| Wirtschaftsraum Solingen 2009 |
| Zum Nachdenken: Das Museum Plagiarius
PRODUKTPIRATERIE
Auch in Solingen hat man sich an Vorbildern orientiert – spricht aber nicht mehr groß darüber.
|
|
Von Prof. Dr. Jörg Becker
Nicht jedes Museum ist nur ein
Museum. So manches Museum
ist gleichzeitig auch ein kleines
Propagandainstrument. Zum
Beispiel das Plagiarius-Museum.
Da gab es 1845 für 500 Taler
einen Vertrag zwischen der Solinger
Handelskammer und dem
Handwerker Hermann Grah
über eine Reise nach England. Er
solle dort nämlich die „Art und
Weise des Schmiedens, namentlich
die in England übliche Anschweißung
der Kröpfe, die Einrichtung
der Schleifereien, die
dazu anzuwendenden Materialien,
die Hornpresserei, die Schalenschneiderei
und die dortigen
Bezugsquellen und Preise der
Rohstoffe, sowie die zur Erleichterung
der Fabrikation dort eingeführten
Maschinen“ erkunden
und „möglichst genaue Zeichnungen“
mitbringen. Übrigens
meinte die Solinger Handelskammer
diesem Vertrag noch
hinzufügen zu müssen, „das
Ganze sei vorwiegend eine Sache
des Vertrauens“.
Klar. Das sollte eine Sache des
„Vertrauens“ bleiben, und es
sollte öffentlich nicht bekannt
werden, denn Patentklauereien
und Industriespionage hatten
schon damals einen durchaus
schalen Beigeschmack.
Was sowohl die Solinger
Kommunalgeschichte als auch
die allgemeine Technik- und Industriegeschichte
seit langem
und sehr fundiert weiß, zeigt sich
drastisch auch an dieser Solinger
Aufforderung zur Industriespionage
von 1845: Wo immer sich
eine Region oder Volkswirtschaft
anschickt, den mühsamen Weg
der Modernisierung und Industrialisierung
zu gehen, besteht ihr
erster Schritt in der Imitation.
Völlig bedenkenlos und ungehemmt
kupfern die verspäteten
Modernisierer bei denen ab, die
technisch weiter fortgeschritten
sind. In der Sozialwissenschaft
nennt man diesen Vorgang gerne
„nachholende Modernisierung“.
In den sechziger und siebziger
Jahren des letzten Jahrhunderts
erlebte man diese Phänomene
und Diskussionen gegenüber Japan.
Da die heraufziehende technische
Großmacht Japan den
USA und Westeuropa zu einer
ernsten Weltmarktkonkurrenz
zu werden schien, setzte in der
Öffentlichkeit ein unerträgliches,
leicht rassistisches Japan-Bashing
ein. Haupttenor: Die Japaner
sind unfähig, eigene Erfindungen
zu machen; sie können nur unsere
Technologie klauen.
Das Museum Plagiarius am ehemaligen Hauptbahnhof: Würde ihm ein chinesischer Partner gut tun? Archivfoto: Beier |
„China kann und will
sich das Imitieren
nicht mehr leisten.“
Dieses Argument – damals gegen
Japan, heute gegen China – übersieht
nicht nur die eigenen historischen
Erfahrungen bei der Industrialisierung
in Europa, sondern
übersieht, dass dem Patente-
Klauen zwei Momente zugrunde
liegen, die man technisch
und volkswirtschaftlich als ausgesprochen
positiv werten muss.
Zum einen klaut nur derjenige,
der eine hohe Motivation für
wirtschaftlichen Aufstieg hat und
ausgesprochen neugierig ist.
Zum anderen darf nicht vergessen
werden, dass nur derjenige
technische Ideen klauen kann,
der sich bereits selber ein erhebliches
technisches Vorwissen erarbeitet
hat. Technische Imitation
setzt also Neugierde und technisches
Vorwissen voraus, zwei unumgängliche,
nahezu ideale Voraussetzungen,
um eine Volkswirtschaft
zu modernisieren und
dynamisieren.
Genau diesen Weg ist Japan
von 1945 bis heute sehr erfolgreich
gegangen. Inzwischen ist
Japan längst den Kinderschuhen
einer „nachholenden Modernisierung“
entwachsen und steht
mit der Anzahl von Patenten pro
Jahr nach den USA und vor
Westeuropa an zweiter Stelle der
Weltpatentstatistik. Längst ist Japan
nicht mehr das Land, das nur
wenige Technologien beherrscht
und in nur wenigen Industriebranchen
riesige Stückzahlen für
den Export produziert. Längst
auch ist Japan eine der weltweit
führenden Technologiemächte
geworden – und mit einer umfassenden,
ausgewachsenen und
großen Technologiemacht kann
Deutschland, eine andere große
Technologiemacht, sehr viel bessere
Geschäfte machen als mit
kleinen und armen Ländern.
