Wirtschaftsraum Solingen 2008



Dünnschliff hält scharf

( Von Karl-Rainer Broch )

Giselheid Herder-Scholz mit dem Brotmesser „Grandmoulin“.
Fotos: Melchior
So werden japanische Messer geschärft: auf dem Stein.
„Gute Messer sind von Hand gemacht.“ Mit diesem Wahlspruch hält Robert Herder – Markenzeichen Windmühlenmesser – als eines der wenigen noch in der Klingenstadt produzierenden Unternehmen die Tradition des Handwerks hoch. Mitinhaberin Giselheid Herder-Scholz: „Auch wenn sich die Zeit und unser Messerverständnis geändert haben, treffen sich heute bei jedem unserer Messer Funktion und Stil, Vergangenes und Kommendes.“ Tradition ist für Herder-Scholz kein Rückschritt, sondern eine „fortwährende Reise in die Zukunft“. Messer mit dem Namen „Solingen“ seien nach wie vor begehrt, müssen sich jedoch mit billig produzierter Massenware von entsprechender Qualität auseinander setzen. „Der Verbraucher kann nicht mehr unterscheiden, was echt und nicht echt ist.“ Die Unternehmerin will die Kunden sensibilisieren. Herders Antwort auf die Plagiate: der „Solinger Dünnschliff“, mit dem man besondere Schärfe und Schnitthaltigkeit erreicht. Im Gegensatz zu den meisten industriell hergestellten Messern wird der Schliffwinkel weit oben angesetzt. Dadurch läuft die Klinge schlank und sehr spitz auf die Schneide zu. Die Schärfe hält sich länger, man muss die Klinge zum Nachschärfen nur 2-3-mal über den Wetzstahl ziehen und nicht, wie heute üblich, 10-mal und mehr. Auf speziellen Seminaren für Köche zeigt die Firma Herder, dass beim Manufactur-Schliff das Messer länger scharf bleibt. Bei den Messern mit Klingen aus rostendem Karbonstahl – die Spezialität der Windmühle – wird diese zwar schmaler, aber auch dünner, das Prinzip der „selbstschärfenden“ Messer. Ein im Firmen-Archiv aufbewahrtes, inzwischen 60 Jahre altes „Ur-Zöppken“ zeigt deutliche Gebrauchsspuren am Griff, die immer noch scharfe Kohlenstoffstahlklinge ist im Lauf der Zeit immer dünner geworden und mit dunkler Arbeitspatina belegt.

FIRMEN-FAKTEN

FAMILIENUNTERNEHMEN

Die Firma wurde 1872 von Robert Herder in Solingen gegründet. Heute wird die „Windmühlen-Messermanufactur“ in vierter Generation von Giselheid Herder-Scholz und Frank-Daniel Herder geleitet.

MARKENZEICHEN
„Windmühle“ wurde vom Gründersohn Paul Herder 1889 nach einem Besuch in Belgien und den Niederlanden entwickelt. 1998 wurde das Markenzeichen „Eichenlaub“ erworben, ein handgemachtes Schmiedebesteck, das seit Ende des 19. Jahrhunderts im Handel ist und als Vorlage für die heutigen Bistro-Bestecke diente.

WICHTIGE PRODUKTE
Messerserien aus Kirschbaum- und Olivenholz mit Zubehör (unterschiedlichste Schneidbretter), Reisekollektionen sowie Pflege- und Zubehörartikel.



Wilfried Fehrekampf (72) gibt die hohe Kunst des Schleifens weiter

Bei Herder wird der Feinschliff nicht nur durch „Feinpließten“, sondern auch durch „Blaupließten“, der aufwändigsten Technik des Solinger Schleifhandwerks, erreicht. Herder ist die einzige Solinger Firma, bei der man zum „Blaupließter“ ausgebildet werden kann. Verantwortlich dafür ist der 72 Jahre alte Schleifmeister Wilfried Fehrekampf, der als einer der letzten Handwerker die feine Kunst der „blauen“ Messer beherrscht und sie an den Nachwuchs weitergibt.

Ein Sonderprojekt bei Herder ist der Manufaktur-Austausch zwischen Ost und West. Um auf dem japanischen Markt bestehen zu können, bauten die Solinger Kontakte zu kleinen, renommierten Familienschmieden auf und überzeugte diese, ihre Messer an deutsche Herder-Kunden zu verkaufen. Nach zehn Jahren sind die japanischen Messer in der deutschen Fachbranche immer mehr zum Begriff geworden und leisten einen Beitrag zum besseren Verständnis der japanischen Kultur und Küche.

Etliche Schmiede und Messerschleifer haben in den letzten Jahren ihr Wissen bei Herder-Seminaren an die deutsche Kundschaft weitergegeben. Für Herder ist die Zusammenarbeit mit Japan eine Herausforderung, da die eigene Solinger Qualität noch gesteigert werden musste, um in Japan zu bestehen. Zum Beispiel mussten die Holzgriffe fehlerfrei ohne Kanten bearbeitet werden.

Die Finanzkrise macht sich auch bei Herder bemerkbar. Der Umsatz entfällt zu 55 Prozent auf Deutschland, exportiert wird hauptsächlich nach Europa und Japan. Giselheid Herder-Scholz: „Der Verkauf der Gemüsemesser, unserem Hauptprodukt, ist zurzeit rückläufig. Dafür werden aber die hochwertigen Produkte gekauft.“ Die verschiedenen Windmühlenmesser haben zwischen 2002 und 2007 22 international beachtete Designpreise gewonnen. Die Palette reicht vom Brotmesser „Grandmoulin“ (mit Wellenschliff) über die „Taschenzwerge“ (kleine Reise- und Käsemesser) bis zum Torten- und Stollenmesser „Tartemoulin“. Funktionalität und Formverständnis für Klingen und Griffe standen im Mittelpunkt.

67 Mal geht ein traditionell gefertigtes Messer durch die Hände der Herder-Mitarbeiter – so wird sichergestellt, dass nur beste Solinger Qualität in die Welt verschickt wird.