| Wirtschaftsraum Solingen 2009 |
| Mehr Feuer in Asien machen
CARL MERTENS
Firma von der Krahenhöhe eröffnet zwei Läden in chinesischen Warenhäusern. Weitere folgen.
|
|
Von Robert Franz
Wenn Curt Mertens über den
Fernen Osten spricht, kommt er
schnell ins Schwärmen. Anders
als viele andere Unternehmer
sieht er in den asiatischen Märkten
ein großes Potential für seine
Besteckfabrik, die er gemeinsam
mit dem zweiten Gesellschafter,
Detlev Stocke, führt: „Made in
Germany hat dort einen hohen
Stellenwert“, erklärt Curt Mertens,
der erst vor wenigen Tagen
aus Shanghai zurückgekehrt ist.
Dort hat das Unternehmen bereits
den zweiten Shop in einem
chinesischen Warenhaus eröffnet.
Der erste entstand im Sommer
in der Hauptstadt Peking, 90
Jahre nach der Firmengründung.
Zwei weitere Shops sollen in den
nächsten drei Monaten folgen.
Neben dem guten Ruf der
Produkte aus Solingen gibt es für
den Unternehmer weitere Gründe,
warum das asiatische Land zu
einem Schwerpunktmarkt geworden
ist: Neben der Tischkultur
ist das vor allem das große Interesse,
das die wachsende Mittelschicht
an hochwertigen Geschenkartikeln
hat. „Viele junge
Menschen in den großen Metropolen
orientieren sich stark an
westlichen Marken.“
So dürfe es ruhig etwas mehr
kosten, wenn die Produkte aus
Deutschland kommen. Derzeit
sind es vor allem Geschenkartikel
und Accessoires aus Solinger
Herstellung, die in den chinesischen
Kaufhäusern über den Ladentisch
gehen. Und obwohl die
ersten Verkaufszahlen noch
nicht ausgewertet sind, erfreut
sich Mertens doch schon an Chinas
Kaufbereitschaft. Information
und Beratung würden groß
geschrieben.
Obwohl das Solinger Unternehmen
schon seit 30 Jahren Beziehungen
zum Fernen Osten
pflegt, war der erste Kontakt mit
China für den Unternehmer eine
Überraschung.
Curt Mertens (r.) und Detlev Stocke mit der Feuerstelle „Apoll“, die mit dem „red dot“-Designpreis ausgezeichnet wurde. | Auf dem Weg vom Flughafen Shanghais ins
Zentrum von Pudong entdeckte
er zunächst das Werbeschild eines
großen Solinger Mitbewerbers.
Das hielt ihn nicht davon
ab, selbst erste seidenfeine Drähte
ins Reich der Mitte zu spinnen.
Vor allem der persönliche Kontakt
bedeute dort sehr viel.
Nach einigen Jahrzehnten im
Exportgeschäft hat man am
Stammsitz an der Krahenhöhe
die Erfahrung gemacht, gerade
als kleines Unternehmen nichts
dem Zufall zu überlassen. Während
die ersten Geschäftsbeziehungen
der Firma Carl Mertens
noch über ein Bremer Handelshaus
abgewickelt wurden, bestimmen
heute in Solingen getroffene
strategische Entscheidungen,
welche Zielmärkte mit
Bestecken und Geschenkartikeln
für Tisch und Tafel bedacht werden
sollen.
Auch organisatorisch hat sich
das Unternehmen voll auf das
Exportgeschäft eingestellt. Für
Curt Mertens selbst beginnt das
bereits morgens vor dem ersten
Gang zur Kaffeemaschine: Dann
gilt es mit den Partnern in Fernost
zu telefonieren, bevor diese
wegen der Zeitverschiebung von
sechs und mehr Stunden bereits
in den Feierabend gehen. Auch
die Mitarbeiter sind in das Geschäft
mit China einbezogen, etwa bei Messen. Claudia Brüngel,
die das Exportgeschäft leitet,
war mehrfach in China unterwegs.
