Wirtschaftsraum Solingen 2009



Gründliche Vorbereitung ein Muss

EXISTENZGRÜNDUNG Viele Migranten machen sich selbstständig. Doch nicht alle haben Erfolg. Drei Beispiele, wie es besser geht.

Von Sabine Firouzkhah

Es ist eine Erfolgsgeschichte: Vor zwei Jahren machte sich Murat Sevinc aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig. „In der Baubranche sieht es duster aus, was neue Jobs angeht“, sagt der 30- Jährige. „Ich habe dann an meine Erfahrungen angeknüpft und mich im Bereich Trockenbau und Altbausanierung selbstständig gemacht.“ Es begann mit einer Anfrage bei der Arbeitsagentur und einer kostenlosen Beratung durch das Gründer- und Technologiezentrum. Danach ging alles ganz schnell. „25 Euro für die Anmeldung“, erinnert sich Murat Sevinc – und er stand auf eigenen Beinen. Der Anfang war allerdings nicht ganz einfach, obwohl Sevinc eine achtstündige individuelle Beratung im Gründer- und Technologiezentrum erhalten hat. „Das Seminar hätte für meinen Geschmack ruhig noch länger dauern können“, sagt er. Die Realität entsprach nicht immer der Theorie.

Sevincs Markenzeichen: Qualität, Flexibilität und ein unermüdlicher Arbeitseinsatz. „Ich arbeite 10 bis 14 Stunden täglich.“ Unterstützung erfahre er aus der Familie, besonders durch seinen Schwiegervater. Klassische Marketinginstrumente nutzt Sevinc so gut wie gar nicht: „Ich habe einen großen Bekanntenkreis und lebe in der Hauptsache von Mundpropaganda.“ Auch er schaffte den Sprung nach oben, und das in recht großem Stil: Im Jahre 2000 machte sich Süleyman Iskanli selbstständig mit der Firma imtec, Entwicklung von individuellen Regalsystemen, Schutzeinhausungen und Büromöbeln. Bei ihm war nicht die Arbeitslosigkeit der entscheidende Motor für die Gründung, sondern ein Tipp von Seiten seines damaligen Arbeitgebers. Daher ist Iskanli der Firma item noch heute als Partner verbunden: „Wir beziehen unsere Produkte dort.“


Die gebürtige Serbin Sladjana Tineo hat sich selbstständig gemacht: mit einer Beratungsfirma, die Unternehmer mit Migrationshintergrund auf den deutschen Markt vorbereitet. Fotos: Christian Beier
Heute verfügt das junge Unternehmen an der Löhdorfer Straße über einen Kundenstamm nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Österreich und Holland. Iskanli versteht seine Firma als eine große Familie. Für die 15 Mitarbeiter verschiedenster Nationalitäten herrscht Gleitzeitregelung, bei Bedarf wird aber auch in Tagund Nachtschichten gearbeitet. „Damit sind wir nicht nur ideenreich und qualitativ sehr gut, sondern auch konkurrenzlos schnell.“

Schwierigkeiten für „Ausländer“? Er habe seiner Firma bewusst einen unverfänglichen Namen gegeben, sagt der gebürtige Türke. „Wenn jemand hört, das ist ein türkisches Geschäft, hält er uns sehr schnell für unzuverlässig oder denkt an Billigimporte.“ Dabei ist das Gegenteil der Fall. Iskanli: „Ich lebe und arbeite in Deutschland, also muss ich auch den deutschen Markt stärken.“

Anteil der selbstständigen Migranten wächst

Existenzgründung hat Konjunktur: Laut einer Befragung der KfW-Bankengruppe im Jahre 2006 wollen sich in naher Zukunft 2,7 Prozent der Deutschen selbstständig machen; bei den Migranten sind es sogar 6,4 Prozent. In Solingen gebe es etwa 1400 Unternehmer mit Migrationshintergrund, weiß Bernd Clemens, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung sowie des Gründer- und Technologiezentrums (GuT). Auch in Zukunft werde der Anteil der Migranten wachsen: „Wir haben etwa 500 Beratungsfälle pro Jahr; davon stammen etwa 60 Prozent von Migranten.“

