INTERVIEW Zum Jahr der Genossenschaften sprach das ST mit Ulrich Bimberg, SBV-Vorstandsvorsitzender.
Das Gespräch führte Fred Lothar Melchior
Die Vereinten Nationen haben 2012 zum Internationalen Jahr der Genossenschaften erklärt. Sind Genossenschaften in Zeiten der Gier und Finanzkrisen auf einmal wieder „in“? Ulrich Bimberg:Sie waren nie „out“. Genossenschaften sind keine sozialistischen Hinterlassenschaften, sondern eine grundsolide, im positiven Sinn erzkonservative Wirtschaftsform. Über der Globalisierung verliert man ein bisschen die Erdung: Vor Ort spielt die Musik. Außerdem hatten die Genossenschaften beispielsweise schon Mitbestimmungsrechte eingeführt, als es noch kein Wahlrecht für Frauen gab.
Im Mai stellen sich die Wohnungsbau-Genossenschaften im Foyer des Düsseldorfer Landtags vor. Als Vorstandsvorsitzender der größten Einrichtung dieser Art im Rheinland werden Sie eine kleine Rede halten. Worüber sprechen Sie? Bimberg:Unter anderem über unseren Einsatz für die älteren Mitglieder. Die Babyboomer kommen in den nächsten 10, 15 Jahren ins Rentenalter. Wir überlegen, ob wir in anderen Siedlungen – wie schon im Weegerhof – seniorengerechte Wohnungen anbieten können.
Wie weit sind die Bauarbeiten am Weegerhof gediehen? Bimberg:Die letzten 34 Wohnungen werden Ende Mai, Anfang Juni bezogen. Wir wollen unseren Gründungstag, den 11. Juli, nutzen, um die Seniorenwohnanlage einzuweihen. Die Modernisierung der ganzen Siedlung geht in diesem und im nächsten Jahr weiter. Wir schließen auch die Häuser an der Weinsbergtalstraße ein.
Wo liegt der Schwerpunkt bei der Modernisierung? Bimberg:Die Wohnungsbaugenossenschaften haben das Motto „Wir bauen eine bessere Welt“ gewählt. Dazu gehört die energetische Sanierung: In diesem Jahr werden wir insgesamt mehr als 2000 unserer 7100 Wohnungen energetisch fit gemacht haben. Die Energiewende wird auch für uns eine Herausforderung. Wie viel hat die Genossenschaft im letzten Jahr für derartige und andere Arbeiten ausgegeben? Bimberg:Wir haben im letzten Jahr zirka 70 000 Euro pro Arbeitstag investiert, insgesamt rund 20 Millionen Euro. Wir sind ein zuverlässiger Partner für das Handwerk und den Mittelstand.
„Nicht jeder, der bei uns einzieht, ist gleich Genossenschafter.“
Ulrich Bimberg
Das Geld kommt auch von den Genossenschaftern, die in die Spareinrichtung des SBV einzahlen. Wie viel war es 2011? Bimberg:Im Sparbereich haben wir 2011 einen erheblichen Zulauf gehabt. Das Sparguthaben ist von 61,9 auf 65,4 Millionen Euro gestiegen. Das ist schon enorm und hat mit den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun. In dem Zuwachs sehen wir eine große Anerkennung. Einige Mitglieder haben auch zusätzliche Anteile gezeichnet; bisher wurden sie immer mit vier Prozent verzinst. Man sucht sichere Häfen.
Einen sicheren Hafen gibt es für die insolvente Ohligser Wohnungsbau eG nach dem Verkauf von 506 Wohnungen wohl nicht mehr. Hätten die anderen Solinger Genossenschaften sich nicht zur Rettung zusammenschließen können? Bimberg:Die eine oder andere Genossenschaft hätte vielleicht ihr Gebiet mit OWB-Häusern arrondiert. Das war aber vermutlich von den Gläubiger-Banken nicht gewollt. Sich über einen Kauf als Ganzes Gedanken zu machen, dafür ist nicht die richtige Ausgangssituation. Beim SBV etwa ist es absehbar, dass wir in den nächsten Jahren erheblich in unsere eigenen Immobilien investieren müssen. Die Anforderungen steigen immer mehr, die nächsten Verordnungen stehen vor der Tür.
Bei den Ohligsern hat ein Teil der Misere mit der N.E.W.S., der „Neue Eigentümer Wohnungsgenossenschaft Solingen“ angefangen. Bimberg:Die eigentumsorientierten Genossenschaften sind nicht der Typus, den wir vertreten. Das Steuerspar-Modell war ein Flop. Zur OWB: Wie kann man als mittelgroße Genossenschaft auf die Idee kommen, ein Park- und Geschäftshaus in Wuppertal zu bauen oder in Schleswig-Holstein Häuser zu kaufen? Wo war da der Mitgliederauftrag?
Sind die Genossenschafter heute nicht vielleicht auch weniger am Mitgestalten interessiert? Bimberg:Das ist kein genossenschaftliches, sondern ein gesellschaftliches Problem. Genossenschaften sind ja kein Landschaftsschutzgebiet. Nicht jeder, der bei uns einzieht, ist gleich Genossenschafter. Die gegenseitige Unterstützung und die Bereitschaft, sich zu engagieren, sind manchmal nicht mehr so groß, wie sie vielleicht früher waren. Wir überlegen, wie wir das intensivieren können – auch und gerade im Jahr der Genossenschaften.
Was tun Sie, um den Genossenschaftsgedanken auch außerhalb Solingens zu fördern? Bimberg:Im Juli werden wir, wie alle fünf Jahre, den Klaus-Novy-Preis verleihen. Im Waschhaus Weegerhof soll diesmal das Dutzend Preisträger aus früheren Jahren entscheiden, welche Junggenossenschaft aus Deutschland 2012 ausgezeichnet wird.