Vor dieser Folie eigener historischen
Erfahrungen und eines
globalisierten Technologiemarktes
kommt das Solinger Museum
doch ein wenig simpel gestrickt
daher. Die Ausstellungsexponate
und die gesamte Konzeption verweisen
dieses Mal nicht auf Japan,
sondern zumeist auf China
als „den großen Bösewicht“. Das
ist aus weiteren Gründen mehr
als problematisch. Mit seiner
enormen volkswirtschaftlichen
Kraft, mit seinen immens großen
Währungsreserven, seiner bewundernswerten
Fähigkeit, mit
der gegenwärtigen Finanzkrise
viel besser umzugehen als
Deutschland, mit vielen eigenen
technologischen Innovationen
und High-Tech-Gütern ist China
seit langem nicht mehr nur das
Land der Billiglohnkräfte.
30 der 500 Spitzenuniversitäten
haben ihren Sitz in China
China ist gleichzeitig auch das
Land, in dem jährlich vier Millionen
junge Chinesen einen Universitätsabschluss
machen. Im
letzten Jahr waren bereits 30 chinesische
Hochschulen unter den
500 Spitzenuniversitäten der
Welt vertreten. Vor diesem Hintergrund
steht China zur Zeit genau
an der Schwelle, an der es
sich das Klauen und Imitieren
westlicher Technologien nicht
mehr leisten kann und will.
Dementsprechend gibt es nun
auch innerhalb Chinas immer
mehr Gerichtsverfahren, in denen
sich chinesische Firmen gegen
den Patentklau anderer chinesischer
Firmen zur Wehr setzen.
Mit anderen Worten: China
hat das Klauen nicht mehr nötig,
hat den ersten und wichtigsten
take-off einer „nachholenden
Modernisierung“ mit großer
Bravour hinter sich gebracht.
In einer solchen Phase ist Kooperation,
nicht Konfrontation
angesagt, auch und gerade im Interesse
der deutschen und der
Solinger Industrie. Wenn eine
Firma wie Zwilling nicht nur in
China fertigt, sondern dort den
zweitgrößten Absatzmarkt nach
den USA hat (von 2007 auf 2008
plus 40 %) und wenn eine andere
Solinger Firma, die Firma Zweibrüder,
ihre gesamte Produktpalette
in China produziert, dann
ist der Nutzen für diese Firmen
offensichtlich höher als der oft
unterstellte Schaden etwa durch
Patentklau; sonst würden sie keinen
Handel mit China betreiben.
Und nach wie vor steht China bei
einer Umfrage von Ernst &
Young unter Top-Managern auf
Platz 1 einer Liste der attraktivsten
Länder für Investitionen.
Zwar wird über den Schaden
von Produktpiraterie viel geschwätzt
und geschrieben, doch
ist es schwierig, diesen Schaden
genau zu bestimmen. Am einfachsten
ist noch der einzelne,
konkrete Fall. Hier wird man sich
schnell auf den betriebswirtschaftlichen
Verlust einigen können.
Volkswirtschaftlich ist ein
Schaden jedoch viel schwieriger
zu berechnen, da die meisten
vorliegenden Zahlen lediglich auf
Schätzungen von Unternehmensbefragungen
zurückgehen,
also keine realen Zahlen sind.
Oder es handelt sich um hochgerechnete
Zollstatistiken nach
Einzelfunden von Fakes und
Produktpiraterie. Solches Zahlenmaterial
ist weniger seriös als
vielmehr PR-Material von Unternehmensverbänden.
Das Plagiarius-Museum ist
bestenfalls provinziell. Vielleicht
finden die Verantwortlichen eine
chinesische Industrie- und Handelskammer,
mit der man das
Museum gemeinsam betreiben
könnte, vielleicht ein deutschchinesisches
Museum für Technologietransfer?
Auch der alte, große Werner
von Siemens – preußischer Offizier,
Erfinder, Weltkonzerngründer,
liberaler Politiker und Abgeordneter
des Solinger Wahlkreises
im preußischen Landtag von
1862 bis 1866 – wusste um den
Wert des Patente-Klauens. Da
schrieb er 1877 an seinen Bruder
Karl Siemens (natürlich vertraulich,
nicht öffentlich): „Heute erhielt
ich von Professor Graham
Bell einen kurzen, an Siemens &
Halske gerichteten Brief, worin
er sagt, es sei das Gerücht verbreitet,
wir fabrizierten und verkauften
Telephone. Ich habe ihm
geantwortet, es sei ganz richtig,
dass wir Telephone seiner Konstruktion
anfertigten und verkauften.
Da er versäumt hätte,
rechtzeitig ein Patent in Deutschland
auf seine schöne Erfindung
zu nehmen, so würde sich daran
auch nichts ändern lassen.“
| |