Seltene Einblicke

Er ertappte auch Promis: Ladendetektiv verrät seine Geheimnisse

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Besonders abgesehen haben es Täter auf Flakons, Lippenstifte oder Cremes von Edelmarken.

Berlin - Ladendiebstahl sorgt jedes Jahr für einen Milliardenschaden im Handel. Mit dem Einsatz von Detektiven soll das Problem bekämpft werden. Eine Berliner Spürnase gibt seltene Einblicke.

Mit Basecap, Kapuzenpulli, schwarzer Jeans und Sportschuhen geht Oliver Müller (Name geändert) auf Streife. Sein Vorhaben: Möglichst durchschnittlich aussehen und nicht auffallen. Sein Revier: Ein großes Kaufhaus irgendwo im Berliner Westen. Müller ist Ladendetektiv. Stundenlang streift er durch das mehrstöckige Gebäude, auf der Jagd nach diebischen Kunden. Ein Schema hat er nicht: „In jedem Alter wird geklaut - egal, ob Kinder oder Rentner.“

Durch Ladendiebstahl entsteht dem deutschen Handel ein Schaden von mehr als 2,1 Milliarden Euro pro Jahr - bei einem Umsatz von zuletzt gut 472 Milliarden Euro. „Das ist eine Summe, die durchaus wehtut“, klagt Stefan Hertel vom Handelsverband Deutschland (HDE). Besonders, weil nur ein äußerst geringer Teil der Taten aufgedeckt wird.

Bundesweit ist die Zahl der angezeigten Ladendiebstähle seit zehn Jahren rückläufig. Das Bundeskriminalamt (BKA) in Wiesbaden registrierte vor gut zehn Jahren noch mehr als 500 000 Fälle pro Jahr, nach aktuellsten Zahlen (2014) waren es knapp 346 000.

Experten vom Handelsforschungsinstituts EHI in Köln gehen aber davon aus, dass mehr als 98 Prozent der Ladendiebstähle unentdeckt bleibt. Bundesweit komme es jedes Jahr zu etwa 26 Millionen Delikten, schätzt EHI-Experte Frank Horst. „Kleine und relativ teure Waren werden besonders häufig gestohlen. Parfüm, Rasierklingen, Kosmetik- oder Elektronikartikel sind stark diebstahlgefährdet“, sagt Horst.

Das weiß auch Detektiv Müller. Auf der Pirsch ist der Mittvierziger deshalb am liebsten in der Kosmetikabteilung. Besonders abgesehen haben es Täter auf Flakons, Lippenstifte oder Cremes von Edelmarken. „Die kann man leicht verstecken“, sagt Müller und macht es vor: In der Hand hält er sein Smartphone und greift ein Parfüm aus dem Regal. Das kleine Fläschchen hält er hinter dem Handy in den Fingern und lässt beides in seine Hosentasche verschwinden.

"Wer reagiert noch, wenn es piepst?"

Zwar ist das Parfüm mit einem Sicherheitsetikett versehen, das am Ausgang die Alarmanlage auslösen würde. „Doch wer reagiert noch, wenn es piepst?“, fragt der Detektiv. Zudem würden Ladendiebe die Verpackung mit der elektronischen Warensicherung einfach abreißen. „Oft haben die Täter auch einen Seitenschneider dabei, um beispielsweise an Klamotten die Sicherung zu entfernen“, erklärt der Profi. In Mode seien mit Alufolie ausgekleidete Handtaschen, in denen Waren auch mit Sicherung aus dem Geschäft geschmuggelt werden können - das Material verhindert, dass die Alarmanlage ausgelöst wird.

Bei seinem Streifgang hat Müller eine Frau ausgemacht. „Sie trägt eine alte Tüte von einer Drogeriemarktkette, die hier in der Nähe keine Filiale hat.“ Verdächtig. Und: „Ich schaue immer erst auf die Augen“, erklärt der Fachmann. „Guckt sie immer wieder hoch und lässt ihre Blicke durch den Laden schweifen, haben wir relativ sicher einen Treffer.“ Handtaschen und Tücher sieht sich die verdächtige Frau an.

Für große Warenhäuser sind Detektive ein wichtiges Instrument, den Ladendiebstahl einzudämmen. Bundesweit dürften es nach Schätzung des EHI-Experten Horst jedoch gerade mal drei Prozent aller Geschäfte sein, die Detektive einsetzen. „Die Kosten dafür sind vielen Einzelhändlern einfach zu hoch“, sagt Horst. „Dabei wird mehr als die Hälfte aller angezeigten Fälle durch Ladendetektive aufgedeckt.“

Der durchschnittliche Wert gestohlener Waren bei Einzel- und Gelegenheitstätern liegt nach EHI-Berechnungen bei etwa 80 Euro. Deutlich höher ist die Zahl, wenn Banden organisiert zuschlagen - ein zunehmendes Problem für Einzelhändler. Waren im Wert von 1500 bis 2000 Euro sind es im Schnitt pro Diebeszug. „Wir beobachten seit fünf bis sechs Jahren eine Zunahme von bandenmäßigem Ladendiebstahl“, sagt HDE-Sprecher Hertel. „Einer lenkt den Verkäufer ab, zwei stürmen in das Geschäft, räumen Regale leer und rennen wieder raus.“ So eine Aktion dauere oft nur wenige Augenblicke.

Eine Entwicklung, die auch der Polizei Sorgen bereitet. „Das sind keine Ladendiebstähle, die aus der Laune heraus begangen werden. Dahinter steckt organisiertes Stehlen, um damit Geld zu verdienen“, sagt Oliver Malchow, der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Für etwa ein Viertel des geschätzten Schadens von 2,1 Milliarden Euro durch Ladendiebstahl sind Banden verantwortlich.

Auch deshalb fordert der HDE seit Jahren eine konsequentere Bestrafung von Ladendieben. Dazu sei es notwendig, die sogenannte Geringwertigkeitsgrenze, die im Dtrafgesetzbuch nicht näher definiert ist, auf 25 Euro im Gesetz festzulegen, sagt Sprecher Hertel. Nur so sei gewährleistet, dass Richter auch bei größeren Diebstählen nicht von einem Bagatelldelikt ausgehen. Oft zeigten Händler Ladendiebstahl gar nicht mehr an, weil die Verfahren eingestellt werden. Dabei könnten Wiederholungstäter und Banden nur bekämpft werden, wenn Händler jeden Fall anzeigen, meint GdP-Chef Malchow.

Müller hat auch schon Promis ertappt

Oliver Müller, der Detektiv im Berliner Kaufhaus, hat die verdächtige Frau inzwischen wieder aus den Augen gelassen. „Die klaut nichts“, sagt er, „da bin ich mir sicher.“ Seit rund 20 Jahren ist er als Ladendetektiv unterwegs, ungefähr 6000 Diebe habe er wohl erwischt. „Jeden Tag etwa einer“, sagt Müller nicht ohne Stolz. Sogar Prominente habe er auf frischer Tat ertappt. Heute macht er Feierabend, ohne einen Dieb gefasst zu haben. Erfolgreich sei der Tag trotzdem gewesen: „Potenzielle Diebe schrecke ich schon durch Beobachtung ab.“

dpa

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