Ihr Mann verzeiht ihr

Down-Syndrom-Baby verstoßen: Jetzt spricht die Mutter

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Links: Der erst drei Wochen alte Leo Forrest. Er kam mit dem Down-Syndrom auf die Welt. Rechts: Seine armenische Mutter Ruzan Badalyan.

Jerewan - Samuel Forrest wurde von seiner Frau vor die Wahl gestellt: Das Baby mit Down-Syndrom oder sie. Es folgte die Scheidung. So stellt zumindest der Vater die Ereignisse dar. Nun meldet sich die Mutter mit ihrer Version der Geschichte zu Wort.

Es war der 21. Januar 2015 als Leo Forrest in einem Krankenhaus in Armenien das Licht der Welt erblickte. Die Ärzte diagnostizierten nach der Geburt das Down-Syndrom. In Armenien gilt eine Behinderung wie diese als Strafe Gottes, als Schande für die Familie. Die Ärzte stellen die Eltern deshalb vor die unmögliche Wahl, ob sie ihr Kind behalten wollen oder lieber weggeben. Passiert Letzteres, landen die Babys meist im Waisenhaus.

Im Fall von Leo Forrest soll seine Mutter den Vater, Samuel Forrest vor die Wahl gestellt haben: Das Kind oder ich. Da für den gebürtigen Neuseeländer außer Frage stand, dass er seinen Sohn behalten und großziehen will, entschied er sich für Leo. Daraufhin reichte die Mutter eine Woche nach der Geburt die Scheidung ein. So erzählt es zumindest Samuel Forrest in den Medien. Die Geschichte ging inzwischen um die ganze Welt. Und viele, die vom traurigen Schicksal des kleinen Leo erfuhren, fragten sich: Wie kann eine Mutter so etwas tun? Wie kann jemand so herzlos sein?

Mutter: Das ist meine Version der Geschichte

Nun hat sich Forrests Ex-Frau, Ruzan Badalyan, auf Facebook zu Wort gemeldet. Sie behauptet, dass der frischgebackene Vater sich die Wahrheit zu seinen Gunsten verdreht hat. Deshalb erzählt sie jetzt ihre Version der Geschichte:

"Der 21. Januar war der glücklichste Tag für mich, da ich endlich meinen lange erwarteten Sohn zur Welt brachte. Unser Sohn wurde um 6.30 Uhr morgens geboren und ich erinnere mich an die alarmierten Gesichter um mich herum und die besorgten Blicke der Ärzte. Ich bin Stunden nach der Narkose erwacht. Meine erste Frage galt meinem Kind und wo es war. Ich erinnere mich an die traurigen Gesichter meiner Verwandten und der Ärzte und die Diagnose, die wie ein Urteil klang: "Ihr Kind wurde mit dem Down-Syndrom geboren." Niemand kann sich meine Gefühle in diesem Moment vorstellen.

Ruzan Badalyan: Schon wenige Stunden nach der Geburt musste ich die schwerste Entscheidung meines Lebens treffen

Ich hatte mich gerade so vom ersten Schock erholt, als einer der Ärzte zu mir kam und mich bat, ihm meine Entscheidung, ob ich Leo behalte oder nicht, mitzuteilen. Ich musste die unbarmherzigste Entscheidung meines Lebens innerhalb weniger Stunden treffen. (...)"

Sie habe dann die Chancen ihres Kindes in einem Land wie Armenien gegen eine Zukunft in Neuseeland abgewogen. "Das erste was mir nach der Diagnose in den Kopf schoss war, dass ich nicht will, dass mein Kind in einem Land lebt, in dem bestimmte Stereotype das Leben von Menschen mit Down-Syndrom dominieren - und wo es überhaupt keine Chancen für sie gibt. Ich will, dass er in die Gesellschaft eingebunden wird und gerne von ihr aufgenommen wird, eine Integration wie sie für unsere Gesellschaft (in Armenien) erst in vielen, vielen Jahren möglich sein wird. Ich habe die ausweichenden Blicke der Ärzte gesehen, die verheulten Gesichter meiner Angehörigen, habe Kondolenz-Anrufe bekommen und begriffen, dass nur der Umzug in ein Land mit Standards wie Neuseeland meinem Sohn ein annehmbares Leben ermöglichen würde. (...)"

