Wirtschaftsraum Solingen 2008



Bei Glas den absoluten Durchblick

( Von Wolfgang P. Getta )

Mit der Fertigung von Glasschneidrädchen, die damals in billige Taschenmesser eingebaut wurden, machte sich Schlossermeister Josef Bohle Ende 1923 in Ohligs selbstständig. Aus dem Einmann-Betrieb ist eine international tätige AG mit über 300 Beschäftigten geworden. Sie ist in dritter Generation in Familienbesitz und hat ihren Standort seit 1969 in Haan. Mit einem Angebot von rund 7000 Artikeln für den Glasbereich, darunter etwa die Hälfte selbst gefertigte, ist Bohle Marktführer in Europa. Der Umsatz belief sich 2007 auf rund 54 Millionen Euro.


Man kann mit ihnen Hochhauswände hinaufklettern – wie jüngst bei „Wetten dass“. Im richtigen Leben werden die bei Bohle produzierten Saugheber aber zum Tragen von Glasscheiben oder auch Kühlschränken eingesetzt.
Foto: Werk
In neun Produktbereichen ist die Bohle AG tätig, wie Diplomkaufmann Dominik Hinzen (33) erläutert. Er leitet den Bereich Marketing und Kommunikation. Das Thema Glasschneiden ist bei Bohle immer noch sehr wichtig. Schneidrädchen aus Spezialstahl, Hartmetall oder gar aus Industriediamanten werden beim manuellen und auch beim industriellen Glasschneiden eingesetzt und jährlich zigmillionenfach produziert. Das Schleifen der Rädchen geschieht auf Robotern wie auch auf konventionellen Maschinen. Sie sind bei Bohle selbst entwickelt worden. Jedes zehnte Rädchen wird übrigens von Frauenhand auf Schnittfähigkeit geprüft, so Fertigungsleiter Andreas Leike.

Für den manuellen Einsatz werden unter der Marke „Silberschnitt“ neben Glasschneidern auch Schablonen, Lineale und Winkel, Schnittöffner und spezielle Zangen hergestellt. Industriekunden beziehen unter anderem maßgeschneiderte Träger für Rädchen mit speziellen Geometrien und Schliffen.

Erster Glasschneider schon 1933 auf dem Markt
Der 1923 gegründete Familienbetrieb startet mit der Fertigung von Schneidrädchen zum Glasschneiden. Zehn Jahre später kommt der erste Glasschneider unter dem Kunstnamen „IBOR“ (gebildet aus den Anfangsbuchstaben von Josef Bohle Ohligs Rheinland) auf den Markt. 1936 werden die Marken „Silberschnitt“ für Glasschneider und „Veribor“ eingetragen. In den 1950er Jahren werden Schneidrädchen aus Hartmetall eingeführt. Unter der Marke „Veribor“ beginnt die Produktion von Saughebern.

1959 Umzug nach Haan
Ab 1959 wird der Stammsitz von der Grenzstraße in Solingen-Ohligs, wo es keine Expansionsmöglichkeiten gibt, an die Dieselstraße in Haan verlegt. Seit 1990 runden Handelsprodukte das Bohle-Angebot zum Vollsortiment ab. 1991 geht das Unternehmen auf den britischen Markt und in den Folgejahren in die Niederlande, nach Frankreich, Österreich, Italien und Spanien. 2001 wird die Firma zur Aktiengesellschaft. Heute ist sie auch in Südafrika, Estland, Russland, Schweden und den USA vertreten. Von den 300 Beschäftigten arbeiten 200 (rund 40 Prozent davon Solinger) am Stammsitz Haan. Dort ist 2004 die zentrale Logistik in Betrieb gegangen.

„Veribor“ ist die Marke für den Bereich Handling. Er umfasst unter anderem an die 40 verschiedene Pumpen- und Kipphebelsauger, dazu Vakuum-Hebeanlagen sowie weitere Transport- und Tragehilfen. Dieser Bereich ist ebenfalls ein wichtiges Standbein. Werkzeuge – zum Schleifen, Bohren und Sägen von Glas – sowie Schleifscheiben und -bänder, Bohrer und Sägeblätter bilden ebenso eine Produktgruppe wie Beschläge aller Art oder Oberflächentechnik. Das Glasverkleben, so Hinzen, wird immer wichtiger. Bohle bietet hier das größte Sortiment der Branche. UV-Klebstoffe der Marke „Verifix“ werden nach eigenen Rezepturen entwickelt und zusammen mit Strahlern, Röhrenleuchten und anderen Hilfsmitteln vertrieben. Für die Automatisierung von Klebeprozessen und für rationelle und präzise Serienfertigung liefert Bohle Produkte und Zubehör.

Ein weiterer Bereich sind Maschinen für die Glasindustrie, darunter als größte ein Laminierofen für 85 000 Euro. Viele der Maschinen werden im Bohle-Zweigwerk in Torgau (Sachsen) hergestellt. Auch Aufbereitungsanlagen, für wasserarme Länder ganz wichtig, werden dort produziert.

Wo ist die „Zinnbadseite“? Das Messgerät TinCheck findet es heraus
Ein sehr innovativer Bereich mit besten Zukunftsperspektiven sind für Dominik Hinzen Messgeräte, die beim Verglasen benötigt werden. Zahlreiche Produkte werden jährlich in der eigenen Entwicklungsabteilung, die momentan händeringend qualifizierte Ingenieure sucht, zur Serienreife gebracht.

Auf der „glasstec“ in Düsseldorf weckte die Bohle AG kürzlich starkes Interesse für ihren neuen „TinCheck“ (Foto oben rechts): Er ermittelt beim Auflegen auf eine Scheibe mit präziser LED-Technik deren „Zinnbad-Seite“. Sie zu erkennen ist wichtig für Glasverarbeiter.

So modern wie die Fertigung ist das 4000 m² umfassende Logistik-Zentrum. Zu ihm zählt, wie Leiter Frank Wieprecht stolz vorzeigt, eine 14 000 Plätze umfassende automatische Kleinteile-Anlage sowie ein Hochregal-lager mit 900 Paletten. Dominik Hinzen: „Wir sind hier auf Wachstum ausgerichtet.“