Mertens: „Ihr macht die
Arbeit mit den asiatischen Geschäftspartnern
großen Spaß.“
Grundsätzlich ist dem geschäftsführenden
Gesellschafter
die Identifikation seiner Mitarbeiter
mit dem Unternehmen
äußerst wichtig. Nur so sei er in
der Lage, schnelle Entscheidungen
treffen zu können, die ohne
den Rückhalt der Belegschaft
nicht möglich wären. Ein wichtiges
Kriterium, wenn man den
Mehrwert aus dem Design der
Produkte gewinnt.
Die Firma wurde 1919 als Lohnschleiferei für Taschenmesserklingen gegründet.
Im Bild: die Gesellschafter und Mitarbeiter Seyed Irani. Fotos: Christian Beier |
„Es zahlt sich aus,
dass wir bergische
Knösterpitter sind.“
Curt Mertens Geschäftsführer
Sein Ziel verfolgt er im Wesentlichen
mit Produkten, deren Formen
puristisch und zeitlos sind.
Zielgruppe sind Kunden, die
Wert auf etwas Besonderes legen.
Dabei spielt auch die Marke
„Carl Mertens Solingen, Germany“
eine große Rolle. Sie wurde
frühzeitig auf dem chinesischen
Markt geschützt.
Entscheidendes Verkaufskriterium
sind mehr und mehr die
mit den Produkten verbundenen
Designpreise. Mertens: „Das Besondere
bei uns sind das deutsche
Design sowie die Rituale,
mit denen sich die Manufaktur
und die Designer befassen.“ Die
erste Ehrung für Carl Mertens
gab es 1964; mittlerweile gibt es
jährlich Auszeichnungen für
Neuentwicklungen. Welche
Neuheit das Rennen macht, ist
für den Firmenchef selbst immer
wieder eine Überraschung: „Es
gewinnen manchmal gerade die
Produkte, mit denen du nicht gerechnet
hast “, so Mertens.
Für Partner Detlev Stocke war
die klare Linie der Solinger Firma
ein Grund einzusteigen. Stocke
sieht in der Designschmiede ein großes internationales Potential.
Für die Mitarbeiter stellt die Zusammenarbeit
mit international
anerkannten Designern wie
Carsten Gollnick eine besondere
Herausforderung dar. Vor allem
für die Werkzeugmacher, die wesentlich
dazu beitragen, dass aus
einem hübschen Entwurf später
ein stabiles Produkt wird. Denn
auch wenn der Designer seine
Handschrift wiederfinden will,
müssen immer Kompromisse
gefunden werden, damit neue
Geschenkartikel, Messer, Gabeln
oder Löffel überhaupt hergestellt
werden können.
„Da zahlt es sich aus, dass wir
im Grunde hier im Bergischen
Knösterpitter sind“, meint Curt
Mertens, der sich mit seinen Mitarbeitern
bei kniffligen Aufgaben
in die Werkshalle zurückzieht,
bis etwas Gescheites herauskommt.
Hier zeigt sich die besondere
Bedeutung des Standortes
Solingen für das Unternehmen.
Denn für die Herstellung
von Bestecken und Accessoires
ist ein Netzwerk von Spezialisten
nötig – bis hin zum Stahlhändler,
der notfalls auch in einer Stunde
liefern kann.
Renaissance der Handarbeit
Wichtig für den Standort sind
zudem die qualifizierten Handwerker,
etwa Metallschleifer, die
ihren Beruf lieben. Deren Arbeit
sei von vielen Unternehmen in
Solingen gerade in den letzten
Jahrzehnten unterschätzt worden.
Mertens: „Zum Glück gibt
es heute wieder mehr junge Menschen,
die sich für die Arbeit in
einer Manufaktur interessieren.“
Mit genau diesen Mitarbeitern
wirbt Mertens inzwischen auch
bei den Messen. „Bilder aus der
Produktion zeigen vor allem den
Kunden in Ländern wie China,
dass wir das Zeug haben, um
Kulturgüter zu fertigen, für die
ein hohes Maß an Handarbeit
nötig ist.“ Das werde in Fernost
als besonderes Qualitätsmerkmal
angesehen: „Du musst rüberbringen,
dass du der Master bist.“
| |