Mutter: "Ich habe keinerlei Unterstützung von Samuel bekommen"

Ruzan Badalyan schreibt weiter, dass sie daraufhin versucht hat, sich so zu entscheiden, wie es am besten für Leo sei. Jedem in der Familie sei klar gewesen, dass die Interessen des Babys an erster Stelle standen und ihm nur ein Umzug in ein anderes Land aus seiner Situation heraushelfen könnte. Diese Entscheidung hätte auch Samuel so akzeptiert. In Armenien und mit ihrem kargen Einkommen von nur 180 Dollar im Monat, wäre es ihr nicht möglich gewesen, ein Kind mit besonderen Bedürfnissen wie Leo aufzuziehen.

Dem Vater, Samuel Forrest, wirft sie vor, dass er nicht arbeitete und so auch nichts zum Einkommen der Familie beigesteuert hat. Außerdem habe er ihr in den härtesten Stunden ihres Lebens nicht beigestanden und nicht unterstützt. "Ich habe keinerlei Unterstützung von ihm bekommen. Nach dem Vorfall hat er das Krankenhaus verlassen und mir Stunden später mitgeteilt, dass er das Kind mitnimmt und dass er das Land in Richtung Neuseeland verlassen wird und ich nichts mehr mit der Situation zu tun hätte. Ohne mir eine Option zu geben oder zu versuchen, gemeinsam mit mir eine Lösung in dieser schweren Situation zu finden, hat er die Geschichte auf jeder möglichen Plattform verbreitet (...)". Die Behauptung, sie habe ihm ein Ultimatum gestellt und ihn gezwungen, sich zwischen ihr und dem Baby zu entscheiden sei zudem absolut nicht wahr. Ihr Ex-Mann habe nie vorgeschlagen, dass sie mit ihm nach Neuseeland kommen könne. Auf all ihre Versuche, mit ihm über die ganze Sache zu sprechen habe er lediglich mit Anschuldigungen reagiert. Das einzige, was er immer wieder betonte, sei gewesen, dass er sich nicht trennen wolle.

Samuel Forrest: Behauptungen meiner Ex-Frau sind so nicht wahr

Samuel Forrest hat inzwischen mit dem britischen Nachrichtenportal mirror.co.uk gesprochen und gesagt, dass er seiner Ex-Frau vergibt. Er schließe nicht aus, dass sie wieder zusammenkommen, denn er liebe Ruzan Badalyan immer noch über alles. "Ich werfe Ruzan nichts vor. Ich wollte diese Verantwortung ganz allein auf mich nehmen (...) und sie hat auch ihre Entscheidungen getroffen. Ich kann den sozialen Druck und die kulturellen Umstände absolut verstehen. Da sind viele Faktoren, die eine Rolle spielen." Er hoffe, dass sie eines Tages wieder eine Familie sein können - sobald einige "schwierige Diskussionen" geführt wären. Dann fügte er noch hinzu: "Ich habe nichts schlechtes über meine Frau gesagt. Ich liebe sie über alles und will diese Erinnerungen für Leo aufbewahren. Ich will, dass er eines Tages weiß, wie gut seine Mutter war. (...) Die Tür wird immer offen stehen. Aber damit das passiert (sie wieder eine Familie werden), müsse sie Leo vollkommen akzeptieren und ihre Pflichten als Mutter wahrnehmen", zitiert der Mirror den Vater.

Nach Aussage von Samuel Forrest entbehrt die Behauptung von Ruzan Badalyan, dass sie sich beide einig gewesen seien, dass Leo in Neuseeland die besten Chancen hätte, jedoch jeder Wahrheit. "Nichts davon ist mit mir besprochen worden, weil die Entscheidung bereits gefallen war. Weder die Familie noch sie sind auf einen Dialog mit mir darüber eingegangen. Ich musste meine Entscheidung für diesen kleinen, unschuldigen Kerl treffen. Er ist wunderschön, einfach wunderschön. Ich habe ihr die Möglichkeit gegeben, dass wir ihn gemeinsam großziehen und ich nicht gehen würde und ich denke, dass ich mich nun Vollzeit um ihn kümmere, ist der Beweis dafür", berichtet Forrest gegenüber dem Mirror.

Schon knapp 480.000 Dollar Spenden für Leo und Down-Syndrom-Kinder

Um seinem Sohn einen guten Start ins Leben zu ermöglichen und mit ihm in seine Heimat Neuseeland fliegen zu können, hat der frischgebackene Vater im Internet eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Ursprünglich wollte er so 60.000 Dollar zusammenbekommen, um sich im ersten Jahr Vollzeit um Leo zu kümmern und sich dann einen Halbtags-Job zu suchen, damit er immer noch genügend Zeit für seinen Sohn hätte. Aber in nur zwölf Tagen wurden knapp 480.000 Dollar gespendet (Stand: 8. Februar 2015), die nun auch anderen Kindern mit Down-Syndrom in Armenien zu Gute kommen sollen.

pie

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