Wirtschaftsraum Solingen 2009



Glück ist einfach ansteckend

„DAS FORREST-GUMP-PRINZIP“ Was kann man von einem schlicht gestrickten, aber sehr erfolgreichen Menschen lernen?

Von Renate Schmidt

Wer kennt ihn nicht, den Film Forrest Gump, der auf der gleichnamigen Literatur-Vorlage von Winston Groom basiert? Es geht darin um einen sehr einfach gestrickten Mann. Einen Mann, mit einem Intelligenzquotienten von 75, der als Kind wegen eines Wirbelsäulenschadens Beinschienen tragen musste, der keine Freunde hatte und somit auf das Wohlwollen seiner Mutter angewiesen war.

Trotz seines vermeintlichen Defizits, seines unterdurchschnittlichen IQs, feiert er im Laufe seines Lebens einen Erfolg nach dem anderen: Er begegnet Elvis Presley, John F. Kennedy, John Lennon und Richard Nixon. Er bringt aus Versehen die Watergate-Affäre ans Tageslicht, taucht bei den Rassenunruhen in Tuscaloosa, im Vietnamkrieg und auf den großen Bürgerrechtsdemonstrationen in den USA auf. Er erfindet während des Joggens den Spruch „Shit happens!“ sowie den Smiley. Dazu ist er erfolgreicher Shrimps-Fischer und Apple-Aktien-Millionär. Das alles ohne große Anstrengung. Genau diese Einfachheit, mit der es Forrest Gump schafft, so erfolgreich zu sein, fehlt uns oft in der Gestaltung unseres täglichen Lebens. Wir schimpfen über die Schnelllebigkeit unserer Zeit, über Leistungsdruck, die Krise – irgendeine gibt es ja immer – wenig kooperative Kollegen und gar nicht kooperative Kinder. Und wenn uns ein Bekannter auf der Straße fragt: „Wie geht’s dir?“, dann machen wir mit unserer Antwort: „Es muss ja!“, deutlich, welcher Druck auf uns lastet und dass wir nur versuchen, uns tapfer zu halten. Wir warten auf das Wochenende, den nächsten Urlaub, das Jahresende, auf bessere Zeiten – und dabei vergessen wir was, was tatsächlich zufrieden macht: Das Leben im Hier und Jetzt.


Das Buch erschien im Cornelsen Verlag (ISBN-13: 978-3589236688, 171 Seiten, gebunden, 18,95 Euro).
Einige kleine Korrekturen im Denken und Handeln reichen aus Genau da setzt das Forrest- Gump-Prinzip an: Mit ein paar kleinen Korrekturzügen im Denken und Handeln können wir die Leichtigkeit und die Einfachheit in der Gestaltung unseres Lebens wiedergewinnen. Wenn Forrest Gump läuft, dann läuft er, wenn er fischt, dann fischt er, und wenn er Ping-Pong spielt, dann tut er nur das. Er gibt sich einer Sache ganz und gar hin und gibt sein Bestes. Nicht für die Anerkennung anderer, nicht für sein Image, sondern aus einer inneren Motivation heraus, die ihn jede Aufgabe mit Freude tun lässt, mit jener Hingabe, die der amerikanische Psychologe Mihaly Csikszentmyhalyi als „Flow“ bezeichnet.

Dabei ist die Begeisterung bei ihm nicht nur ein Strohfeuer, das uns den ersten Schritt hüpfend und den zehnten gar nicht mehr gehen lässt, sondern ein ausdauerndes Brennen, das er bei jedem seiner Vorhaben neu entwickelt, und zwar auch dann, wenn die Idee gar nicht aus ihm selbst kommt.

