Wirtschaftsraum Solingen 2009



Die Firma mit dem Babykörbchen

BÜNDNIS FÜR FAMILIE . Verlagshaus Ullrich ist erfolgreich, weil man Frauen mit ihrem Wissen intelligent einbindet

Von Sabine Firouzkhah

„Man kann nicht alles nur betriebswirtschaftlich sehen.“ Ein Satz, der erstaunt – jedenfalls, wenn er von der geschäftsführenden Mitinhaberin eines erfolgreichen und aufstrebenden Verlagshauses kommt. Aber nicht zuletzt dieser Einstellung verdankt die Gesellschafterin des Verlagshauses Hermann Ullrich (UForm), Felicia Ullrich, einen ersten Preis für Familienfreundlichkeit. Dieser war Anfang Oktober im Forum Produktdesign von der NRW-Wirtschaftsministerin Christa Thoben vergeben worden.

Offenheit für Familienprobleme ist für Felicia Ullrich eine tief verwurzelte Einstellung. „Familienfreundlichkeit kommt aber leider meist nur auf dem Papier vor.“ Als sie 1997 die familieneigene Firma übernahm, stellte sie daher die Weichen anders. Im Gegensatz zu ihrem Vorgänger berücksichtigte sie die Nöte von Müttern. „Die Frauen haben das bald erkannt und sehr schnell Verantwortung übernommen.“


Chefin Felicia Ullrich vor der Pinnwand in ihrem Büro, an dem Bilder von Mitarbeiterkindern hängen. Fotos: Christian Beier
Das hat sich ausgewirkt: In der Betriebsleitung beträgt das Verhältnis heute vier Frauen gegenüber einem Mann.

Bei Kernarbeitszeiten mit einer äußerst flexiblen Gleitzeitregelung kommt das Verlagshaus Ullrich den familiär bedingten Bedürfnissen seiner Mitarbeiter entgegen. Tarifgebunden können jährlich bis zu 200 Plus- oder 70 Minusstunden übertragen werden. In besonderen Fällen kann selbst diese Regelung noch einmal verändert werden. Auch flexible Pausenzeiten sind möglich. „Bei uns arbeitet die Leiterin der Buchbindung 100 Stunden im Monat. Dadurch kann sie sich auf den Arbeitsanfall und die Schichtarbeit ihres Mannes einstellen, damit die Versorgung der Tochter gesichert ist. Da unser Arbeitsanfall saisonal unterschiedlich verteilt ist, gleicht sich das wieder aus.“

Auch das Auslagern von Arbeit ist möglich: Die Lektoratsmitarbeiterin verbringt gerade einmal 8 ihrer 20 Arbeitsstunden im Verlag, der große Rest entfällt auf Telearbeit zu Hause. „Das klappt mit dieser Mitarbeiterin hervorragend, und das schon seit über vier Jahren. In der Produktion wäre das natürlich nicht leistbar.“ Diese Maßnahmen werden ergänzt durch flexible Pausenzeiten, Betriebsausflüge und Gesundheitsvorsorge (wie etwa Rückenschulungen).

Familienfreundlichkeit biete manchmal sogar handfeste finanzielle Vorteile. Ullrich: „Dass die Übernahme von Kindergartenkosten steuerlich eine wunderbare Lösung für den Arbeitgeber ist, ist vielerorts gar nicht bekannt. Wir hätten wichtige Mitarbeiter verloren, wenn wir auf die Belange von Frauen nicht so viel Rücksicht genommen hätten.“ Damit sei das ein Stück weit Egoismus – aber für beide Seiten gewinnbringend. „Mitarbeiter sind gut, wenn sie sich emotional eingebunden fühlen und ihnen die Aufgabe Spaß macht. Das verkennen viele Männer.“ Damit sind es nicht nur die einzelnen Maßnahmen, die Familienfreundlichkeit ausmachen.


Der Verlag gibt Unterrichtsmaterial für Berufsausbildung und Prüfungen heraus und ist in ganz Deutschland bekannt. Gegründet wurde er 1897 in Solingen als Druckerei von Hermann Ullrich
Es ist auch ein anderer Ton. „Wir kennen alle Kinder unserer Mitarbeiter“, lächelt Felicia Ullrich. „Im Betrieb werden Baby-Sachen getauscht; später werden wir dann bei Sponsorenläufen um eine Spende gebeten.“ Es gebe sogar das „U-Form-Körbchen“: „Diesen Tragekorb hat meine Mutter mir zur Geburt meines ältesten Sohnes geschenkt – mittlerweile haben schon sieben UForm- Babys darin gelegen. Und wenn bei uns eine Mutter oder ein Vater den Griffel fallen lässt, weil die Schule anruft, sie müssten dringend wegen ihrer Kinder kommen, hat jeder Verständnis.“ Aufwand macht sich bezahlt: Gute Fachkräfte sind rar Den Vorteil dieses Miteinanders für beide Seiten kann Jürgen Beu vom Solinger Bündnis für Familie nur bestätigen. Denn der Aufwand und das Risiko, neue Mitarbeiter an vielleicht wichtigen Positionen einzuarbeiten, sei hoch. „Die Kosten rechnen sich.“

Im Gegenzug könne der Unternehmer in Krisensituationen auf die Loyalität seiner Mitarbeiter rechnen. „Wir müssen weg von der Mentalität ‚Du hast mir eine Fridadelle geklaut’“, betont Beu. „Immer mehr Unternehmer erkennen, dass das der falsche Weg ist. Denn gut ausgebildete Frauen werden auf dem Arbeitsmarkt gebraucht, nicht zuletzt vor dem Hintergrund des wachsenden Fachkräftemangels.“

Warum wohl noch nicht so viele Firmen auf diesen Zug aufgesprungen sind? Felicia Ullrich zögert nicht mit der Antwort: „Weil die Firmenpolitik immer noch von Männern gemacht wird. Frauen sind im ganzen Gefüge sozialer.“ „Familienfreundlichkeit ist ein unumkehrbarer gesellschaftlicher Trend“, hofft Jürgen Beu. „Abgesehen von der ökonomischen Notwendigkeit: Immer mehr Frauen, aber auch jungen Männern, ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig. Frauen wollen zunehmend die finanzielle Abhängigkeit vom ,Ernährer’ vermeiden und die Männer Zeit mit ihren Kindern verbringen.“