Nicht für jeden Menschen empfehle sich die Selbstständigkeit, betont sein Kollege Frank Hölscheidt. Nicht unwichtig seien Kernkompetenzen wie Fachwissen, Kenntnisse der deutschen Sprache und ein gutes kaufmännisches Wissen, fasst der GuT-Geschäftsführer zusammen. Letztendlich entscheidend sei jedoch die Persönlichkeit eines Gründers. Auf jeden Fall gelte: „Eine gründliche Beratung und Vorbereitung ist sehr wichtig. Ein paar Stunden reichen da nicht.“

Existenzgründer mit Migrationshintergrund rücken immer stärker in den Fokus des öffentlichen Interesses. „Im Rahmen des KommIn-Projektes werden mit Förderung des Landes NRW und Unterstützung durch die Agentur IMAP zur Zeit konkrete Daten zum Thema erhoben und Expertenanhörungen durchgeführt“, erläutert Hölscheidt. 50 000 Euro aus Landesmitteln stehen für dieses Teilprojekt zur Verfügung; im November sollen erste Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Dass „KommIn“ in Solingen zustande kam, geht auf die Bemühungen von Anne Wehkamp zurück, der Integrationsbeauftragten der Stadt.

Besondere Schwierigkeiten für ausländische Gründer?

„Es gibt viele ausländische Unternehmen, die wieder scheitern. Denn sie sehen sich besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt.“ Das sagt Sladjana Tineo. Die gebürtige Serbin ist selbst Existenzgründerin und hat sich vor kurzem mit einer Beratungsfirma für Migranten selbstständig gemacht. „Unternehmer mit Migrationshintergrund sind sehr im Nachteil. Viele Informationen fehlen ihnen. Sie gründen oft unvorbereitet, viel zu schnell und viel zu unüberlegt.“

Sehr oft geschehe die Gründung aus der Arbeitslosigkeit heraus, aus der Befürchtung, keinen Job mehr zu bekommen. Dabei sei die Auswahl der von Migranten bevorzugten Branchen sehr eng: „Pommesbuden, Obstläden, Handyverkauf, Cafés. Ich würde mir hier eine deutlich höhere Selbstständigkeit in der Industrie, in der Produktion und bei Pflegeberufen wünschen. Oft werden persönliche und fachliche Kompetenzen nicht genügend genutzt – wer zum Beispiel zehn Jahre geschliffen hat, ist nicht unbedingt für eine Pommesbude geeignet!“

Eine größere Vielfalt wünscht sie sich auch für ausländische Jugendliche. „Sie finden oft nur bei deutschen Unternehmen Ausbildungsplätze. Daher wünsche ich mir mehr ausländische Ausbildungsbetriebe; viele von ihnen wissen gar nicht, dass sie ausbilden können.“ Deshalb setzt das Service-Center für Migranten auf mehreren Ebenen an: mit individueller Beratung und mit Crashkursen (Rechnungswesen, Personalwesen, Lohnbuchhaltung, Marketing) für ausländische Unternehmen sowie mit Hilfestellung für junge Berufsanfänger.

Zweimal jährlich eine kleine Fachmesse für Migranten

Das Service-Center für Migranten versteht sich als zentrale Anlaufstelle. Dafür hat Sladjana Tineo eine kleine Fachmesse ins Leben gerufen: Zweimal jährlich findet eine Informationsveranstaltung statt, an der sich Kooperationspartner wie die Türkisch/ Deutsche IHK, die Deutschhellenische Wirtschaftsvereinigung, der Caritasverband sowie das Gründer- und Technologiezentrum beteiligen. Davon erhofft sich Tineo mehr als nur eine reine Vermittlung von Fachwissen: „Wir brauchen eine stärkere Vernetzung der ausländischen Unternehmen“, ist die Fachfrau überzeugt.