Wegen Verjährung

Tausende Asbest-Opfer: Milliardär freigesprochen

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Auf Plakaten forderten Demonstranten im Eternit-Fall die Verurteilung des Schweizer Milliardärs Stephan Schmidheiny.

Zürich - Im Mammutprozess um tausende Asbest-Opfer in Italien ist der Schweizer Milliardär Stephan Schmidheiny überraschend wegen Verjährung freigesprochen worden. Es kam zu Tumulten im Gerichtssaal.

Italiens Oberstes Gericht hob am Mittwochabend eine vorinstanzliche Verurteilung zu 18 Jahren Gefängnis und 90 Millionen Euro Schadensersatz auf. "Schande, Schande", riefen Angehörige der Opfer nach der Urteilsverkündung in Rom. Schmidheiny ließ erklären, er werde auch nach dem Freispruch den Betroffenen weiter finanziell helfen.

Die italienische Eternit war 1986 in Konkurs gegangen und das letzte von vier Werken geschlossen. In den Baustofffabriken war mit Asbest gearbeitet worden. In dem Prozess musste sich Schmidheiny als Besitzer der Schweizer Eternit-Gruppe und Mehrheitsaktionär der italienischen Eternit für die Erkrankung und den Tod von fast 3000 Menschen verantworten, die in seinen Werken oder als Anwohner mit Asbest-Fasern verseucht worden waren. An den Standorten sollen Sicherheitsvorkehrungen missachtet worden sein. Es war das bislang größte Verfahren im Zusammenhang mit dem einst als Wunderstoff gefeierten Material.

Schmidheiny hatte stets jede persönliche Verantwortung zurückgewiesen. Zwar war seine Unternehmensgruppe größter Einzelaktionär der italienischen Eternit, doch hatte der Schweizer weder Exekutiv-Funktion noch saß er im Verwaltungsrat der italienischen Tochter. Dessen ungeachtet hatte ein italienisches Berufungsgericht noch im Juni die erstinstanzliche Verurteilung Schmidheinys zu 16 Jahren Haft um zwei Jahre erhöht. Am Mittwoch kam dann der überraschende Freispruch.

Generalstaatsanwalt Francesco Mauro Iacoviello hatte dies selbst mit Hinweis auf die Verjährungsfrist von 20 Jahren gefordert - diese war nach seiner Ansicht schon 2006 abgelaufen. Die Opferanwälte machten hingegen geltend, dass auch heute noch Menschen an den Folgen der damaligen Asbest-Verseuchung sterben und die Straftat daher nicht verjährt sein könne. So sahen es auch die Vorinstanzen, die dem Schweizer vorwarfen, eine "bis heute andauernde Umweltkatastrophe" mit verursacht zu haben.

"Was gerecht ist und was richtig ist, ist nicht immer das gleiche", sagte Generalstaatsanwalt Iacoviello, und zeigte damit Verständnis für die Wut der Opferangehörigen. Für die Richter gebe es aber keine Alternative als die Gesetze richtig anzuwenden - und Schmidheiny wegen Verjährung freizusprechen.

Der 67-Jährige hatte stets jede Verantwortung für die Tragödie zurückgewiesen. Nach Angaben der Schweizer Nachrichtenagentur SDA erklärte er nun, der "frühzeitige Ausstieg aus der Asbestverarbeitung" sei "das Wichtigste und Beste, was ich als Unternehmer geleistet habe". Eine Sprecherin ergänzte, auch nach dem Freispruch werde Schmidheiny ein Programm zur Entschädigung der Asbestopfer fortführen. Seit 2008 seien bereits 44 Millionen Franken (36,6 Millionen Euro) ausbezahlt worden.

Asbest wurde wegen seiner hohen Hitze- und Feuerbeständigkeit und guten Isolationseigenschaften vor allem als Zementzusatz lange in der Bauindustrie eingesetzt. Das Einatmen von Partikeln kann Mesotheliom verursachen, ein Krebs des Brust- oder Bauchfells. Die Krankheit kann auch noch zwanzig Jahre nach dem Kontakt mit Asbest ausbrechen. In Italien wurde Asbest 1992 verboten, also sechs Jahre nach dem Aus für das letzte Eternit-Werk. Das EU-weite Asbest-Verbot folgte erst 2005. In Entwicklungsländern findet das Material weiterhin breite Verwendung.

afp

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