Unterhaltung ab. Dabei zog er sogar einen etwas fragwürdigen Vergleich zum deutschen DSDS-Urgestein Dieter Bohlen. Auch das womöglich objektivste Rundenmitglied, nämlich die Politik-Beraterin Stelzenmüller sagte, dass Leute, die versuchen, etwas zu verstehen, für Trump nicht zählen. 

Die US-Kennerin brachte außerdem Ansätze vor, um zu erläutern, warum die postfaktische Politik (bei der Fakten nur noch Nebensache sind) in Amerika aktuell immer beliebter wird: Demnach fühlten sich große Bevölkerungsteile vom übergeordneten Washington bevormundet, ja sogar "entstaatlicht" und auch von der Globalisierung abgehängt.  

Lafontaine wird ausfällig

Für den wohl gefühlsgeladensten Auftritt sorgte der frühere Kanzlerkandidat Lafontaine, der sich mit dem einzigen anwesenden Amerikaner überraschenderweise in vielen Dingen einig war. Beide vertraten sie die Meinung, dass Hillary Clinton "eine Katastrophe für das Land" (Zitat Johnson) wäre und des weiteren ganz klar "zur Kriegspartei" (Zitat Lafontaine) gehöre. 

Als er in Bezug auf seine gewagten Thesen leise Kritik von Seiten der Politik-Beraterin Stelzenmüller erntete, reagierte Lafontaine ausnehmend ungehalten: „Das ist nicht intellektuell“, sagte er bissig zu der Juristin. Da hatte er wohl - wie man es ja eigentlich vom nicht anwesenden Protagonisten der Sendung gewöhnt ist - seine Gefühle nicht im Griff.

Am Ende formulierte Thomas Gottschalk dann einen letzten Rat, der auch als Schlussfazit der Sendung gewertet werden kann - er stellte  einen lokalen Kontext her, der die Geschehnisse auf der anderen Seite des Atlantiks in Hinblick auf einen auch hierzulande extrem erstarkten, rechten Rand endlich mehr so weit weg erscheinen lässt: "Lasst uns die Fehler, die andere machen, für uns als Lehre nehmen. Lasst uns verhindern, dass es bei uns auch wegrutscht, denn da gibt es auch genug Abgehängte."

Sophie Lobenhofer

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