Nun mögen wir sagen: „Aber dafür braucht man Zeit“ und uns gleich fragen, wie viel Zeit wir gewinnen, wenn wir eine andere Verhaltensweise des Forrest- Gump-Prinzips umsetzen: den wertfreien Umgang mit Menschen und Situationen. Forrest Gump bewertet nicht, weder sein eigenes Verhalten noch das anderer Menschen. Er begegnet jedem Einzelnen mit größter Offenheit und ganz ohne Vorverurteilung und Nachrede. Niemals verliert er ein negatives Wort über Menschen und deren Verhalten, und selbst als seine Jugendliebe Jenny Steine in das Haus ihres Vaters wirft, der sie als Kind missbraucht hat, sagt Forrest nur: „Ich glaube, manchmal gibt es nicht genug Steine.“ Er unterstellt auch niemandem im Gespräch Böswilligkeit oder Arglist, sondern vertraut auf die gute Absicht der anderen. Er selbst verzichtet völlig darauf, über Sprache eine bestimmte Wirkung zu erzielen. Wenn er sich vorstellt, sagt er: „Mein Name ist Forrest. Forrest Gump.“ Er sagt nicht: „Mein Name ist Gump, Inhaber der Bubba-Gump-Shrimps-Company, Weltmeister im Tischtennisspielen, Aktionär bei Apple und Träger der Tapferkeitsmedaille.“

„Wirklich zufrieden macht das Leben im Hier und Jetzt.“

Diese Tapferkeitsmedaille erhält er für seinen Einsatz im Vietnam- Krieg. Er begibt sich gegen jegliche Vernunft und gegen den Befehl seines Captains immer wieder in die Feuerhölle und rettet einen seiner Kameraden nach dem anderen. Dabei lässt er sich nicht von seiner Angst regieren oder von seinem Verstand steuern, der ihm sagen würde, dass er sich selbst in höchste Gefahr begibt, sondern er handelt rein intuitiv. Etwas, das wir uns, beginnend mit dem Jahr 469 v. Chr., als Sokrates die Vernunft postulierte, weitgehend abtrainiert haben. Erst allmählich wächst in uns wieder ein Bewusstsein dafür, dass die Intuition oft nicht nur der schnellere, sondern oft auch der bessere Ratgeber ist als der Verstand.

Die noch junge Wissenschaft, die positive Psychologie, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema Glück, nicht nur für den Einzelnen, sondern auch als Wirtschaftsfaktor, und ist bei einer ihrer letzten Studien zu dem Ergebnis gekommen, welche Eigenschaften bzw. Verhaltensweisen das Glücklichsein begünstigen. Die sechs wichtigsten sind demnach: Neugierde (wer neugierig bleibt, der kann sich auch begeistern), Enthusiasmus (möglichst viel von dem, was man tut, mit Leidenschaft zu tun), Dankbarkeit (nicht zu hohe Erwartungen haben, sondern sich an dem freuen, was ist), Ausdauer (die den Erfolg begünstigt und damit zur Zufriedenheit führt), Bindungsfähigkeit (soziale Kontakte knüpfen und pflegen) sowie Humor (die Fähigkeit, auch über eigenes Missgeschick zu lachen).

Renate Schmidt, Unternehmensberaterin: Die gebürtige Solingerin ist seit 18 Jahren selbstständig und bundesweit als Personalentwicklerin sowie als Coach tätig. Sie ist Inhaberin der Firma Schmidt & Partner GbR.
Wen wundert es da, dass Forrest Gump nicht nur ein erfolgreicher, sondern auch sehr glücklicher Mensch ist, denn er erfüllt fünf dieser Kriterien. Bloß den Humor finden wir bei ihm kaum, vielleicht brauchen wir dafür doch einen IQ, der höher ist als 75.

Wenn es uns gelingt, mit Hilfe des Forrest-Gump-Prinzips die Einfachheit wiederzuentdecken, dann erhöhen wir damit unsere Disposition zum Glücklichsein. Forscher von der University of California und der Harvard University haben in einer groß angelegten Studie nicht nur nachgewiesen, dass die Fähigkeit, glücklich zu sein, den Erfolg begünstigt, sondern auch, dass Glück ansteckend ist – und zum Beispiel glückliche Nachbarn das eigene Glücksempfinden mit einer Wahrscheinlichkeit von 34 Prozent steigern, glückliche Vorgesetzte die Motivation ihrer Mitarbeiter erhöhen. Wer sein eigenes Glücksempfinden steigert, verhilft damit auch anderen zum Glück und der Wirtschaft zum Gedeihen. Ein guter Grund, hin und wieder mal ein bisschen Forrest Gump zu sein.