Von Sabine Firouzkhah
„Man kann nicht alles nur betriebswirtschaftlich
sehen.“ Ein
Satz, der erstaunt – jedenfalls,
wenn er von der geschäftsführenden
Mitinhaberin eines erfolgreichen
und aufstrebenden Verlagshauses
kommt. Aber nicht zuletzt
dieser Einstellung verdankt
die Gesellschafterin des Verlagshauses
Hermann Ullrich (UForm),
Felicia Ullrich, einen ersten
Preis für Familienfreundlichkeit.
Dieser war Anfang Oktober
im Forum Produktdesign von
der NRW-Wirtschaftsministerin
Christa Thoben vergeben worden.
Offenheit für Familienprobleme
ist für Felicia Ullrich eine tief verwurzelte
Einstellung. „Familienfreundlichkeit
kommt aber leider
meist nur auf dem Papier vor.“
Als sie 1997 die familieneigene
Firma übernahm, stellte sie daher
die Weichen anders. Im Gegensatz
zu ihrem Vorgänger berücksichtigte
sie die Nöte von Müttern.
„Die Frauen haben das bald
erkannt und sehr schnell Verantwortung
übernommen.“
Chefin Felicia Ullrich vor der Pinnwand in ihrem Büro, an dem Bilder von Mitarbeiterkindern hängen. Fotos: Christian Beier |
Das hat sich ausgewirkt: In der Betriebsleitung
beträgt das Verhältnis
heute vier Frauen gegenüber einem
Mann.
Bei Kernarbeitszeiten mit einer
äußerst flexiblen Gleitzeitregelung
kommt das Verlagshaus
Ullrich den familiär bedingten
Bedürfnissen seiner Mitarbeiter
entgegen. Tarifgebunden können
jährlich bis zu 200 Plus- oder
70 Minusstunden übertragen
werden. In besonderen Fällen
kann selbst diese Regelung noch
einmal verändert werden. Auch
flexible Pausenzeiten sind möglich.
„Bei uns arbeitet die Leiterin
der Buchbindung 100 Stunden
im Monat. Dadurch kann sie sich
auf den Arbeitsanfall und die
Schichtarbeit ihres Mannes einstellen,
damit die Versorgung der
Tochter gesichert ist. Da unser
Arbeitsanfall saisonal unterschiedlich
verteilt ist, gleicht sich
das wieder aus.“
Auch das Auslagern von Arbeit
ist möglich: Die Lektoratsmitarbeiterin
verbringt gerade
einmal 8 ihrer 20 Arbeitsstunden
im Verlag, der große Rest entfällt
auf Telearbeit zu Hause. „Das
klappt mit dieser Mitarbeiterin
hervorragend, und das schon seit
über vier Jahren. In der Produktion
wäre das natürlich nicht
leistbar.“ Diese Maßnahmen
werden ergänzt durch flexible
Pausenzeiten, Betriebsausflüge
und Gesundheitsvorsorge (wie
etwa Rückenschulungen).
Familienfreundlichkeit biete
manchmal sogar handfeste finanzielle
Vorteile. Ullrich: „Dass
die Übernahme von Kindergartenkosten
steuerlich eine wunderbare
Lösung für den Arbeitgeber
ist, ist vielerorts gar nicht bekannt.
Wir hätten wichtige Mitarbeiter
verloren, wenn wir auf
die Belange von Frauen nicht so
viel Rücksicht genommen hätten.“
Damit sei das ein Stück weit
Egoismus – aber für beide Seiten
gewinnbringend. „Mitarbeiter
sind gut, wenn sie sich emotional
eingebunden fühlen und ihnen
die Aufgabe Spaß macht. Das
verkennen viele Männer.“
Damit sind es nicht nur die
einzelnen Maßnahmen, die Familienfreundlichkeit
ausmachen.
Der Verlag gibt Unterrichtsmaterial
für Berufsausbildung
und Prüfungen heraus und
ist in ganz Deutschland bekannt.
Gegründet wurde er 1897 in Solingen
als Druckerei von Hermann
Ullrich |
Es ist auch ein anderer Ton. „Wir
kennen alle Kinder unserer Mitarbeiter“,
lächelt Felicia Ullrich.
„Im Betrieb werden Baby-Sachen
getauscht; später werden wir
dann bei Sponsorenläufen um
eine Spende gebeten.“ Es gebe sogar
das „U-Form-Körbchen“:
„Diesen Tragekorb hat meine
Mutter mir zur Geburt meines
ältesten Sohnes geschenkt – mittlerweile
haben schon sieben UForm-
Babys darin gelegen. Und
wenn bei uns eine Mutter oder
ein Vater den Griffel fallen lässt,
weil die Schule anruft, sie müssten
dringend wegen ihrer Kinder
kommen, hat jeder Verständnis.“
Aufwand macht sich bezahlt:
Gute Fachkräfte sind rar
Den Vorteil dieses Miteinanders
für beide Seiten kann Jürgen Beu
vom Solinger Bündnis für Familie
nur bestätigen. Denn der Aufwand
und das Risiko, neue Mitarbeiter
an vielleicht wichtigen
Positionen einzuarbeiten, sei
hoch. „Die Kosten rechnen sich.“
Im Gegenzug könne der Unternehmer
in Krisensituationen auf die Loyalität seiner Mitarbeiter
rechnen. „Wir müssen weg von
der Mentalität ‚Du hast mir eine
Fridadelle geklaut’“, betont Beu.
„Immer mehr Unternehmer erkennen,
dass das der falsche Weg
ist. Denn gut ausgebildete Frauen
werden auf dem Arbeitsmarkt
gebraucht, nicht zuletzt vor dem
Hintergrund des wachsenden
Fachkräftemangels.“
Warum wohl noch nicht so
viele Firmen auf diesen Zug aufgesprungen
sind? Felicia Ullrich
zögert nicht mit der Antwort:
„Weil die Firmenpolitik immer
noch von Männern gemacht
wird. Frauen sind im ganzen Gefüge
sozialer.“ „Familienfreundlichkeit
ist ein unumkehrbarer
gesellschaftlicher Trend“, hofft
Jürgen Beu. „Abgesehen von der
ökonomischen Notwendigkeit:
Immer mehr Frauen, aber auch
jungen Männern, ist die Vereinbarkeit
von Beruf und Familie
wichtig. Frauen wollen zunehmend
die finanzielle Abhängigkeit
vom ,Ernährer’ vermeiden
und die Männer Zeit mit ihren
Kindern verbringen.“