Wirtschaftsraum Solingen 2008



Massenphänomen Plagiat

( Von Christine Lacroix )

Christine Lacroix, Geschäftsführerin der Aktion Plagiarius, mit Ausstellungsstücken für das Museum im Südpark.
Foto: Christian Beier
Produkte „Made in Germany“ stehen weltweit für Qualität. Dabei wurde die Herkunfts-Bezeichnung ursprünglich in Zeiten der Industrialisierung im 19. Jahrhundert von den Briten eingeführt, um deutsche, minderwertige Plagiate zu kennzeichnen. Aktuell durchlebt China die Phase des „Lernens durch Nachahmen“. Was einst als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich im 21. Jahrhundert zu einer professionellen Industrie entwickelt.

Mitverantwortlich für die explosionsartige Ausbreitung sind Globalisierung, technischer Fortschritt und anonyme Vertriebswege wie das Internet. So genannte Freizonen entpuppen sich als blühende Umschlagplätze für nachgemachte Waren.

Südostasien und Osteuropa sind zwar aufgrund (noch) geringer Lohnkosten typische Produktionsländer für Fälschungen und Plagiate. Aber: Händler und Firmen aus aller Welt kaufen diese Nachahmungen ein oder geben sie sogar in Auftrag. Mit einer Mischung aus Unwissenheit, Überforderung und Kalkül trägt der Handel dazu bei, dass in westlichen Regalen immer mehr Plagiate angeboten werden. Und die Profitspannen westlicher Händler sind meist deutlich höher als die der chinesischen Hersteller. Plagiate, Fälschungen und Raubkopien richten weltweit einen volkswirtschaftlichen Schaden an, der mehrere Hundert Milliarden Euro beträgt. Hunderttausend Arbeitsplätze werden vernichtet. Über den Status „Kavaliersdelikt“ ist man hinaus.

PLAGIARIUS

NEGATIVPREIS
„Plagiarius“rückt seit 1977 die skrupellosen Machenschaften von Nachahmern ins öffentliche Bewusstsein. Ziel ist, in Form von Öffentlichkeitsarbeit und Beratung sowohl Hersteller und Händler, aber auch Politiker, den Gesetzgeber und die Konsumenten praxisnah über Ausmaß, Schäden und Gefahren von Plagiaten und Fälschungen aufzuklären. Trophäe ist der schwarze Zwerg mit der goldenen Nase – als Symbol für die immensen Gewinne, die die Nachahmer sprichwörtlich auf Kosten anderer erwirtschaften.

MUSEUM
Seit April 2007 werden im Museum Plagiarius in Solingen mehr als 300 Originale und Plagiate aus unterschiedlichsten Branchen im direkten Vergleich gezeigt. Jeden Samstag finden um 11 und 15 Uhr Führungen statt. Gruppenführungen sind nach Anmeldung möglich. Über die Feiertage bleibt das Museum vom 24. bis 26. Dezember sowie vom 31.12. bis 1.1.2009 geschlossen. Montags ist Ruhetag.

WETTBEWERB
Innovative Unternehmen sind aufgefordert, ihre Originalprodukte sowie vermeintliche Nachahmungen einzureichen und den Plagiator (Hersteller und/oder Händler) als Preisträger des Negativpreises vorzuschlagen. Einsendeschluss ist der 10. Dezember 2008 (www.plagiarius.com).



Deutscher Mittelstand leidet unter Nachahmungen

Produkt- und Markenpiraterie schwächt die Innovationskraft der Industrie und gefährdet Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze. Der innovative Mittelstand erleidet immensen finanziellen Schaden, angefangen von Umsatzrückgängen über den Verlust von Marktanteilen, die Zerstörung der Glaubwürdigkeit der Marke bis zu unberechtigten Produkthaftungsklagen. Betroffen sind fast alle Branchen. Minderwertige (elektronische) Plagiate entlarven sich oft als „brandgefährlich“. Das unbeabsichtigte Kaufen eines Plagiats kann man niemandem vorwerfen. Den vorsätzlichen Kauf von Plagiaten und gefälschten Markenartikeln indes schon. In Bezug auf Produkt- und Markenpiraterie sind seitens der Verbraucher häufig ein mangelndes Unrechtsbewusstsein und Gleichgültigkeit festzustellen: Plagiate sind gesellschaftsfähig. Ursachen sind die Schnäppchenjäger-Mentalität sowie Unwissenheit über Schäden und Gefahren.

Solange Touristen Ausflüge zu Fälschermärkten unternehmen, kofferweise nachgeahmte Waren aus dem Urlaub mitbringen, wird das Angebot von Plagiaten und Fälschungen hoch sein. Ziel von Aufklärungskampagnen muss es sein, die Einstellung zu ändern: „Plagiate sind plump, peinlich und gefährlich.“

Auf Flohmärkten ist Skepis nötig

Es gibt Kriterien für Verbraucher. Liegt der Preis bei einem Bruchteil des Originalpreises, so wird es sich um eine Fälschung handeln. Der Vertriebsweg kann Hinweise liefern: Im Fachhandel kann man sicher sein, Originalware zu bekommen. Skeptisch sollte man bei Internetkäufen und auf (Floh-)Märkten sein. Ist auf einer Website kein Impressum genannt oder bei Rückfragen niemand erreichbar, so sollte man Abstand nehmen. Die Produkt- und die Verpackungsqualität liefern ebenso Anhaltspunkte wie etwa (korrekte) Bedienungsanleitungen, Garantiezertifikate und Etiketten. Oftmals werden auch die Markennamen leicht variiert, z.B. Grohi statt Grohe, Shrap statt Sharp, albi statt alfi, addidas statt adidas.

Die Möglichkeiten für Firmen, vorzubeugen oder sich zu wehren, sind mannigfaltig. Wichtigste Maßnahme ist das Eintragen von Gewerblichen Schutzrechten in allen relevanten Märkten – und die anschließende Durchsetzung. Gewerbliche Schutzrechte sind auch Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit dem Zoll in Form der Grenzbeschlagnahme. Regelmäßige Marktbeobachtungen (Messe, Handel, Internet) sind unerlässlich. Je nach Branche kann der Einsatz von technischen Sicherheitsmerkmalen zur eindeutigen Identifizierung und Abwehr von unberechtigten Produkthaftungsklagen sinnvoll sein. Essentiell sind eine ganzheitliche Strategie und die konsequente Verfolgung der Nachahmer.