Wirtschaftsraum Solingen 2009



Struktur wandelt sich langsam

WUPPERTAL Blick über den Tellerrand: Wie sieht die Nachbarstadt im Jahr 2020 aus? Industrie und Ikea – und Flächenbedarf.

Von Klaus Koch

Der Döppersberg ist umgebaut, und das Tor zur Stadt sieht endlich so aus, dass potenzielle Investoren nach einem ersten Blick nicht mit Schrecken in den Gliedern Reißaus nehmen; die Nordbahntrasse erhöht den Freizeitwert für die Menschen in der Stadt drastisch und lockt Touristen nach Wuppertal; die Junior- Uni hat sich im Jahr 2020 mit festem Sitz Am Brögel etabliert und zum Magneten entwickelt – einen echten Strukturwandel stellt das natürlich nicht dar.

Aber diese drei großen Projekte polieren das Image der Stadt ordentlich auf. Und ohne entsprechendes Image ist es ungleich schwieriger, Wuppertal für Unternehmen interessant zu machen. Obwohl die Stadt bis zum Jahr 2020 eine Zusage des Oberbürgermeisters längst umgesetzt hat: Wuppertal ist bis dahin eine der unternehmerfreundlichsten Städte Deutschlands. Der Haken dabei: Dieses Prädikat haben sich andere Städte mittlerweile auch schon auf die Fahne geschrieben. Wuppertal nimmt im Prognos- Zukunftsatlas keinen Platz unter den Top-Regionen ein.

Dafür mangelt es zu sehr an der Ballung langfristig bedeutender Branchen wie Logistik, Mess-, Steuer- und Regeltechnik, Informationstechnik, Gesundheitswirtschaft, hochwertige Forschung und Maschinenbau. Auch im Regionalranking des Instituts der deutschen Wirtschaft landet Wuppertal auf einem mageren Rang 293 – von 409.


Symbol für die Veränderung in Wuppertal: der Döppersberg. Simulationen: JSWD Architekten Köln
Ein gutes Drittel der Bruttowertschöpfung macht in Wuppertal die Industrie. Der Dienstleistungssektor bringt es auf rund 23 Prozent, Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister auf knapp 28 und Handel, Gastgewerbe und Verkehr auf gut 14 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigen ist seit 1991 von 43 500 auf 61 150 Euro gestiegen. Sind die Zeiten der größten Jobverluste vorbei? Klar ist wohl, dass Wuppertal auch künftig ein ungewöhnlich starkes industrielles Rückgrat haben wird – mit allen Chancen und Risiken. Denn Länder wie zum Beispiel China werden sich in Zukunft weniger als noch derzeit als Werkbank der Welt verstehen und auch verstärkt Entwicklungsleistungen im eigenen Land anbieten wollen. Trotzdem hat Wuppertal nach Überzeugung von Rolf Volmerig, Chef der Wuppertaler Wirtschaftsförderung, den größten Anpassungsprozess und damit auch Jobverlust hinter sich, entwickelt sich zusehends zum technologie-orientierten Produktionsstandort.

Einer der zahlreichen Impulse durch die Uni wird zudem dafür sorgen, dass die Gesundheitswirtschaft mehr Gewicht bekommt.

Kleinere Unternehmen suchen neue, moderne Standorte

Was allerdings die Gewerbeflächen angeht, steht Wuppertal schon bald wieder unter Druck: Der Engineering Park ist nach der aktuell starken Nachfrage im Jahr 2020 voll ausgelastet. Strategisch gilt es daher, den Bereich entlang der A 1 (Blombach Süd) als Gewerbegebiet zu vermarkten.

Die Nähe zur Autobahn macht die Lage noch attraktiver. Gleiches gilt für das A-46-Center. Die Archon Group als neuer Besitzer der ehemaligen Happich- Hallen denkt darüber nach, ob eine Sanierung oder ein Neubau auf dem gut 160 000 m² bietenden Areal sinnvoller ist. Grundsätzlich gilt laut Wirtschaftsförderung wie im Engineering Park: Es geht um große Flächen, die nach Bedarf parzelliert werden. Bedarf, den die Wirtschaftsförderung stärker als bisher im bergischen Kontext ermittelt. Und ein weiterer Trend hält bis zum Jahr 2020 an: Viele längst in Wuppertal beheimatete kleinere Unternehmen mit etwa bis zu 20 Mitarbeitern suchen neue modernere Standorte.

Die Lücken, die sie an ihren alten Stätten (unter anderem entlang der Talachse) hinterlassen, werden sich nicht immer als Gewerbefläche vermarkten lassen. Klare Aussage deshalb: Wie bei Elba entsteht im Stadtgebiet die Chance zur Errichtung neuer Wohneinheiten. Und der Handel? Volmerig rechnet fest damit, dass der umgebaute Döppersberg zu einer Belebung führt – auch im südlichen Teil der Straße Wall. Kaufkraft wird in der Stadt gehalten. Für Barmen sieht er ohnehin eine gute Entwicklung. Und Ikea hat im Jahr 2020 den Betrieb längst aufgenommen, eine Eröffnung im Jahr 2014 würde Volmerig nicht überraschen.



Gut jede vierte Stelle im verarbeitenden Gewerbe

Export: Der Exportanteil der Industrie ist seit 1977 von 20 auf rund 45 Prozent gestiegen.

Beschäftigtenanteile: Die größten Anteile an der Beschäftigung haben mit knapp 27 Prozent das verarbeitende Gewerbe, mit 19 Prozent die Dienstleister, mit 15 Prozent der Handel, mit 7,6 Prozent die öffentliche Verwaltung.

Industrie-Beschäftigte: Die Zahl der Beschäftigten in der Industrie ist seit 1990 um rund 31 000 gesunken. Das ist ein Rückgang von fast 53 Prozent. NRW hat ein Minus von 36 Prozent.

Sozialversicherungspflichtige: Rund 151 000 Menschen gingen noch 1992 einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nach. Aktuell sind es zirka 114 000. Frauen haben einen Anteil von 45 Prozent, Ausländer einen von 10.

Junge Menschen: Einer Herausforderung jedoch steht auch die Wirtschaftsförderung, die bis 2020 viel enger mit den Initiativen aus Solingen und Remscheid kooperiert, ohne Antwort gegenüber: Junge Menschen in Beschäftigung zu bringen, denen es an einer ausreichenden Ausbildung fehlt und die Mängel im Sozialverhalten haben. Das bleibe extrem schwierig – und hat doch so viel mit der Zukunftsfähigkeit zu tun.